Thema Zeitung : Geschichte wird gemacht

Nächste Runde im Tagesspiegel-Erzählwettbewerb Thema ist diesmal: Zeitung in allen Lebenslagen

Dorothee NolteD

Als Fabian, der Held aus Erich Kästners gleichnamigem Roman, im Berlin der 30er Jahre eine Zeitungsredaktion besucht, erlebt er Schreckliches: Vor seinen Augen bringt Redakteur Münzer reihenweise Menschen um. Es fehlt eine Meldung, der Redaktionsschluss naht! Schon tippt der Journalist drauflos: „In Kalkutta fanden Straßenkämpfe zwischen Mohammedanern und Hindus statt. Es gab vierzehn Tote und zweiundzwanzig Verletzte. Die Ruhe ist inzwischen vollkommen wiederhergestellt.“ Hebt das Weinglas und erklärt dem fassungslosen Fabian seelenruhig: „Wenn man eine Notiz braucht und keine hat, erfindet man sie.“ Münzers Motto: „Meldungen, deren Unwahrheit nicht oder erst nach Wochen festgestellt werden kann, sind wahr.“

Nur die wenigsten Journalisten dürften dem zustimmen. Tatsache aber ist, dass in Zeitungen auch erfundene Geschichten gedruckt werden: Beim Erzählwettbewerb des Tagesspiegels zum Beispiel. Noch bis zum 11. Januar suchen wir Geschichten, in denen Zeitungen vorkommen. Die Geschichten (bis zu 8000 Zeichen inklusive Leerzeichen) dürfen wahr oder erfunden sein, sie können von Zeitungsausträgern oder Reportern handeln, aber auch von Tapezierern oder Menschen, die sich plötzlich in der Zeitung wieder finden, von überraschenden Begegnungen oder sensationellen Enthüllungen, kurz, von Zeitung in allen Formen, die sie annehmen kann.

Es winken Geld- und Sachpreise, die besten Geschichten werden gedruckt. Aber es kommt nicht nur darauf an, gut zu schreiben. Wichtig ist, dass die Geschichte auch beim mündlichen Vortrag überzeugt: Beim öffentlichen Halbfinale beziehungsweise Finale in den Museen Dahlem sollen die Erzähler das Publikum fesseln. Und das gelingt vor allem mit den Ausdrucksmitteln der mündlichen Sprache: der Stimme, der Mimik, dem Blick, dem Kontakt zum Publikum.

Zurück zu Kästners Helden Fabian, der sich immer noch nicht von seinem Schock erholt hat. „Sie bringen ohne weiteres 14 Inder um und 22 andere ins Städtische Krankenhaus von Kalkutta?“ fragt er ungläubig. „Wozu das Mitleid mit den Leuten?“ gibt Münzer zurück. „Sie leben ja noch, alle 36, und sind kerngesund. Glauben Sie mir, mein Lieber, was wir hinzudichten, ist nicht halb so schlimm wie das, was wir weglassen.“ Dorothee Nolte

Einsendungen per Post an: Der Tagesspiegel, Stichwort Erzählwettbewerb, Postfach 10 876 Berlin

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