Schulprojekt : Der Müllmann, der ein Müller ist

Märchenerzählerinnen in den Schulen regen die Phantasie an: 40 Minuten lang hören die kleinen Kinder aufmerksam zu, wenn die Geschichtenerzählerinnen von verwunschenen Zeiten erzählen.

Dorothee Nolte

„Es war einmal ein Müller, der lebte in einem kleinen Haus …“ – Moment mal, Müller, was ist das, vielleicht ein Müllmann? „Das Haus lag an einem großen Fluss, der Donau hieß“ – Donau, komisches Wort, klingt wie Döner! „Eines Tages …“ Die Stimme der Erzählerin ist ruhig, sie blickt die um sie versammelten Kinder aufmerksam an, erst wenn die Geschichte vom Müller eine dramatische Wendung nimmt, wird sie die Stimme erheben, gestikulieren und mit den Augen rollen. Die Zweitklässler der Anna- Lindh-Grundschule hören gebannt zu. Was macht es, dass sie nicht wissen, was ein Müller ist und beim Wort Donau zuerst Döner assoziieren? Am Ende der Geschichte werden sie eine Vorstellung davon entwickelt und 40 Minuten lang ihre Fantasie trainiert haben.

An zwei Vormittagen in der Woche bekommen die Zweitklässler ihre Märchenstunde im eigens dafür eingerichteten Erzählraum. Vier professionelle Erzählerinnen kommen abwechselnd in die Weddinger Grundschule und tragen Märchen aus unterschiedlichen Kulturkreisen vor – ohne Buch, aber mit all den sprecherischen und schauspielerischen Mitteln, die sie in ihrer Ausbildung an der Universität der Künste (UdK) erworben haben.

Dass Kinder, von denen die meisten zu Hause nicht mit der deutschen Sprache aufwachsen, 40 Minuten zuhören, ist schon an sich erstaunlich. Als das Projekt „Erzählen und Spielen“ vor zwei Jahren an der Weddinger Grundschule begann, war das auch keineswegs der Fall. „Die Erzählstunden waren wie Wechselbäder“, erinnert sich Christiane Weigel, die das Projekt für die UdK wissenschaftlich begleitet hat. „Die Kinder tobten und schrien durcheinander, sie waren nicht gewöhnt, sich zu konzentrieren.“

Kristin Wardetzky, Theaterpädagogin an der UdK und Projektleiterin, ergänzt: „Diese Kinder haben zu Hause oft niemanden, der lange mit ihnen spricht oder ihnen vorliest. Oft genug ist ihre Fantasie völlig von Fernsehbildern in Beschlag genommen. Zuhören, Bilder im Kopf entstehen zu lassen, das kannten sie nicht.“

Trotz der anfänglich entmutigenden Erfahrungen wollten die Theaterpädagoginnen nicht von ihrem Konzept abweichen, das darin besteht, die deutsche Sprache auf künstlerische Weise zu vermitteln. „Die Erzählerinnen vereinfachen nicht, sie benutzen bewusst eine poetische Sprache, und sie erklären auch nicht jedes Wort, das die Kinder nicht kennen“, erläutert Kristin Wardetzky.

Ein Ansatz, der mit der Zeit offenkundig Wirkung zeigt. Die wissenschaftliche Auswertung, die jetzt vorliegt, belegt: Die Kinder haben nicht nur gelernt zuzuhören; sie erzählen die Geschichten auch nach und benutzen dabei vorher unbekannte Wörter; und sie erzählen eigene Geschichten mit deutlich erweiterten sprachlichen Mitteln. „Mich hat beeindruckt, dass gerade lernschwache Kinder davon profitieren“, berichtet Christiane Weigel, die mit den Kindern immer wieder Entwicklungstests gemacht hat.

Der Direktor der Anna-Lindh-Schule, Thomas Leeb, ist ein glühender Befürworter des Projekts: „Das ist die beste Art der Sprachförderung, die ich kenne“, sagt er. Die Kinder, die an dem Projekt teilgenommen haben, hätten in den Vergleichsarbeiten deutlich besser abgeschnitten als ihre Mitschüler aus Parallelklassen. Die sinnliche Erfahrung von Sprache, die Betonung von Klang, Rhythmus, Stimme, Gestik erweitern offenbar das Sprachvermögen der Kinder mehr als so manche Deutschstunde, in der erklärt und geübt wird.

Angestoßen wurde das Projekt von einer Privatfrau: Marie-Agnes von Stechow konnte Unterstützung von der Deutschen Bank einwerben – Geld, das nach zwei Jahren aufgebraucht ist. Das Projekt hat einen Preis im bundesweiten Wettbewerb „Kinder zum Olymp“ gewonnen. Von dem Preisgeld können die Kinder der Anna-Lindh-Schule noch ein halbes Jahr ihre Märchenstunde genießen. Das Quartiersmanagement Sparrplatz bezahlt dafür, dass Erzählerinnen bis Dezember in drei andere Schulen gehen können. Nun werden Unterstützer gesucht, damit es nicht bald heißt: „Es war einmal ein Erzählprojekt …“

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