Neukölln : Schwer erziehbare Eltern

Vielen Familien ist mit Betreuungsgeld wenig geholfen – sie sind mit Kindern einfach überfordert. Ein Besuch in Neukölln.

Katja Reimann
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Wirbelwind in der Wohnung. Kleinkinder, die zu Hause statt in Kindertagsstätten betreut werden, brauchen Eltern mit starken Nerven...ullstein - Grabowsky

Die Familie steckt in einer hellen Kiste. Viele hölzerne Figürchen stehen darin dicht an dicht. Etwas kleinere – das sind die Kinder. Und etwas größere: Mütter und Väter. Mit ihnen sollen die Schulkinder, die in die sozialpädagogische Schulstation „Glühwürmchen“ in der Karlsgarten-Grundschule direkt neben der Neuköllner Hasenheide kommen, ihren Alltag nachspielen.

Dann liegt die hölzerne Mami im Bett – schon wieder, obwohl es doch Zeit ist aufzustehen, die Kinder anzukleiden, zur Schule zu begleiten. Der Vater mit dem runden Köpfchen sitzt stumm vor dem Fernseher. Die Figuren haben keine Augen, sie haben keine Arme, keine Hände, das Holz ist glatt. Familienalltag, für manche Kinder.

Monatlich 150 Euro pro Kind möchte die neue Regierung ab dem Jahr 2013 an Familien zahlen, die ihre Kleinkinder zu Hause erziehen und nicht in die Tagesbetreuung schicken. „In der deutschen Unterschicht wird das Geld versoffen und in der migrantischen Unterschicht kommt die Oma aus der Heimat zum Erziehen, wenn überhaupt“, prophezeite Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky.

150 Euro, das könnten Tickets fürs Puppentheater sein oder neue Schuhe, Bücher oder Hörspiele, Malstifte und Schokolade. 150 Euro könnten auch etwa 70 Currywürste sein oder 30 Flaschen Wodka.

Erziehung ist heute keine Privatangelegenheit mehr, sie ist öffentlich. In Buchgeschäften füllen Erziehungsratgeber die Regale, im Fernsehen hilft die „Supernanny“. Es gibt Eltern, die unter Druck stehen, weil sie alles richtig machen wollen, und solche, die zu bequem sind um sich zu bemühen, zu bequem sogar, um Sohn oder Tochter morgens in die Kita zu bringen, und jene, denen die eigenen Kinder nur Last sind.

1265 Kinder und Jugendliche in Berlin wurden im Jahr 2008 von Jugendämtern aus ihren Familien geholt – die meisten von ihnen deshalb, weil ihre Eltern mit der Erziehung überfordert waren. Und ein Viertel der Minderjährigen entschied sogar selbst, dass im eigenen Elternhaus nicht mehr gut leben ist. Geschichten, die auch Sabine Kleinert kennt, die Leiterin der Schulstation in Neukölln.

Sie weiß auch von einem Schüler, dem eine Lehrerin vor Jahren einen Wecker schenkte, damit er nicht verpasste aufzustehen, wenn die Eltern morgens weiterschliefen. Sie erzählt von Kindern, die kein deutsches Wort sprechen mögen, oder können. „Die deutsche Sprache ist besonders wichtig“, sagt Kleinert. Und dass man sehr deutlich merke, wenn die Kinder vor der Grundschule keine Kita besucht haben.

Wer sich prügelt, den Unterricht stört und die Lehrer beleidigt, wer morgens gar nicht erst kommt, um den kümmern sich die Pädagogin Kleinert und ihr Team von der Schulstation, die seit 2001 der freie Träger „tandem BQG“ unterhält. Kleinert kennt die Zeichen dafür, dass zu Hause etwas nicht stimmt. Dann wird geredet, die Kleinsten bringt sie mit Hilfe der Holzfigürchen zum Sprechen. Sie arrangiert Treffen mit den Eltern, deutschen, nichtdeutschen, gibt Tipps, hört zu, versucht, Probleme zu analysieren. Viele der Erwachsenen haben mit ihren eigenen Sorgen genug zu tun, einige sind traumatisiert von Flucht und politischer Verfolgung, manche sind suchtkrank. Manchmal scheint die Arbeit uferlos.

150 Euro Betreuungsgeld, das könnten auch mehr als 50 Wecker sein. Doch stünde jemand auf, wenn sie klingeln?

Mehr Öffentlichkeit, das hat es inzwischen bestimmt, das Thema Erziehung. Das sagt auch Marion Thurley. Seit 1979 arbeitet die 54-Jährige im Jugendamt Neukölln, und auch dort gehen immer mehr Meldungen ein. Besorgte Nachbarn rufen an, Lehrer, manchmal kommen auch die überforderten Eltern selbst vorbei. Die Problematik hingegen sei dieselbe seit eh und je: „Viele wissen nicht, wie sie ihre Kinder erziehen sollen.“ Oft, sagt Thurley, habe das auch mit Armut und eigenen schwierigen Kindheitserfahrungen zu tun.

Der Soziologe Klaus Hurrelmann bestätigt das: „Eltern sind immer dann überfordert, wenn die wirtschaftliche Situation zu Engpässen führt“, sagt er. Armut mache die Eltern nervös, unsicher und unsouverän gegenüber ihren Kindern. Allein in Berlin leben derzeit insgesamt rund 171 200 Kinder unter 18 Jahren in Familien, in denen einer oder beide Elternteile Hartz IV empfangen.

Wenn Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder nicht zurechtkommen, kann das Jugendamt über freie Träger Familienhelfer einsetzen. Dann kommt jemand wie Bahar zu der Familie. Seit 2003 arbeitet die 48-jährige Erzieherin und Sozialarbeiterin – ihren richtigen Namen will sie nicht öffentlich machen – als Familienhelferin für den freien Träger Lebenswelt, der seinen Sitz in Kreuzberg hat. Vier bis fünf Familien betreut sie derzeit, meist besucht sie jede davon zwei- bis dreimal in der Woche, hauptsächlich in den Bezirken Kreuzberg und Neukölln.

Bahar ist gebürtige Türkin, doch sie betreut Familien jeglicher Nationalität, deutsch, türkisch, arabisch, afrikanisch und andere. Viele von ihnen seien hoch verschuldet. Chronische Krankheiten, zum Beispiel eine Depression, kämen häufig dazu. Und damit werden dann alltägliche Herausforderungen zu schier unüberwindbaren Problemen.

„Mein Kind widerspricht mir ständig“, klagte eine Mutter. Selbst gestresst, wusste sie nicht, wie sie darauf reagieren sollte – und verlor regelmäßig die Nerven. Bahar erzählt von einer Familie, in der es zwar jeden Tag chinesische Tütensuppen und Nudeln zu essen gab, aber nie eine richtige Mahlzeit für die Kinder. Also stellte sie gemeinsam mit Mutter und Kindern einen Essensplan auf. Eine Mutter hielt es für ausreichend, einmal in der Woche die Wohnung aufzuräumen, selbst wenn die Kinder ihr Spielzeug weiterhin überall verteilten. Und andere Eltern störten sich erst an dreckigen Tellern in der Spüle und übervollen Aschenbechern auf dem Tisch, nachdem Bahar ihnen erklärt hatte, dass eine saubere Wohnung besser für die Gesundheit der Kinder sei. Ohne Bahar bliebe manche Wohnung verschmutzt, manches Essen ungekocht – weil niemand weiß, was tun, und wie.

Sozialpädagogische Familienhilfe wird in Berlin inzwischen immer öfter gewährt. Ende 2008 wurden 4160 Familien betreut, 717 mehr als 2007. Am häufigsten brauchen Neuköllner Familien Hilfe, am wenigsten solche in Steglitz-Zehlendorf und Treptow-Köpenick.

„Aber manche denken, wir schicken ihnen einen Babysitter oder eine Haushaltshilfe“, sagt Thurley und lächelt. Dass Familienhilfe die Mitwirkung der Eltern voraussetzt, das müssen einige erst lernen. Thurley weiß: Schnell geht das nicht. „Normal ist vielleicht ein Jahr Hilfe.“ Bei einigen reichten schon ein paar klärende Gespräche.

Es sei wichtig, dass die Eltern große Bereitschaft zeigten, die Hilfe anzunehmen, sagt auch Bahar, die daran glaubt, dass manchen Eltern einfach das Fachwissen für die richtige Erziehung fehlt. Redet miteinander!, sagt sie den Familien. Sie zeigt den Eltern Spiele, die sie mit ihren Kindern gemeinsam spielen können, zeigt, dass Rituale einen Familienalltag strukturieren können, erklärt auch, dass Gesundheitsversorgung wichtig ist. Für die Eltern, vor allem aber für die Kinder.

„Es macht mich besorgt, dass Kinder heute als Belastung thematisiert werden und nicht mehr als Bereicherung, wie früher“, sagt Thurley. Die Kinderfeindlichkeit habe zugenommen, meint sie. „Junge Familien kommen schnell an den Punkt, an dem sie Kinder als Belastung empfinden.“ Warum? Da ist selbst eine langjährige Sozialarbeiterin ein wenig ratlos.

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