Schule : Nachhilfe schon in der ersten Klasse

Mit fünf Jahren zur Schule – für viele Kinder zu früh. Lerninstitute gleichen Defizite aus.

Claudia Keller

Sein Freund spielt jetzt Fußball. Max nicht. Er sitzt an einem runden Tisch, stützt den Kopf in die Hand und überlegt, wie viel zehn minus acht ist. Jeden Vormittag macht er das, eineinhalb Stunden lang. Obwohl Ferien sind. Vor ihm liegen rote Pappkarten mit blauen Plastikpunkten drauf, die angeordnet sind wie die Augen auf einem Würfel. Eine Diagonale mit drei Punkten ist eine Drei. Vier Punkte im Quadrat mit einem Punkt in der Mitte eine Fünf.

Max hat vor den Ferien die erste Klasse hinter sich gebracht. In der Schule sind ihm die Zahlen nicht als Würfelaugen begegnet, sondern meistens als arabische Ziffern. Die hinterließen in seinem Kopf keinen Eindruck, kein Bild, nichts. Wenn er fünf plus drei rechnen sollte, nahm er die Finger und zählte ab. Am Anfang kam er damit gut zurecht. Als die Zahlen größer wurden, reichten die Finger nicht mehr aus. Max bat seine Mutter, ihn vom Mathematikunterricht abzumelden. Er schaltete im Unterricht ab, träumte sich zum Fenster hinaus, zappelte, störte. Max hatte ein Problem. Und das schon in der ersten Klasse.

„Wir kriegten Panik”, sagt Max’ Mutter an diesem Vormittag Ende August. „Schon in der ersten Klasse kommt der Junge nicht mit. Wo soll das hinführen? Er soll doch mal das Abitur machen.“ Auch sei der Druck unter den Eltern riesig. Schon in der Kita wollten ehrgeizige Mütter, dass die Eltern den Vierjährigen von ihren Berufen erzählen, damit sich die Kleinen früh darauf einstellen.

Max’ Mutter meldete ihren Sohn zu einem einwöchigen Ferienkurs im Nachhilfeinstitut „Lernwerk“ in der Zehlendorfer Nachbarschaft an. Max ist nicht der einzige Erstklässler, der hier ein neues Verhältnis zum Schulstoff finden soll. 118 Erstklässler bekamen 2008 im Lernwerk Hilfe, bis Juni dieses Jahres waren es 151. Immer mehr Berliner Kinder sind schon in den ersten Klassen überfordert, das merken auch andere Nachhilfeinstitute.

Schuld daran sei die frühe Einschulung mit fünfeinhalb Jahren und das jahrgangsübergreifende Lernen, sagt Swantje Goldbach, 43 Jahre alt, ausgebildete Realschullehrerin und die Gründerin des Lernwerks. Auch Max kam mit fünfeinhalb Jahren in die erste Klasse. Er ist ein kleiner, zarter Junge mit strohblonden Haaren. Viele Kinder seien mit fünf noch Kindergartenkinder, sagt Swantje Goldbach. Die dürfe man nicht abstrakt über die Ratio ansprechen. Die würden nur begreifen, wenn sie die Dinge sehen, tasten, riechen. Wenn die Lehrer darauf nicht vorbereitet sind, scheitern die Kleinen. Die Folge: Immer mehr Fünf- und Sechsjährige kommen ins Lernwerk mit der Diagnose Legasthenie, Dyskalkulie oder dem Zappelsyndrom ADS. „Manche haben angeblich schon alle drei Probleme zusammen“, sagt Goldbach und betont das „angeblich”. Denn sie glaubt das nicht. Die meisten seien einfach noch nicht schulreif. „Früher wurden diese Kinder ein Jahr zurückgestellt. Heute werden sie schon in der ersten Klasse pathologisiert“, sagt Goldbach. „So ein Quatsch.“ Dass Kindergartenkinder nicht 45 Minuten still sitzen und abstraktem Frontalunterricht folgen können, sei völlig normal. Viele Eltern kann Goldbach deshalb beruhigen. Und wie froh ist sie, dass sie an diesem Morgen in der Zeitung gelesen hat, dass Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) wieder Rückstellungen erleichtern will.

Dann macht sie die Tür zum Nebenraum auf, wo Max immer noch vor den roten Pappkarten mit den blauen runden Plastikplättchen sitzt. Seine Beine baumeln zehn Zentimeter über dem Boden, obwohl er auf dem Stuhl vorgerutscht ist, um sich besser konzentrieren zu können.

„Zehn minus acht, wie sieht das aus“, fragt die 27-jährige Mathematikstudentin, die ihm gegenübersitzt. „Kannst du acht wegzaubern?“ Max wirft sich ein Lächeln über sein schmales Gesichtchen und nickt: „Na klar.“ Dann dreht er die blauen Plastikpunkte um. Jetzt sieht man ihre rote Unterseite, wodurch sie auf der roten Pappkarte fast verschwinden. Erst lässt er auf diese Weise eine Fünfer-Anordnungen verschwinden, dann eine Dreier-Diagonale. Es bleiben zwei blaue Plastikpunkte liegen.

Max soll wegkommen vom Fingerabzählen und sich die Zahlen von eins bis zehn als Bild, als Würfelaugenbild einprägen. So dass er beim Rechnen im Kopf Bilder bewegt. Das geht schneller als mit den Fingern und lässt sich auch bei größeren Zahlen anwenden. Außerdem macht das Kartenspielen Spaß. Max fixiert die Karten, der Kopf, der sich eben noch auf die Hand gestützt hat, ist hoch aufgereckt. Mal gewinnt er, mal die Lehrerin. Er ist schnell, so dass sich die Lehrerin ernsthaft anstrengen muss.

Beim Lesen und Schreiben hat Max in der Schule keine Mühe. Die Lehrerinnen in diesen Fächern verstehen es besser als die Mathematiklehrerin, die ganz Kleinen spielerisch in ihren Unterricht einzubeziehen, sagt die Mutter. Eine Woche Einzelunterricht im Lernwerk ist nicht billig. Aber die Investition habe sich gelohnt. Max kommt gerne morgens hierher, das Rechnen macht ihm wieder Spaß. Gestern hat ihn das neue Schuljahr in die zweite Klasse katapultiert.

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