Janus Torp : Paranoia

Janus Torp

Tag 1



Während er seinen Kaffee schlurfte und über sein Leben sinnierte, kam er zu dem Ergebnis, dass es so nicht weitergehen konnte. Irgendetwas würde er ändern müssen, er würde sich nicht zum "Sklaven seines Alltags" machen lassen. Er hatte vor ein paar Tagen einen Artikel in der Zeitung über dieses Thema gelesen, der aus Reportagen und Interviews von anerkannten Langweilern bestanden hatte. Er hatte sich den Text durchgelesen und eine Weile über diese Versager gelacht, bis sich in seinem Gehirn der Gedanke durchgesetzt hatte, dass es ihm im Grunde nicht anders ging. Schließlich hatte er die Zeitung wütend in die Ecke geschleudert und sich lange darüber aufgeregt, wie er sich nur von einem Zeitungsartikel beeinflussen lassen konnte.

Ich werde wohl das Abo kündigen, durchfuhr es ihn plötzlich, als er an seine Brieftasche dachte. Und an die Rechnung, die im Flur lag. Ein paar Minuten später war er trotzdem unterwegs zu den Briefkästen im Hausflur, um die Tageszeitung nach oben zu tragen. Als er an den Wohnungstüren der anderen Mieter vorbeilief, duckte er sich unter den Türspionen hinweg. Das war eine Angewohnheit, die fast schon zu einer Zwangsneurose geworden war, die aber sicherlich auf seiner Angst vor fremden Nasen in seinem Privatleben fußte. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sich irgendjemand in sein Leben einmischte.

Andere Leute gehen ins Internet und du liest dir Sachen durch, die dich nicht einmal betreffen.

Er begann gerade damit, sich über den Unterschied zwischen Zeitdieb und Zeitdieb den Kopf zu zerbrechen, da sah er es. Jonathan Meier starrte auf die Zeitung, als wäre sie ein gefährliches Tier. Fieberhaft las er die Zeilen auf Seite 5 immer und immer wieder, um vielleicht doch noch feststellen zu können, dass er sich verlesen hatte. Aber das hatte er nicht. Mit zitternden Händen las er erneut den Artikel.

"Ein Durchschnittsbürger und seine Sorgen- erster Teil einer Sonderreportage", lautete die Überschrift. Und darunter folgte ein langer Text, der detailliert den Tagesablauf und die Gedanken eines nicht genannten, anonymen Mannes schilderte.

Aber Jonathan Meier wusste es besser: Das waren nicht die Erlebnisse irgendeines Trottels; es waren seine. Und je mehr er sich die Absurdität dieser Situation vor Augen rief, umso unwirklicher erschien sie ihm. Irgendjemand musste am Tag zuvor jeden seiner Schritte verfolgt, jedem seiner Atemzüge gelauscht und jeden seiner Gedanken von seinem Gesicht abgelesen haben, ohne dass er etwas davon bemerkt hatte.

"Lesen Sie morgen den 2. Teil der dreitägigen Sonderreportage!", schloss der Artikel. Erst, als er den Satz zum fünften Mal las, wurde ihm dessen Bedeutung bewusst. Er begriff, dass er wieder beobachtet wurde, dass irgendjemand hinter seinen Fenstern stand und sich eifrig Notizen machte. Meier begriff, dass er handeln musste. Für einen einzigen, wahnwitzigen Moment schien es ihm, als sehe er sein eigenes Leben in tausend Scherben zerspringen, und jede von ihnen knallte mit einem Dröhnen auf die Erde.

Knall.

Ich muss die Fenster zuhängen.

Knall.

Und den Briefschlitz verschließen.

Knall.

Ich muss auf diesem Stuhl sitzen bleiben und mich klein machen, so klein, dass sie mich nicht mehr beschatten können.

Endlich kam er wieder zu sich. Was zum Teufel war in ihn gefahren? Warum verlor er die Beherrschung wie ein hysterischer Teenager in einem schäbigen Horrorfilm? Das hier war kein Film. Es war sein Leben. Und das würde er beschützen.

In einem unvorhergesehenen Anfall von Arbeitsdrang sprang er auf und zog sich an. Er würde nach draußen gehen, raus in die gefährliche Welt und versuchen, seine Beobachter ausfindig zu machen.

Im Treppenhaus nahm er mit jedem Schritt mehrere Stufen auf einmal, denn ihm war, als liefe ihm die Zeit davon. Er öffnete die Tür und trat ins Freie.

Jonathan Meier hatte das Gefühl, von Blicken durchbohrt zu werden, während er planlos durch die Straßen eilte. Er wusste nicht, was genau er vorhatte, ließ sich einfach von seinen eigenen Schritten leiten, ohne sich über sein Ziel klarzuwerden. Er spürte fremde Augen auf sich, er hatte das Gefühl, dass sie Schmutz auf seinem Körper hinterließen. In seinem Kopf hallten die Schritte hunderter Menschen und er versuchte krampfhaft, ein Schrittmuster herauszufiltern, das seinem glich. Ohne es sich befohlen zu haben, wurde er schneller, bis er fast schon rannte. Das Blut pochte in seinem Kopf. Hörte er da aus diesem Meer aus Schritten welche heraus, die ihm schnell folgten, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren? Nein, nichts außer kurzen Blicken, die schnell wieder davonglitten, nichts als zufällige Passanten.

Und dann hörte er hinter sich die Schritte. Auf alles gefasst wirbelte er herum und stand einer alten Frau gegenüber, die verblüfft ihre Tasche fallenließ. Meier war schockiert. Was war los mit seinem verdammten Gehirn?

Er drehte sich um und rannte davon.

Vor seiner Haustür kam er wieder zu sich. Er war fertig mit den Nerven. Ein letzter ergebnisloser Kontrollblick über die Schulter, dann schloss er die Tür auf und ging hinein.

Als er sich am Abend ins Bett legte, hatte er bereits zur Hälfte vergessen, was er den Nachmittag über getan hatte, doch er war sich sicher, dies am nächsten Tag in der Zeitung lesen zu können. Er war so erschöpft, dass er schnell einschlief.

Tag 2

Das einzige, an das er sich von diesem Tag erinnern sollte, war die kurze Zeitspanne zwischen dem Aufstehen und dem Blick in den Briefkasten. Das Dröhnen in seinem Kopf, die verschwommenen Schleier vor seinen Augen, das Pochen in seinen Schläfen, das alles war in dem Moment aufgetaucht, in dem er zu Seite 5 in der Tageszeitung geblättert hatte.

Das war seins. Das war sein Leben!

Er erinnerte sich, dass er etwas getan hatte, aber er wusste nicht mehr, was es gewesen war. Er wusste, dass er hinausgegangen war, aber er konnte sich nicht erinnern, ob er sich vorher etwas angezogen hatte. Es war gut möglich, dass er im Schlafanzug durch die Straßen geirrt war.

Da war das Gefühl, lange gerannt zu sein, als hätte er etwas verfolgt. Oder war vor etwas geflohen. Denn er erinnerte sich dunkel an das Geräusch von Sirenen, und an Schreie. Jedenfalls war er sich sicher, dass er irgendetwas Verbotenes getan hatte.

Zum ersten Mal in seinem Leben befürchtete Jonathan Meier, dass er den Verstand verlor.

Der letzte Tag

Er war sich sicher, dass es das beste für ihn war, wenn er so tat, als ob die letzten Tage nichts passiert wäre. Aus Motivationsgründen beschloss Meier, die Zeitung an diesem Morgen warten zu lassen.

Als er in die Küche kam, lief Wasser aus dem Hahn und tropfte auf ein Küchenmesser, das im Waschbecken lag. Seufzend drehte Meier den Wasserhahn zu und wunderte sich, wie er es die ganze Nacht über hatte laufen lassen können.

Er schüttelte den Kopf und ging in den Flur, um sich anzuziehen.

In dem Moment klopfte es dreimal übermäßig laut an die Tür. Meier zuckte zusammen und blieb reglos stehen, während er auf die Tür starrte. Er achtete nicht auf das, was hinter ihr gerufen wurde. Plötzlich wurde die Tür mit einem lauten Knall aus den Angeln getreten und flog zur Seite. Noch bevor sich Meier von dem Schock erholt hatte, stürmten fünf bewaffnete Männer in Uniformen in seine Wohnung. Er blickte in die Mündungen von 5 Schusswaffen und hörte eine Stimme, die wild auf ihn einredete. Wie betäubt lauschte Meier ihr und tat alles, was sie ihm befahl. Er ließ sich durchsuchen und ins Treppenhaus führen. Er konnte sich nicht einmal fragen, was eigentlich vorging. Doch in seinem Kopf tauchten Bilder vom Vortag auf, die ihm gar nicht gefielen.

Vor seiner Haustür standen Menschen in Schlafanzügen und Morgenröcken, die ihn schockiert ansahen. Dazwischen standen Fotografen und Journalisten. Ein Meer aus Kameras, Mikrofonen und Blitzlichtern.

Meiers Gehirn zeigte eine Regung. Er drehte den Kopf und erblickte in der ersten Reihe der Zuschauer einen Zeitungskurier. Er hatte einen Stapel der Tageszeitung an sich gepresst, die auch Meier täglich las. Und sein Blick fiel auf die Schlagzeile.

Unbekannter ersticht vierzigjährigen Mann auf offener Straße
Die Polizei sucht nach Hinweisen


Seine verschwundenen Erinnerungen. Das Gefühl der Flucht. Der Drang, um jeden Preis seine Verfolger abzuschütteln. Der laufende Wasserhahn. Das Küchenmesser in seiner Spüle. Das Geräusch der Sirenen.

Meier verspürte den Wunsch, zu weinen und sich an irgendjemanden zu klammern, der ihn tröstete. Jemand stieß ihn in einen Polizeiwagen, der mit leuchtender Sirene am Rand der Schaulustigen stand.

Plötzlich war er sich nicht mehr sicher. War er nur irgendein Verrückter, der unter Verfolgungswahn litt, einer von denen, über die man schaudernd in der Zeitung liest?

Jonathan Meier würde es nie erfahren.

Das Auto fuhr los, begleitet vom Blitzlicht der Reporter, und auf der Rückbank hatte Meier das Gefühl, dass etwas in ihm starb.

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