Jens Deeg : Der Opernball

Erwachsenenbeitrag

Seine Frau hätte ihm bestimmt einen Kuchen gebacken. Sie hätte auch Kerzen darauf gesteckt. Sie hätte sie angezündet und er hätte sie ausgepustet. Und danach hätten sie sich geliebt. Gleich hier auf der Couch. Noch vor dem Frühstück. Oder sie hätte ihm den Kuchen ans Bett gebracht, in neuen, schwarzen Dessous und er hätte erst in den Kuchen gebissen und dann in sie. Abends wären sie dann beide essen gegangen, hätten einen Aperitif und eine Nachspeise genommen, er hätte bezahlt und sie hätte von Kindern gesprochen. Vielleicht von den seinen. Und vielleicht wären die seinen auch die ihren gewesen.

Die Mutter seiner Kinder zu beschreiben fällt Christian schwer, denn mehr als ihr Äußeres prägen sich ihm ihre bloße Anwesenheit, ihre vermeintlichen Worte und Taten ein, die sie niemals gesagt, niemals vollbracht hat, die für ihn aber stets hör- und sichtbar bleiben, etwa wie die Äußerungen und Mimik seines früh verstorbenen Vaters, der Christian hin und wieder besucht um mit seinen Enkelkindern zu spielen. Christian ist alleinstehend. Er hat es verpasst, sich für eine Frau zu entscheiden. Jetzt wird keine mehr kommen. Jetzt ist er vierzig. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie alt ihm früher diese Leute erschienen waren, diese Vierzigjährigen, von denen er nicht glauben konnte, dass auch sie einmal eine Jugend, eine Kindheit gehabt haben könnten. Eingehend betrachtet er sich nun im Spiegel, sucht rücksichtslos nach Indizien seines körperlichen Verfalls, nach Alarmsignalen eines gewissen Alters, auf das unweigerlich der Tod folgen muss. Die Haut, vor allem die Haut hat gelitten. Wer will schon eine vierzig Jahre alte Haut küssen? Christian nicht.

Christian öffnet eine Flasche Wein und geht auf den Balkon. Es ist kurz vor Mittag. Es ist Samstag. Er steht im roten Bademantel auf dem Balkon und zündet sich eine Zigarette an, beäugt rauchend die Siedlung, zu deren Bewohnern nun auch er gehört. Hinter Mauern und Hecken, hinter Zäunen und Türen verstecken sich ihre Insassen, schotten sich ab vor Menschen wie ihm, vor Neuem, vor Fremdem. Irgendwo in einem Garten hört er Kinder schreien, irgendwelche Kinder von irgendwelchen Leuten. Christian sieht sie nicht. Auch nicht den Mann, der mit einem Rasenmäher bewaffnet seit einer Stunde seine Spießbürgeridylle poliert, damit sie einem täglich gezogenen Vergleich, der hier offenbar das wichtigste Bewertungskriterium bildet, standhalten kann. Christian kann so nicht leben. Er wird die Wohnung am Montag kündigen, denkt er sich. Er wird die Umzugskisten gar nicht erst auspacken, er wird sie alle ungeöffnet stehen lassen und verschwinden. Er wird seinem neuen Arbeitgeber ein Kündigungsschreiben servieren und in den Urlaub fahren, vielleicht nach Südeuropa, vielleicht nach Asien. Und vielleicht wird er dort gleich bleiben, wird all das, was sich in den Kisten befindet, versteigern und neu beginnen, vielleicht mit einer Frau, die seine Sprache nicht spricht, einfach nur da ist.

Christian schenkt sich Wein nach. Er sieht sich stolz und erfüllt durch die Straßen einer fremden Stadt gehen, er sieht sich Menschen grüßen, die er nach und nach kennen lernen wird und er sieht, wie auch sie ihn grüßen, wie sie ihm grüßend zulächeln und sich nicht bei ihm über die Benzinpreise beklagen und schon gar nicht über das Wetter. Er sieht dieses ferne, verheißungsvolle, neue Leben vor sich, das auch mit vierzig Jahren noch lebenswert ist und das irgendwo weit hinter dieser Siedlung auf ihn wartet.

Er wollte seine Mutter nicht in ein Seniorenheim stecken. Sie hat ihn darum gebeten. „Danke Mama. Ja Mutter. Ja. Nein. Ja. Geht es dir auch gut? Schön. Ja. Also bis bald. Danke. Tschüß.“ Christian legt auf. Er sitzt zwischen mehreren Umzugkartons am Boden. Die Worte seiner Mutter wiederholen sich in seinem Kopf. Die Einsamkeit, das Alleinsein ist das Schlimmste, hat sie damals gesagt. Ich könnte sterben und niemand würde es bemerken, auch du nicht. Wenn er eine Frau und Kinder gehabt hätte, wenn man sich ein Haus hätte teilen können, die Mutter unten und sie oben, seine Mutter als Oma, ihre Enkel seine Kinder, ihre Schwiegertochter seine Frau...

Christian erhebt sich. Es ist Zeit. Er stellt zwei große Boxen auf den Balkon und schaltet die Stereo-Anlage ein. Diese Siedlung braucht zweifelsfrei eine Oper. Christian sieht jetzt völlig klar. Er zieht die „La Traviata“ aus einer der Kisten hervor und legt sie auf. Er dreht den Lautstärkeregler fast bis zum Anschlag und stellt sich, immer noch im Bademantel, auf den Balkon zwischen die beiden Boxen, aus denen Verdi persönlich herauszusteigen scheint, um über diese Nachbarschaft zu richten, um dieser Nachbarschaft ein Gefühl, ein Leben zu schenken. Christian dirigiert euphorisch mit dem Weinglas in der Hand. Er tanzt und dirigiert abwechselnd, er dirigiert beim Tanzen und tanzt beim Dirigieren. Nach und nach zeigen sich ihm einige Bewohner, betrachten argwöhnisch diesen Fitzcarraldo, diese Karikatur im Bademantel, schreien alsbald. Christian kann sehen wie sie schreien, hört sie jedoch nicht. Dafür grüßt er sie. Er grüßt sie, indem er sich wie ein Dirigent verneigt, er grüßt sie alle und lächelt. Dann bittet er um Ruhe. Er hebt seinen Zeigefinger vor seine Lippen und mahnt zur Contenance. Schließlich setzt er sich und schließt seine Augen, lauscht, feiert seinen Geburtstag, feiert das Leben. Ganz still. Nur die Musik. Nur er und die Musik.

Die Polizei klingelt noch vor Ende des ersten Aktes bei ihm, sie klingelt und Christian öffnet ihnen nicht. Er muss dabei nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben, hatte er doch angesichts der Lautstärke keine Chance ihr Klingeln zu hören. Ihr Rufen, zu dem sie nun übergegangen sind, geht eindrucksvoll in einer Arie unter, die Christian auf der Toilette weiterverfolgt. Dort bemerkt er auch, als er beim Spülvorgang aus dem kleinen Fenster blickt, das ihm lächerlich erscheinende Polizeiauto vor dem Haus seines Vermieters, der im Urlaub weilt und auf dessen Hilfe die Polizei angewiesen wäre, wollte sie ihm in seiner Festung wirklich nahe kommen. Christian geht zurück auf den Balkon. Wie ein König tritt er vor das meuternde Volk, deren Anführer sich einen Plastiktrichter vor das Gesicht hält, was seine Stimme zwar lauter, aber auch lächerlicher erscheinen lässt. Christian dreht den Lautstärkeregler noch etwas weiter, er weiß, dass seine Anlage mächtiger ist als dieses mickrige Megaphon, das aus einer mittlerweile beträchtlichen Menschenansammlung zu ihm hinauf lugt. Endlich sind einmal alle Bewohner versammelt. Christian verbeugt sich stolz vor allen Nachzüglern und sieht am Ende der Straße noch mehr Publikum heranrücken. Mit so vielen Leuten hatte er nicht gerechnet und gerne hätte er ihnen jetzt Stühle bereitgestellt, denn der zweite Akt hat ja eben erst begonnen. Dass dann aber plötzlich Eier und Tomaten auf seinen Balkon geworfen wurden, dass das gemeine Volk unzufrieden auf diesen Opernnachmittag reagierte und dass schließlich auch eine Leiter herbeigeholt wurde, verwunderte Christian nur in dem Maße, dass dies alles so spät geschah. Offensichtlich war er in eine von Gutmütigkeit beseelte Siedlung gezogen, in der auch die Polizei den Bewohnern gerne helfend zur Seite steht, zum Beispiel, wenn es sich um so nachbarschaftliche Hilfen wie das Halten einer Leiter handelt. Dass auch er, Christian, eine Leiter halten kann, hätte sicherlich jeder der Beteiligten auf Anhieb vermutet, als dies jedoch geschah, erschraken große Teile dieses erstmals vereinten Volkes so sehr, dass sie sogar einen Moment lang nicht hinsehen konnten. Christian hielt das obere Ende der Leiter sicher in seinen Händen, jedoch drückte er es zuvor etwas vom Balkon weg, so dass der Besitzer der Leiter, der es sich unter keinen Umständen nehmen lassen wollte, seine Leiter selbst zu besteigen, sich nun etwas freischwebend auf einer der mittleren Sprossen wiederfand und sich erst weiterzusteigen getraute, als er eine konkrete, unmissverständliche Anweisung von Christian erhielt, der ihm empfahl, den schon gegangenen Weg noch einmal zu gehen, nur diesmal rückwärts. Es war dann kurz vor Ende des zweiten Aktes, als ein ihm unbekannter Mann aus einem Dachliegefenster zuerst die Box rechts von Christian und nur Sekunden später die Box links von ihm mit Hilfe eines Gewehres sozusagen erschoss. Im Polizeibericht hieß es, die Boxen seien aufgrund der enormen Belastung explodiert, was ihm, Christian, somit zu seinem einzigen Geburtstagsgeschenk verhalf, da er auf die Boxen noch drei Monate Garantie besaß.

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