Serie : Familie in Berlin

Liebling Lichtenberg: Die bosnische Familie Mesic will nie mehr fort.

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Vier von fünf. Seit 15 Jahren leben Almira und Ruzmir Mesic in Berlin. Auf dem Foto fehlt die älteste Tochter Mirela; Lejla (14)...Foto: Uwe Steinert

Über die Zeit, als sie mit Mann und Kind vor dem Krieg in Bosnien flüchten musste, will Almira Mesic ungern reden. Die Bilder verfolgen sie noch heute. 27 Mitglieder ihrer Familie hat sie verloren, darunter den Vater, zwei Tanten, Cousins. Über den Verbleib der meisten weiß sie nichts. „Aber vor drei Jahren“, sagt sie, „da hat man die Knochen meines Vaters in einer Ecke Serbiens gefunden. Der Kopf fehlte. Wir haben den Körper bestattet.“ Noch immer ist die 40-Jährige in psychologischer Behandlung, traumatisiert fürs Leben. Und wenn sie, wie jedes Jahr, in ihr Heimatland in die Nähe von Tuzla reist, wohin ihre Mutter und ein Bruder zurückgekehrt sind, hat sie Angst, das Grauen des Bosnienkrieges könne sie wieder einholen. Vor 15 Jahren kamen Almira, ihr Mann Ruzmir Mesic, 46, und Tochter Mirela, heute 20, als Flüchtlinge nach Berlin, waren Almiras Mutter, dem Bruder und Tanten gefolgt, kamen von einem Wohnheim ins nächste, ehe sich die Chance auf die vier Zimmer in Lichtenberg an der Frankfurter Allee ergab. Bis dahin vergingen sechs Jahre. Der Rest der Familie ist längst wieder weg: Mutter und Bruder nach Nordbosnien, andere Verwandte nach Kanada, Australien, Amerika.

Die beiden jüngsten Töchter sind in Berlin geboren: Lejla (14) und Kanita (9). Die Älteste, Mirela, studiert an einer Fachschule Wirtschaftsmanagement, Lejla geht aufs Gymnasium. „Sie will Journalistin werden“, sagt die Mutter lachend. Sie ist stolz auf ihre Mädchen. Ihr Mann Ruzmir hat Arbeit als Trockenbauer, sie selbst arbeitete für eine Hausverwaltungsfirma, bis sie am 7. Januar 2006 bei Glatteis stürzte, sich die Wirbelsäule und das Knie verletzte. Den Tag, sagt sie, wird sie nicht vergessen. Zwei Operationen folgten, die Schmerzen blieben, sie verlor ihren Job. Seither sucht Almira Mesic Arbeit, hofft jetzt auf einen Job im organisatorischen Bereich des DRK. Alles könnte in Ordnung sein, gäbe es nicht Probleme mit dem Bleiberecht. Almira Mesic bekommt ihren Aufenthalt immer nur auf Zeit verlängert: mal drei Monate, jetzt ein Jahr. „Das belastet mich, ich kann oft nicht schlafen deswegen. Wir wollen gerne in Berlin bleiben“, sagt sie. „Das hier waren meine besten Jahre.“ Ihren Kiez in Lichtenberg mag die Familie: die Schule nah, gute Läden, Raum für Spaziergänge. Die Jüngste macht mit in der Kinderoper Unter den Linden. „Sie spielt einen Stern“, sagt Mama Mesic und lächelt. Da springt Kater Charly auf ihren Schoß. Für einen Moment ist alles gut.

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