Inge Lux : "Verbosas Wortgelage "– Ein Märchen

Inge Lux' Märchen ist eine Hommage an die Schönheit der Sprache. In ihrer Märchenwelt zählen weder Reichtum noch Status - denn nur das allerschönste Wort kann das Herz der Prinzessin erobern.

Es waren einmal ein schweigsamer König und eine griesgrämige Königin. Die lebten in einem kleinen Schloss gleich hinter dem Schlosspark. Zehn Jahre hatten sich die beiden darüber unterhalten, wie sehr sie sich liebten. Das ganze Schloss war mit Musik und Rosenduft erfüllt. Weitere zehn Jahre hatten sie sich täglich beteuert, wie sehr sie sich ein Kind wünschten. Ärzte aller Herren Länder gaben sich die Klinke in die Hand. Als sie kein Kind bekamen, versank das ganze Schloss in Schweigen.

Doch eines Tages wurde das Schweigen im wahrsten Sinne des Wortes durchbrochen. Beim Mittagessen spuckte die griesgrämige Königin die Hühnersuppe quer über den Tisch. Die Diener lachten, der König schimpfte mit dem Koch und rief nach dem Hofarzt. Mitten im Tumult verkündete dieser: „Die Frau Königin erwartet ein Kind!“ Was für eine Freude! Schon wurden Schaukelpferd, Eisenbahn und Zinnsoldaten angeschafft. Dem Thronfolger sollte es an nichts fehlen. Aber siehe da, die Königin gebar ein Mädchen. Schon nach der Geburt rief das kleine Ding ein lautes ‚Aaaa!’, so dass alle rundherum die Sprachkünste des Säuglings bewunderten.

Noch in den Tagen vor der Taufe gab das Mädchen so erstaunliche Laute von sich, dass ein weiser Mann den Eltern riet, das Kind Verbosa zu nennen, das heißt, die Wortreiche. Das stolze Königspaar willigte ein. Allerdings nannten alle die kleine Prinzessin nur Bosi. Bosis ulkige Laute und ihre ersten Worte erfüllten das Schloss mit Freude. Als Bosi vier Jahre alt wurde, wünschte sie sich zum Geburtstag nicht etwa Spielsachen, sondern Worte. Jeder Gratulant musste das geschenkte Wort mehrmals wiederholen, bis Bosi vor Freude in die Hände klatschte. Der Zuckerbäcker schenkte ihr das Wort ‚Marzipan’, die Gärtnerin entzückte sie mit dem Wort ‚Reseda’. Der Koch brachte sie dreimal mit‚ Couscous’ zum Lachen, So ging es den ganzen Tag, bis die königlichen Eltern mit den Worten ’Wolkenschaf’ und ‚Honigmond’ die erschöpfte Bosi zu Bett brachten.

Welch ein Glück, dass Bosi mit fünf endlich einen Hauslehrer erhielt und lesen lernte! Nun füllten sich die Regale mit Büchern und Wortgeschenken des Volkes jenseits des Schlossparkes. So wuchs Bosi zu einem wortreichen jungen Mädchen heran. Doch die königlichen Eltern fragten sich oft, wie sie für Verbosa einen geeigneten Prinzen finden sollten. Denn ein Prinzgemahl musste her, früher oder später. Schon begann Bosi mit dem königlichen Bibliothekar zu flirten. Als Bosi sechzehn Jahre alt war, schickte der besorgte König Briefe an sämtliche Königshäuser, die er im königlichen Lexikon fand. Er lud alle Prinzen ein, seiner Tochter bei einem großen Wortgelage den Hof zu machen. Derjenige, der Verbosa das schönste Wort als Brautgeschenk mitbrächte, sollte ihr Gemahl werden. Bosi wollte anfangs von einer Heirat nichts wissen. Doch die Aussicht auf unzählige wunderbare neue Wortgeschenke stimmte sie um.

Der Tag des Festes wurde für den 1.Mai, Bosis 17. Geburtstag, festgelegt. Das Wortgelage und die anschließende Hochzeit sollten im Schlosspark stattfinden, und das ganze Volk war eingeladen. Schon bald kamen Anmeldungen von Prinzen aus allen Windrichtungen. Einen Tag vor dem Fest zog sogar eine Karawane mit vier Kamelen durch die Schlossstraße, und vier Diener schlugen im Schlossgarten ein prächtiges Zelt für ihren arabischen Prinzen auf. Der Prinz aus Rumänien blieb aus, weil er auf der Reise sein Wort an eine ungarische Zirkusprinzessin verloren hatte. Ein Prinz aus Indien hatte unterwegs sein Wort vergessen und musste noch einmal umkehren, um es mit seiner Mutter zu üben. So waren es schließlich zwölf Prinzen, die um die Hand der wortreichen Prinzessin Verbosa anhielten.

Es war ein herrlicher Frühlingstag. Schon am frühen Morgen drängte die Volksmenge zum Schlosspark. Als Prinzessin Bosi im Nachthemd auf den Balkon trat, kam ihr schon ein Schwall mittelschöner Wörter entgegen. Gähnend kehrte sie ins Schlafzimmer zurück und raunzte ihre Kammerzofe an. „Ach, Lilly‚ was ist, wenn ich alle Prinzen und ihre Wörter langweilig finde?“ ‚Heiraten muss sein!’ bekräftigte Lilly und wäre selbst gern eine Braut gewesen. Wenig später stand Bosi in einem wunderschön schillernden Seidenkleid auf der Schlosstreppe. Mutter und Vater warteten bereits ungeduldig auf der königlichen Freibühne. Das Gewimmel im Park war inzwischen zum Volksfest geworden, so dass der Zeremonienmeister Mühe hatte, Ruhe zu schaffen. Erst als Verbosa zwischen den Eltern ihren Platz einnahm, verstummte das Volk. Der König begrüßte feierlich alle, die zum königlichen Wortgelage erschienen waren. Da preschte auch schon der Prinz von Wales durch die Menge, sprang elegant vom Pferd und überbrachte Bosi mit einer galanten Verbeugung auf einem Samtkissen sein Wort. „Rosegarden!“ Das Volk klatschte Beifall. Bosi kostete das Wort auf ihrer Zunge und fand es fade. Es folgte ein Prinz aus Österreich, der Bosi mit dem Wort ‚Schmankerl’ ein Lächeln abrang. Während ein russischer Zarensohn zur Bühne schritt, ertönte ein lautes Schnarchen aus dem Zelt des arabischen Prinzen. Bosi begann zu kichern, und das Volk gröhlte laut. Empört strich der Zeremonienmeister den Scheich aus der Bewerberliste. Der russische Zarensohn verneigte sich vor Bosi. Er hatte sich ein deutsches Wörterbuch angeschafft und hatte sich gut beraten lassen. So schenkte er der ersehnten Braut das Wort ‚Sauerkraut’. Unwilliges Raunen ging durch die Menge, und die Prinzessin prustete vor Lachen. „Böse Bosi!“ zischte die Königin. Der König unterbrach die Kür. Alle Prinzen und Gäste wurden nun zu Buchstabensuppe und Russisch Brot eingeladen, Bosis täglichen Lieblingsspeisen. Kein Wunder, dass fünf Bewerber sich heimlich aus dem Staube machten.

Während das Volk sich fröhlich zuprostete, beriet sich die Königin mit ihrem Gemahl. Es blieben nur noch drei. Da war der französische Prinz, dessen Vater sie selbst vor vielen Jahren hatte abblitzen lassen. Sie musterte den schönen Spanier, der beim Bierstand fröhliche Lieder sang. Doch erst musste der Däne überstanden werden. Er war so beleibt, dass ihm zwei Diener die Treppe hinauf halfen. Er überreichte der Prinzessin eine gewaltige Schüssel mit Roter Grütze, auf der sein Wortgeschenk mit Sahne gespritzt war: „Röde gröde med flöde!“ „Betrug!“ rief der Zeremonienmeister, „es ist nur ein Wort gestattet!“ Erleichtert sah Bosi zu, wie der enttäuschte Prinz samt seiner Schüssel die Treppe hinuntergewuchtet wurde. Schon tänzelte der französische Prinz im Menuettschritt auf die Bühne zu. Aus einem Pompadoursäckchen zog er ein hellgrünes Seidenband, auf dem sein Zauberwort stand. „Grenouille!“ Die Hoffnung des jungen Laffen auf den Zauber des ‚Froschkönigs’ erfüllte sich nicht. Alles lachte, und Bosi fand das schlammige Wort nur ärgerlich. Jetzt noch der Spanier, und dann sollte sie sich entscheiden. Mit Schrecken nahm sie wahr, wie der spanische Infant auf die Bühne zutorkelte. Zuviel hatte er dem deutschen Bier zugesprochen und dabei sein Wortgeschenk vergessen. Nun grinste er Bosi frech ins Gesicht und lallte ihr entgegen: „Cerveza!“ „De nada!“ schrie ihn die Prinzessin an, die schon mit sechs Jahren spanisch gelernt hatte und genau wusste, dass ‚cerveza’ Bier bedeutete. Was für eine Schande! Benommen taumelte der letzte Kandidat von der Bühne. Schweißgebadet erhob der König die Arme, so dass augenblicklich Ruhe einkehrte. „Die königliche Familie zieht sich zur Beratung zurück.“

Genau in diesem Augenblick drängte sich eine weiße Gestalt durch die Menge und sprang fröhlich die Treppe zur Bühne hoch. Alle Augen richteten sich auf Lucio, den kleinen Pizzabäcker vom Schlossplatz Nr. 4. In seiner langen Schürze und der weißen Bäckermütze sah er wirklich nicht wie ein Prinz aus. Schon wollte der Zeremonienmeister ihn ergreifen lassen. Doch Prinzessin Bosi gebot Einhalt. Sie liebte den Pizzaduft, der an windigen Tagen bis in ihr Zimmer wehte. „Bleib, und nenne mir deinen Namen“, sprach sie und versenkte sich in zwei sanfte dunkle Augen. „Ich bin Lucio, der Pizzabäcker, und ich möchte der schönsten Prinzessin mein allerschönstes Wort schenken.“ Lucio! Der Name klang für Bosi wie ein Schluck klaren Wassers nach einem überreichen Gelage. „Lucio, ich bitte um dein Geschenk.“ Da zog Lucio ein Leinentuch von einem Wort, das er ganz aus duftendem Pizzateig gebacken hatte und sprach mit sanfter Stimme: „Capricciosa.“ Ein Raunen ging durch die Menge. Die Königseltern blickten sich verunsichert an, doch Bosi strahlte über das ganze Gesicht. „Capricciosa! Das ist das schönste Wort, das ich je geschenkt bekam. Und du bist überhaupt der einzige, den ich mir als Prinzgemahl wünsche.“ „Darf ich dann auch weiter Pizza backen?“ wandte Lucio ein. „Noch und noch, jubelte die Prinzessin, mit mir zusammen, und dabei erzählen wir uns viele schöne Worte.“ Damit gab sie Lucio einen Kuss mitten auf den Mund. Die sprachlosen Königseltern ließen sich vom Glück der beiden rühren und willigten in die Heirat ein. Noch in der gleichen Stunde wurde unter dem Jubel des Volkes die Hochzeit gefeiert. Seit diesem Tage aber duftete es im Schloss nach Pizza und Rosenduft, und die wunderschönsten Worte hallten durch das Schloss.

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