Nava Ebrahimi : Emines Fest

Erwachsenenbeitrag

Emine blickt durch den Spion. Menschen gehen zu zweit, zu dritt oder in Grüppchen durch das Treppenhaus nach oben. Genau dann, wenn sie vor ihrer Wohnungstür um die Ecke biegen und die ersten Stufen ins nächste Stockwerk nehmen, blähen sich die Köpfe auf, während die Körper schrumpfen. Die meisten halten Flaschen in den Händen oder wie Babys in den Armbeugen. Es sind so viele Männer, nur Hassan ist nicht dabei.
Oben öffnet sich die Tür, ein dumpfer Rhythmus inhaliert die Gäste, die Tür geht zu und es ist wieder still. Emine richtet sich auf, richtet den Blick nach oben und verfolgt die Schritte durch die Decke und durch den Laminatboden, bis sie in der Menge der Schritte untergehen. Hier und da dringt Lachen zu ihr herunter, manchmal auch Schreie. Dann durchfährt es sie jedes Mal und sie hat Angst, dass etwas Schlimmes passiert, jemand eine Schlägerei anfängt oder ein Mädchen durch eine Fensterscheibe fällt. Sie hat keine Ahnung, was sich dort oben alles abspielen kann. Auf dem Zettel, der seit zwei Tagen unten an der Haustür klebt, hat sie das Wort „Party“ erkannt. Und „Danke“. Den ganzen Nachmittag klapperten Flaschen durch das Treppenhaus. Emine versuchte zu schätzen, wie viele Flaschen, und wie viele Flaschen jeder Gast trinken konnte. Vielleicht 100 Flaschen? Wie viele Menschen konnten kommen, wie viele passten wohl oben in die Wohnung rein, wenn man sie ordentlich stapelte?
Ihr fällt ein, worum es eigentlich geht, und eine neue Welle Sorgen braust auf. Sie blickt durch den Spion. Das erste Mal an diesem Abend: niemand. Die Wanduhr in der Küche, deren Zeiger einen Kreis im die Kaaba in Mekka ziehen, zeigt halb eins. Sie erschrickt. Sie wählt Hassans Handy-Nummer und hört die monotone deutsche Frauenstimme.
Am Küchenfenster fliegt ein glühender Zigarettenstummel vorbei. Sie öffnet das Fenster und lehnt sich hinaus. Auf dem Balkon links über ihr stehen die Menschen dicht gedrängt, sie reden, sie scheinen alle durcheinander zu reden. Sie versteht keine der Sprachen, findet es aber nicht schlimm, im Gegenteil, die Stimmen vereinen sich und heben ab zu einem beruhigenden Summen, das durch die Nacht fliegt. Emines Blick fliegt hinterher und verliert sich im Himmel, der so schwarz ist, wie er über Berlin schwarz sein kann. Es ist diesig, so dass der Mond fast voll, aber allein die Nacht leuchtet. Hat sie schon Sterne an diesem Himmel gesehen? Sie hat an diesem Himmel noch nie nach ihnen gesucht. Der Gedanke, dass das derselbe Himmel ist, unter dem sie in den Sommernächten in Trapzon einschlief, kommt ihr seltsam vor. Beschwert von fünf Wolldecken lag sie auf der Terrasse ihres Elternhauses und schaute in den Himmel, an dem Sterne hingen so dicht wie Weintrauben. Sie schaute und dachte mit einer stillen Erregung an das, was sie erwartete, an den Mann den sie heiraten, die Kinder die sie gebären, das Haus in dem sie wohnen würde. Ihr Vater schnarchte meist schon, wenn sie einschlief, ermüdet von dem, was noch alles auf sie wartete.
Emine spürt, dass das Summen die Richtung ändert. Die Menschen auf dem Balkon haben sich alle zu ihr umgedreht, manche hängen über dem Geländer, um sie besser sehen zu können. Sie winken und rufen ihr etwas zu. Es klingt freundlich, Emine will lächeln und danke sagen, aber mit einem Schlag fällt ihr ein, dass sie unverhüllt ist. Sie zieht den Kopf ein und schließt das Fenster.
Es ist fast ein Uhr. Hassan kommt normalerweise gegen zehn Uhr nach Hause. An ganz heißen Sommerabenden, wenn die Menschen noch lange nach Sonnenuntergang im Treptower Park bleiben, Musik hören, auf das Wasser gucken, kann es halb zwölf werden. Zwischen zehn und elf, sagt Hassan, kriegen viele Appetit auf etwas Süßes. Dann verkauft er richtig viele Kugeln Eis. Vor allem deshalb, sagt Hassan, weil die Frauen, die sich tagsüber zusammenreißen und nur eine Kugel Erdbeereis nehmen, in der Dämmerung einen Schokobecher verlangen.
Der Sommer war ein guter Sommer gewesen. Sie haben allen drei Kindern neue Schuhe gekauft und einen Autokindersitz für das vierte Kind, das unterwegs ist, besorgt. Hassan wollte den Kindersitz nicht, er hält ihn für überflüssig. Zumal es mit einem Kindersitz für die anderen drei Kinder eng wird auf der Rückbank.
Der Sommer aber ist vorbei, es ist Herbst. Dafür, dass Hassan um ein Uhr nachts noch nicht zu Hause ist, gibt es also keinen Grund. Durch den Spion sieht sie, dass die ersten Gäste gehen. Ihr Puls rast. Sie wählt Hassans Nummer. Jetzt tutet es zwar, aber dann sagt doch die Automaten-Frau etwas. Ein Rumsen an der Tür erhöht wieder ihren Puls. Sie traut sich erst an den Spion, als sich die Geräusche entfernen. Im Rahmen der Wohnungstür gegenüber küsst sich ein Paar. Emine schämt sich. Die Hände des Mannes oder Jungen halten nicht still. So sehr sie sich eben Hassans Schritte im Treppenhaus herbeigesehnt hat, hofft sie nun inständig, sein Kopf möge nicht in dieser Szene auftauchen. Die Frau oder das Mädchen will mit ihrem Mund dauernd an sein Ohr, aber nach wenigen Sekunden schüttelt er den Kopf wie ein nasser Hund. Gleichzeitig will er dauernd ihren Hals küssen, deshalb kriegt er mehrmals ihr Kinn ab. Emine denkt an Wildhühner. Das Pärchen bewegt sich die Treppen herunter, einmal stolpert sie beinah. Der Lärm verebbt, in die Stille kehrt Hassans Gesicht zurück. Emine stellt sich vor, wie sie gleich den Schlüssel im Schloss hört, wie er reinkommt, die Tür leise schließt und die Schuhe abstreift. Sobald der Schlüssel im Schloss ist, geht sie in die Küche, um Wasser aufzusetzen. Sie begrüßen sich im Flur, er nimmt sie in den Arm und seufzt. Während er den grün-weiß-roten Anzug aus- und den Pyjama anzieht, gießt sie Tee auf und bringt ihm eine Tasse zum Sofa, das sie schon zum Ehebett ausgeklappt hat.
Emine gerät in Panik. Sie sieht jedes Detail seiner Ankunft, seine müden Augen, seine Lippen, wenn sie den ersten Schluck Tee aufnehmen, sie hat den Geruch seines Schweißes in der Nase. Die Vorstellung all dessen ist so vollkommen, dass sie glaubt, es nie wieder zu erleben. Ihr Aberglaube. Es kommt nie so, wie du es dir vorstellst. Das rhythmische Wummern von oben ist der Vorbote.
Am anderen Ende der Leitung um kurz vor zwei: wieder die Frau. Noch bevor sie die Verbindung unterbricht, klingelt jemand unten an der Haustür. Emine hält den Finger auf den Türöffner. Während zwei oder drei Menschen sich daran machen, in den dritten Stock hinaufzusteigen, bereitet sie sich vor. Auf ernste Gesichter, die sie mitleidig ansehen und Münder, die leise Worte aussprechen, die sie kaum versteht, aber deuten kann. Darauf, dass sie mit den Männern irgendwo hinfahren muss, in ein Krankenhaus oder noch viel schlimmer. Sie zieht eine Strickjacke an und legt sich ein Tuch über den Kopf. Sie hält die Klinke der Wohnungstür in der Hand und drückt sie runter, als der Aufstieg vor ihrer Tür endet. Vor ihr stehen drei Männer, die Hände in den Hosentaschen. Sie wirken blass. Emines Kinn zittert. „Ey Olaf, du hast dich verdrückt!“, sagt der Dickere zu dem, der in der Mitte steht. „Entschuldigen Sie, das tut uns total leid, um diese Uhrzeit, bitte entschuldigen sie“, sagt der in der Mitte zu Emine. „Sag ich doch, wir müssen in den vierten Stock“, sagt der Dritte und nimmt die ersten Stufen nach oben. „Danke, danke“, sagt Emine. Die beiden anderen Männer sehen sie verwundert an.
Nachdem sie die Tür geschlossen und das Tuch vom Kopf genommen hat, rutscht sie mit dem Rücken die Wand runter. Sie friert, also zieht sie das zitronengelbe Nachthemd über die Knie. Ihren Kopf legt sie auf die verschränkten Arme. Dabei fällt ihr Haar an herab und bedeckt sie wie Schokoguss. So sitzt sie da. Durch die Wände dringt der Bass in ihren Körper. Sie gibt die Kontrolle an den DJ ab, der oben am Plattenteller steht.

Irgendwann dann, Gott weiß wann, tragen zwei behaarte Arme sie auf das Schlafsofa, das ihr in den Sekunden, in denen sie wach ist und ihre Glieder ausstreckt, vorkommt wie eine große Blumenwiese.

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