Schule : Nachhilfe für die Eltern von Schulkindern

Die Mütterkurse für Migranten erhalten ab Herbst ein neues Profil – über das Deutschlernen hinaus

Rita Nikolow

Zu den vielen Vorurteilen gegenüber Migranteneltern gehört auch dieses: dass es den Müttern und Vätern eigentlich egal sei, was ihre Kinder in der Schule machen – und auch, ob sie dort Erfolg haben. „Diese Eltern wollen ihren Kinder helfen, können es aber nicht“, glaubt dagegen Michael Weiß, zuständig für Deutsch als Zweitsprache an der Volkshochschule in Mitte. Und zwar deshalb, weil viele von ihnen in der Kindheit selbst kaum Schulerfahrung gesammelt haben: Jeder Zehnte, der in sogenannten Mütterkursen Deutsch lernt, ist selbst nie zur Schule gegangen, 28 Prozent nur fünf Jahre lang, 26 Prozent lediglich bis Klasse acht.

Die fehlende Bildung oder auch fehlende eigene Schulerfahrung führt dazu, dass die Eltern ihren eigenen Kindern nicht helfen können, wenn sie in die Schule kommen. Damit sich das ändert und damit Migranteneltern in Zukunft eine Ahnung davon bekommen, was es heißt, in Berlin eine Schule zu besuchen, haben die Volkshochschulen der Innenstadtbezirke ein neues Curriculum für die Mütterkurse in Auftrag gegeben: Künftig soll es bei den seit zehn Jahren bestehenden Mütterkursen nicht mehr nur um den Spracherwerb gehen, sondern um konkrete Hilfe, die die Mütter – oder auch die Väter – ihren Kindern im Schulalltag bieten können.

Für die Lehrer ist im Curriculum zusammengestellt worden, wie das Thema Schule an die Eltern herangetragen werden kann, mit praktischen Beispielen, Grob- und Feinzielen. Denn ab Herbst sollen die Mütterkursen bereits thematisch erweitert werden.

Ein Thema im neuen Curriculum ist zum Beispiel der Arbeitsplatz, an dem ein Schulkind zu Hause seine Schularbeiten machen sollte. Die Volkshochschullehrer sollen den Eltern unter anderem vermitteln, wie sie Zeit für die Hausaufgaben ihrer Kinder einplanen können – und die kleinen Schüler in dieser Phase vor Lärm und Störungen schützen.

Entwickelt hat das Curriculum der Unternehmensberater Eduard Heußen, der bis vor einigen Jahren stellvertretender Senatssprecher war. Und „in grauer Vorzeit“, wie er sagt, auch als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache gearbeitet hat. Heute ist Eduard Heußen Unternehmensberater und beschäftigt sich seit einigen Jahren für die Wohnungsgesellschaft Degewo mit der Schulentwicklung im Brunnenviertel und der Gropiusstadt.

Auseinandergesetzt hat Heußen sich dabei auch mit einem gänzlich anderen Lernverständnis vieler Eltern mit Migrationshintergrund, die nicht begriffen, dass Lernen nicht immer nur Nachahmen bedeute. Und damit, dass die Eltern sehr wohl daran interessiert seien, dass ihr Kind aufs Gymnasium kommt und dann am besten einen Beruf mit Prestige ergreift, Arzt oder Jurist zum Beispiel.

„Ich habe eine Art Baukasten entwickelt, aus dem sich die Lehrer die Bausteine aussuchen können, die sie brauchen“, sagt Eduard Heußen.

Im ersten Baustein hat der Unternehmensberater zusammengetragen, welche Voraussetzungen ein Kind für den erfolgreichen Schulstart mitbringen muss: Dazu gehört, dass sich ein Erstklässler angemessen ausdrücken und konzentrieren kann. Und dass es in der Familie eine Anerkennungskultur gibt, in der auch gelobt und belohnt wird. Oder wie man mit familiärer Gewalt umgehen sollte.

Die anderen Bausteine vermitteln, wie Eltern die Schüler vor und nach der Schule unterstützen können, wie das Berliner Schulsystem funktioniert oder welche Mitwirkungsmöglichkeiten die Mütter und Väter in der Schule haben. „Viele Eltern mit Migrationshintergrund haben ein sehr geringes Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit“, sagt der Unternehmensberater. Außerdem hat Eduard Heußen aufgelistet, was ein Kind in den ersten vier Schuljahren gelernt haben sollte. Ab Herbst wird der Münchner Hueber Verlag darüber hinaus online Materialien für den Elternunterricht zum Thema „Schule“ zu Verfügung stellen.

Die Mütterkurse, die in Berlin seit 1999 angeboten werden, finden normalerweise an zwei bis drei Tagen in der Woche statt – ab Herbst soll es an einem Tag in der Woche um das Thema Schule gehen, und zwar auch in Spielszenen, in denen zum Beispiel der Umgang mit den Lehrern oder dem Schulleiter trainiert wird. Außerdem sollen die Eltern lernen, wie sie sich zum Beispiel in Bibliotheken schlaumachen können.

Besucht werden können die Mütterkurse in den Bezirken Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte, Tempelhof-Schöneberg, außerdem in Reinickendorf, Steglitz-Zehlendorf, Charlottenburg-Wilmersdorf, Spandau und Lichtenberg. Für die Finanzierung stellt der Senat seit 2008 zwei Millionen Euro im Jahr zur Verfügung. Allein im vergangenen Jahr haben mehr als 6000 Mütter und Väter das Angebot genutzt – ab Herbst können die Teilnehmer dann lernen, ihre Kinder besser zu unterstützen. Auch wenn diese vielleicht gar nicht Arzt oder Jurist werden wollen.

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