Pflegekinder : Im neuen Nest

Die Glogers nehmen Pflegekinder auf, die aus schwierigen Verhältnissen stammen. Manche bleiben Wochen, andere Jahre.

Anne Meyer
Aufgehoben. Nico mit seinen Müttern Maria Pflüger* und Esther Gloger. Foto: Rückeis
Aufgehoben. Nico mit seinen Müttern Maria Pflüger* und Esther Gloger. Foto: Rückeis

Als Nico in seine neue Familie kam, verhielt er sich wie ein typisches Pflegekind: Schon im Kleinkindalter tat er alles, um nicht aufzufallen. Er schlief 16 Stunden am Tag und weinte kaum. „Nico war das liebste Kind, das man sich vorstellen kann“, sagt seine Pflegemutter Esther Gloger. Als er später dann öfter schrie und auch mal kratzte oder biss, so wie Kinder das eben tun, da wusste sie: Jetzt ist er bei uns angekommen. Esther Gloger erklärt das so: „Erst wenn Kinder sich sicher fühlen, können sie sich fallen lassen und sich erlauben, nicht immer artig zu sein.“

Man kann sagen, dass Esther Gloger sich auskennt mit Kindern. Sie hat vier leibliche Kinder zwischen 13 und 19 Jahren, außerdem nimmt sie Pflegekinder auf. Vor fünf Jahren kündigte sie ihren Job als Arzthelferin, um ausschließlich mit Kindern arbeiten zu können. Nico war ihr erstes Pflegekind – und bis heute ist er das einzige in Langzeitpflege. Seine Geschwister behandeln ihn wie einen leiblichen Bruder. „Wir kennen es ja gar nicht anders“, sagt die 15-jährige Liesa. Wahrscheinlich wird Nico noch bis zur Volljährigkeit bei seiner neuen Familie bleiben.

Familie Gloger nimmt außerdem auch kurzfristig Kinder auf. Sie bleiben nur so lange, bis geklärt ist, wie es mit ihnen weitergeht – ob sie zurück zu den Eltern dürfen oder in eine andere Pflegefamilie kommen. Das können einige Wochen sein oder auch ein Jahr. Momentan ist die kleine Anna* zu Gast bei Glogers, sie wird bald zwei. Ihre Mutter hat Probleme mit Drogen. Wie lange Anna bleiben wird, ist offen.

Nico ist heute fast sechs und manchmal ein bisschen eifersüchtig auf Anna. Gleich nach seiner Geburt hatte das Jugendamt Maria Pflüger* ihren Sohn abgenommen. Sie ist geistig behindert, was für das Amt allein noch kein Grund ist einzuschreiten. In diesem Fall aber bestanden erhebliche Zweifel, ob die Mutter für ihren Sohn ausreichend würde sorgen können. Nico kam zunächst in eine Kurzzeitpflege und mit 13 Monaten zur Familie Gloger. „Es ist stressig mit ihm geworden“, wiederholt Pflüger immer wieder, wenn sie über Nico spricht. „Das Amt hat mir erklärt, warum er in eine andere Familie muss. Ich habe es verstanden.“ Sie hält weiterhin Kontakt zu ihrem Sohn. Nico nennt sie „Mama Maria“, sie besucht ihn alle zwei Wochen und versteht sich gut mit Esther Gloger und deren Mann, der als Landschaftsgärtner arbeitet.

Das Verhältnis zwischen leiblichen und Pflegeeltern ist allerdings nicht immer so harmonisch. „Es kommt oft zu Konkurrenzdenken, und manchmal brechen die leiblichen Eltern den Kontakt ganz ab“, sagt Angelika Nitzsche von der Organisation „Familien für Kinder“, die im Auftrag der Senatsbildungsverwaltung Pflegefamilien sucht und sie auf ihre Aufgabe vorbereitet.

In Berlin, sagt Nitzsche, leben rund 2700 Kinder in Pflegefamilien. Jedes Jahr müssen etwa 500 Kinder aufs Neue bei Pflegeeltern untergebracht werden, weil die leiblichen Eltern sich nicht mehr um sie kümmern können oder wollen – weil sie überfordert sind, ihre Kinder vernachlässigen oder sogar misshandeln. In solchen Fällen bleibt die Pflegefamilie anonym.

Nico ist heute ein Junge, der viel plappert und gerne singt. Die Zeiten, in denen er den halben Tag verschlief, sind lange vorbei. Er wirkt so aufgeweckt, dass ihm seine eigene geistige Behinderung kaum anzusehen ist. „Er ist auf dem Entwicklungsstand eines Dreijährigen“, sagt Esther Gloger jedoch. Seine Schuhe zieht er meistens verkehrt herum an, Reißverschlüsse sind ihm ein Rätsel. Wie stark seine Behinderung tatsächlich ist, wird man erst in einigen Jahren wissen.

Welche Vorgeschichte auch immer Pflegekinder haben – mit den meisten gibt es schwierige Phasen. „Allein dass sie von den Eltern getrennt wurden, ist schon ein traumatisches Erlebnis“, sagt Esther Gloger. Sie brauchen einen strukturierten Alltag, der ihnen Halt gibt. „Über Pflegekinder muss man viel nachdenken“, sagt auch Angelika Nitzsche. „Sie gehen nicht so leicht durchs Leben, wie das die eigenen Kinder manchmal tun.“ Eine Regel ist deshalb, dass Eltern sich viel Zeit für ihr Pflegekind nehmen müssen. Wenn es klein ist, sollte es nicht bei einer Tagesmutter untergebracht werden. Der Elternteil, der sich hauptsächlich um das Kind kümmert, darf höchstens in Teilzeit arbeiten. „In gewisser Weise muss man sich Pflegekinder leisten können“, sagt Nitzsche. Für ein Langzeitpflegekind bis zum Alter von sieben Jahren bekommen die Eltern 630 Euro.

In guten Pflegefamilien haben Kinder laut Angelika Nitzsche bessere Entwicklungschancen als in Heimen. Und für Bewerber mit unerfülltem Kinderwunsch sei ein Pflegekind eine Chance, doch noch ein Leben mit Kindern zu führen. „Man kann allerdings nie sicher sein, dass ein Kind dauerhaft bleibt. Manchmal taucht plötzlich der Vater wieder auf, oder die Mutter wird doch wieder stabil und möchte ihr Kind zurück.“ Auch Kurzzeit-Pflegekinder wie Anna ziehen nach einer Weile weiter. „Das ist von vornherein klar“, sagt Esther Gloger. „Aber im Moment des Abgebens fühle ich mich trotzdem ganz furchtbar.“ Bei Nico immerhin sieht es so aus, als würde er bei Familie Gloger bleiben können.

* Namen geändert.

Infos zu Pflegekindern unter www.familien-fuer-kinder.de

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