Isabel Gräfin von Einsiedel-Kartachov : Das Rätsel

Isabel Gräfin von Einsiedel-Kartachov

Draußen begann es, dicke Flocken zu schneien. Gerade noch rechtzeitig hatte Emily es ins "Wimsey's" geschafft und beobachtete nun, wie der erste Schnee des Jahres auf die Straßen Berlins fiel. Sie saß auf dem Sofa, mit einer dampfenden Schale Milchkaffee, einem Baguette und der Zeitung vor sich auf dem Tisch. Langsam kroch die Wärme zurück in ihren Körper und mit ihr das wohlige Gefühl, sich die Mittagspause verdient zu haben.

Sie legte ihren Wintermantel neben sich auf die Stuhllehne und ließ einen flüchtigen Blick durch den vertrauten Raum gleiten. Ein gemütliches Café mit fünf Tischen, das ausschließlich mit antiken Möbeln eingerichtet war. Hier duftete jeder Winkel nach Kaffee, heißer Schokolade, Kuchen und anderen Herrlichkeiten.

Sie schlug die Zeitung auf und runzelte plötzlich verwundert die Stirn. Jemand hatte sich am Kreuzworträtsel zu schaffen gemacht.

An ihrem Kreuzworträtsel.

Das hatte es noch nie gegeben. Sie hielt es für eine Selbstverständlichkeit, dass die anderen Gäste zumindest den Anstand besaßen, nicht in ihre Zeitung zu malen. Und auf was für eine dilettantische Art und Weise das noch dazu geschehen war!

"Was für ein Stümper", dachte Emily verärgert, als sie einige durchgestrichene und korrigierte Wörter betrachtete. "Ungebildeter und vorschneller Stümper!"

Kopfschüttelnd strich sie ein falsches Wort aus und setzte die richtige Lösung mit dick geschriebenen Buchstaben darüber. Nach kurzem Überlegen malte sie ein großes Ausrufezeichen daneben. Sie füllte einige leere Kästchen aus und besah sich das noch immer nur halbgelöste Rätsel.

Ein ästhetisches Ärgernis.

"He, Schmierfink", schrieb sie an die Seite des Rätsels, "zweimal denken, einmal schreiben!"

Damit war die Sache für sie erledigt. Würde ohnehin keiner lesen. Zeit für den Feuilleton und eine zweite Tasse Kaffee.

Am nächsten Tag schlug Emily die Wochenzeitung gezielt beim Kreuzworträtsel auf, denn sie wollte eine zu Hause in der Bibel nachgeschlagene Antwort einfügen. Wie erwartet, brachte auch diese Lösung sie keinen Schritt weiter. Sie grübelte und starrte und sah doch nicht das Offensichtliche.

Nach einer Zeit unproduktiven Brütens wurden ihre Augen aber endlich darauf aufmerksam. Zwischen den Zeilen hatte jemand mit kleinen Buchstaben etwas notiert.

Und ihre Randbemerkung war beantwortet worden.

"Tut mir ehrlich leid", stand da, "ist alles neu für mich. Werde mich bei auftretenden Unsicherheiten vorher mit Ihnen beraten."

Sie lächelte unwillkürlich.

Eben, dachte sie zufrieden.

Ernst, aber milde gestimmt, machte sie sich daran, die Bemerkungen zu beantworten und fügte einige der Lösungen in das Rätsel ein.

"Eine völlig neue Art, an einem Kreuzworträtsel zu arbeiten", dachte sie lächelnd, "und nicht die Schlechteste!"

Am Wochenende ertappte sie sich dabei, wie sie in Gedanken immer wieder zu dem Rätsel und dem geheimnisvollen Fremden zurückkehrte. Am Montag rannte Emily beinahe ins "Wimsey's". Dort angekommen, rupfte sie die Zeitung vom Haken und durchblätterte sie noch im Gehen.

Wie erhofft, fand sie auf der Rätselseite eine neue Notiz.

"Ich bin froh", stand da, "dass Sie mir vergeben haben."

"Wie könnte ich das nicht", schrieb Emily lächelnd, als sie sich gesetzt hatte, "wo Sie doch so erstaunlich einsichtig waren!"

Es folgte eine Zeit des gemeinsamen Rätselratens und geistigen Austausches. Bald beschränkten sich die Kommentare nicht mehr auf das Kreuzworträtsel, sondern weiteten sich auch auf die Zeitungsartikel aus.

"Lesen!", stand so nach einer Woche plötzlich in großen Buchstaben an einer Buchrezension und Emily kaufte sich noch am selben Tag das Buch.

Mit "interessante These", "was halten Sie davon?", "völlig an den Haaren herbeigezogen" oder "unglaublich gut" illustrierten die beiden nach Herzenslust die Zeitung, als gehörte sie ihnen. Nur persönliche Fragen stellten sie einander nicht. So wusste Emily nicht einmal, ob der Fremde ein Mann oder eine Frau war, auch wenn sie in der Schrift eine männliche zu erkennen glaubte.

Eines Tages stand auf der Titelseite in unbekannter Schrift: "Hört mal, Freunde, so geht das nicht. Das ist eine Zeitung und kein Malbuch."

Jemand hatte darunter geschrieben: "Eben, wer hat Euch nach Eurer Meinung gefragt?"

Emily schämte sich ein bisschen. Aber die Sache machte ihr zu großen Spaß, um sie so einfach kampflos aufzugeben.

"Das hier ist ein öffentliches Café und eine Zeitung der Allgemeinheit. Schon mal was von Meinungsfreiheit gehört?"

"Was hat die damit zu tun", fragte sie sich im Stillen. Aber ein Argument für ihr Verhalten war ihr nicht eingefallen, also musste dieses reichen.

Am nächsten Tag hatte nicht nur ihr Freund, sondern offenbar auch der Besitzer des Cafés eine Anmerkung hinterlassen.

"Genau", stand da zunächst in der vertrauten Schrift, "Ihr müsst es ja nicht lesen! Und den Text selbst rühren wir schließlich nicht an."

"Es freut mich außerordentlich", schrieb der Besitzer, "dass Ihr Euch bei mir so wohl zu fühlen scheint, als wärt Ihr zu Hause. Das seid Ihr aber nicht! Also, seid so freundlich und lasst meine Zeitung leben. Natürlich könnt Ihr Euch immer gerne zu einem Kaffee bei mir verabreden, dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden..." Emily sah auf und schaute in ein grinsendes Gesicht. Der Mann kam auf sie zu und sprach sie an.

"Und, was habt ihr nun vor? Trefft ihr euch?"

"Woher weißt du, dass ich es bin?" fragte sie.

"Ist ja wohl schwer zu übersehen. Ihr benehmt euch ja nicht gerade unauffällig."

"Der andere -", begann sie und zögerte, "- ich meine, er ist doch ein ‚der', oder?"

"Ja."

"Wie ist er denn so?"

"Finde es selbst heraus", meinte der Kellner nur und ging wieder hinter die Theke.

"In Ordnung", schrieb sie kurzentschlossen auf eine neue Zeitungsseite, "wann sollen wir uns treffen?"

Sie zuckte zurück und ärgerte sich, denn ausstreichen konnte sie den Satz nun nicht mehr. Aber, hätte das Angebot nicht von ihm kommen müssen?

Die Antwort kam prompt.

"Morgen um 17 Uhr hier zum Kaffee?"

"Gut", schrieb sie.

Der nächste Tag hätte nicht schlimmer beginnen können. Die Nacht war kurz und ihr Schlaf unruhig. Sie konnte sich nicht für ein Outfit entscheiden, die Haare ließen sich überhaupt nicht in Form bringen und sie hatte dunkle Ringe unter den Augen. Sie fühlte sich, wie einmal durch die Mangel gedreht.

Bei der Arbeit war sie unkonzentriert und schaute ständig auf die Uhr. Als sie endlich aufbrechen musste, verließ sie plötzlich der Mut. Der Blick in den Spiegel war beschämend und die Aussichten auf ein Blind Date mit ihrem Traummann waren, realistisch betrachtet, verschwindend gering.

Warum hatte sie sich darauf eingelassen? Das würde nur alles kaputt machen. Die Aufregung, das Geheimnis, die Hoffnung, alles würde wieder aus ihrem Leben verschwinden. Und dabei hatte sie sich in den letzten drei Wochen lebendiger gefühlt als in den letzten drei Jahren. Was würde geschehen, wenn der Mann, der in ihren Träumen von Woche zu Woche schöner wurde, wie eine Seifenblase zerplatzte?

Und das war ja höchst wahrscheinlich.

Seufzend fügte sie sich in ihr Schicksal und machte sich auf den Weg.

Als sie die Tür des Cafés aufstieß, wurde sie von dem lächelnden Blick des Kellners begrüßt. Er nickte zu ihrem Lieblingssofa hin.

Und dort saß er.

Ein recht großer, schlaksiger Mann, mit leicht abstehenden Ohren, zerzausten Haaren, einer großen Nase und einem nachdenklichen Gesicht. Er hatte absolut nichts mit ihrer Fantasie gemein.

Doch als ihre Blicke sich trafen, schlich sich ein schüchternes Lächeln auf sein Gesicht. Er stand auf und kam ihr zögernd entgegen. Sein Blick ruhte dabei die ganze Zeit auf ihr und sein Strahlen wurde immer wärmer.

Sie ließ langsam die Tür ins Schloss fallen und ging in seine Richtung. Ein flaues Gefühl hatte sich in ihrem Magen ausgebreitet und sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

"Hi", sagte er mit leiser Stimme, "ich bin Frank."

Und plötzlich fühlte sie es ganz deutlich: Sie hatte endlich ihren Traummann gefunden.

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