Schulprojekte : Aus Kindern Leser machen

Zeitungen lassen sich im Unterricht kreativ einsetzen. Sogar als Hut – oder als Thema für Geschichten.

Dorothee Nolte

Traurige Sache, die Todesanzeigen in der Zeitung. Aber einen Vorteil haben sie, jedenfalls für den Unterricht: Kinder können sie für Rechenspiele verwenden. Wann ist der Verblichene geboren und gestorben, wie lange hat er also gelebt? Wem das zu makaber ist, der kann stattdessen den Wetterbericht aufblättern: Wie lang dauert der Tag heute von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang? Oder die Anzeigen: Um wie viel Prozent hat der Discounter die Preise gesenkt? Eine Zeitung steckt, wenn man richtig hinguckt, voller Matheaufgaben.

Fast in jedem Schulfach können Zeitungen eingesetzt werden – sogar im Sport, wo die Reportage über das Spiel des Heimatvereins Debatten über Taktik und Strategie auslösen kann. Aber letztlich geht es, wenn Zeitungen in der Schule verwendet werden, immer um eins: um Lesesozialisation, um die Gewöhnung an ein Medium, das viele Schüler zu Hause nicht kennenlernen und das eine gewisse Hinführung verlangt, bevor man es mit Gewinn und Freude nutzen kann.

Die Konkurrenz der audiovisuellen und elektronischen Medien ist groß, Lesen als Schlüsselkompetenz ist jedoch gerade in einer Mediengesellschaft unverzichtbar. Für die Stiftung Lesen in Mainz sind Zeitungen ein besonders wichtiges Element der Leseförderung, weil sie eine „tägliche Lesegewohnheit“ etablieren. „Damit kann man gar nicht früh genug beginnen“, sagt Leseforscher Timo Reuter. Gerade das gezielte, selektive Lesen lasse sich mit Zeitungen gut üben.

Ein Trend ist deutlich erkennbar: Während Zeitungsschulprojekte sich früher vor allem an Ältere wendeten, Klasse 8 aufwärts, stehen jetzt Grundschüler im Mittelpunkt des Interesses. „Man muss früh anfangen“, sagt auch Peter Brand, Geschäftsführer des Aachener Izop-Instituts, das die „Zeitung in der Schule“-Projekte in den 70er Jahren entwickelte und heute rund 70 Zeitungsprojekte in Deutschland, der Schweiz und darüber hinaus betreut. „Jugendliche sind für die Zeitung oft schon verloren.“ Grundschulkinder dagegen haben gerade erst lesen gelernt, sie sind leicht dafür zu begeistern und stolz, wenn sie sich eigenständig informieren können.

Klar, dass die Unterrichtsmethoden in der Grundschule andere sein müssen als in der Oberschule. Grundschüler können zum Beispiel unbekannte Begriffe sammeln („Domino-Effekt“, „Wirtschaftswachstum“) und als Hausaufgabe recherchieren, was sie bedeuten: Eine Zeitung ist ja kein „didaktisch reduziertes Medium“, das heißt, sie enthält viel Unbekanntes und ist gerade deswegen spannend. Aber sie dürfen auch mal Masken aus Papiermaché basteln, sich mit Zeitungspapier verkleiden oder Collagen aus Zeitungsbildern zusammenkleben. Denn gerade das Sinnlich-Anfassbare ist es ja, was Zeitungen ausmacht.

Hier setzt auch der Erzählwettbewerb des Tagesspiegels an (siehe Kasten): Schüler aller Klassenstufen sind aufgerufen, Geschichten rund ums Thema „Zeitung“ zu schreiben. Die Zeitung darf dabei auch als Papierknäuel oder Konfetti auftreten, Hauptsache, sie spielt eine wichtige, überraschende, lustige oder auch rührende Rolle in der Geschichte. 12 Lehrerinnen und Lehrer aus Grund- und Oberschulen haben dazu ein Fortbildungsseminar „Spannend erzählen“ im Tagesspiegel besucht und sich ausgetauscht, wie man aus Zeitungen Stoff für spannende Geschichten schöpfen kann: aus Schlagzeilen, aus Bildern, aus Meldungen, aus Anfangssätzen oder zufällig zusammengesuchten Wörtern.

Bei dem Klassiker unter den Projekten, „Zeitung in der Schule“ des Izop-Instituts, bekommen Schulklassen bis zu drei Monate lang Zeitungen in die Schule und am Wochenende in die Elternhäuser geliefert. Ihre Lehrer besuchen Fortbildungsseminare, setzen die Zeitung im Unterricht vielfältig ein, die Kinder schreiben aber auch selbst Artikel, die sie auf Jugendseiten veröffentlichen. Dieses Grundmodell haben viele Zeitungsverlage für eigene Projekte aufgenommen und abgewandelt.

Computer und Internet spielen bei Zeitungsprojekten eine wachsende Rolle: zum Recherchieren von Themen, aber auch um selbst geschriebene Artikel online zu stellen. Das Ziel bleibt aber immer, „die papierene Zeitung in der Vielfalt der Medien zu stärken“, so Peter Brand vom Izop-Institut. Allerdings gibt es wenig Begleitforschung, die belegen könnte, dass aus Schülern, die an derartigen Projekten teilgenommen haben, auch tatsächlich als Erwachsene häufiger Zeitungsleser werden – langfristige Studien fehlen. Eine solche Studie gibt es aus den USA, wo 90 Prozent aller Schüler mindestens einmal in ihrer Schulzeit an Zeitungsprojekten teilnehmen. Die Ergebnisse aus dem Jahr 2004: 62 Prozent der Befragten, die in ihrer Schulzeit viel mit Zeitungen zu tun hatten, hatten, sind heute regelmäßige Zeitungsleser; diese Befragten haben mehrmals an Projekten teilgenommen, Zeitungen wurden über einen längeren Zeitraum verteilt und im Unterricht verwendet. Bei den Schülern, bei denen Zeitungen nur „irgendwann mal Teil des Lehrplans“ waren, ohne dass sie über längere Zeitraum verteilt wurden, lag die Quote der späteren Zeitungsleser nur bei 47 Prozent beziehungsweise bei 38 Prozent, wenn sie nicht mal Teil des Lehrplans waren.

Bei aller Bedeutung der Schule gilt jedoch nach wie vor: Eine entscheidende Rolle bei der Lesesozialisation, egal ob bei Büchern oder Zeitungen, spielt das Elternhaus. „Die Eltern sind als Vorbilder enorm wichtig“, sagt Timo Reuter. „Wenn sie täglich Zeitung lesen, ist die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass auch ihre Kinder Zeitung lesen werden.“ Er rät Eltern, ihre Kinder über Themen an die Zeitung heranzuführen, die sie besonders interessieren: sie etwa auf den Sportteil hinzuweisen, auf Comics oder interessante Artikel rund um Tiere.

Ein Lehrer aus dem Schweizer Kanton Aargau, von dem Izop-Chef Peter Brand berichtet, macht es übrigens genau andersherum: Er gibt den Kindern auf, ihren Eltern, von denen die meisten ausländische Wurzeln haben, jeden Tag einen Artikel aus der Zeitung vorzulesen. Auf diese Weise lernen die Kinder etwas, aber vor allem auch die Eltern: „Sie sehen, dass in der Zeitung Sachen stehen, die sie angehen.“ Und interessieren sich künftig vielleicht mehr für das Land, in dem sie zwar leben, aber noch nicht ganz angekommen sind.

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