Thomas Lennert : Charlotte und der Taifun

Thomas Lennert

Seit ihrer Scheidung neigte Charlotte, eine Bankangestellte, zu Anfällen von Heißhunger, denen sie sich widerstandslos hingab. Als sie in der Mittagspause den Supermarkt verließ, stieß sie im Eingang auf einen Stand "Frische Räucherforellen aus Thüringen". Sofort musste sie eine Forelle haben. Zurück in der Bank, legte sie den in Zeitungspapier eingewickelten Fisch in den Kühlschrank. Dabei fiel ihr Blick auf eine Anzeige in der Zeitung: "Verarmter Millionär sucht reiche Frau zum Überleben!" Typisch Mann, dachte sie. Erst verzocken die Kerle ihr Geld an der Börse und dann sollen die Frauen sie retten! Aber der Gedanke an den Millionär ließ sie auch am Schreibtisch nicht los.

Vielleicht ist er ja unverschuldet verarmt? Oder er ist krank und braucht ernsthaft Hilfe zum Überleben? Wann ist man eigentlich reich? Seit ihr Mann, bevor er verschwand, alle gemeinsamen Konten leer geräumt hatte, besaß sie nur noch 20.000 Euro auf einem Sparkonto. Ist man damit nun reich? Vielleicht könnte sie ihm 10.000 borgen und damit sein Leben retten? He, Du spinnst! rief sie sich zur Ordnung. Erst einmal sollte sie sich den Kerl mal vorknöpfen. Sie ging noch mal zum Kühlschrank. Die Zeitung war durchweicht und zerrissen, die Chiffre war nur noch halb zu lesen, das Datum fehlte auch. Und was war das überhaupt für eine Zeitung? Inzwischen war es halb fünf. Rasch verließ sie die Bank. Sie hatte Glück. Die Fischfrau packte gerade noch den Stand zusammen.

"Sagen Sie mal, wickeln Sie die Fische immer in Zeitungspapier ein?" "Nö, sonst nehmen wir immer son weißes Einwickelpapier, aber heute hatte ich keines mehr, da hab ich mir einfach ein paar Zeitungen gegriffen. " "Und welche Zeitungen nehmen Sie ?" "Nu, wir haben den "Thüringer Boten" und die "Saale-Unstrut-Zeitung". "Und heute?" "Das kann ich nicht mehr feststellen." "Gibt's da denn Unterschiede?" "Na ja, die "Saale-Unstrut-Zeitung" hat mehr Papier, aber das feuchtet auch schneller durch. Der "Thüringer Bote" ist teurer, aber das Papier ist auch fester."

Charlotte schaute in ihre Tasche. So wie das Papier durchfeuchtet war, konnte es eigentlich nur die "Saale-Unstrut-Zeitung" sein. Im Internet fand sie die Anschrift. Gleich am nächsten Morgen rief sie an. Sie landete zuerst beim Pförtner. "Die Anzeigenabteilung, bitte!" "So was ham wir hier nicht. Das macht immer einer der Redakteure mit" "Und wer ist gerade dran?" "Ich glaube, der Taifun. Ich verbinde Sie mal." Es meldete sich ein Herr Wetter. "Ich hätte gern Herrn Taifun gesprochen" "Den gibt's hier nicht!" "Aber der Pförtner hat doch gesagt, der Herr Taifun macht jetzt die Anzeigen!" Da lachte Herr Wetter. "Dann bin ich das wohl. Man nennt mich hier den Taifun, weil ich Wetter heiße und sehr stürmisch sein kann. Was kann ich für Sie tun?" Irgendwie gefiel Charlotte das Lachen. "Ich suche eine Anzeige, aber ich habe nur die halbe Chiffre-Nummer und das Datum weiß ich auch nicht." "Was denn für eine Anzeige?" "Na, so ne Art Heiratsannonce, aber eigentlich geht Sie das ja gar nichts an!" "Verstehe," sagte der Taifun mit versöhnlicher Stimme. "Aber wie stellen Sie sich das denn jetzt vor? So ohne Chiffre und ohne Datum?" "Na, ich dachte, vielleicht haben Sie ja ein Archiv und da könnten Sie mal nach der Anzeige suchen." "Wo denken Sie hin, gute Frau. Wir sind hier so wenige Leute, da habe ich für so was keine Zeit."

Charlotte überlegte. "Und wenn ich selber vorbei komme? Würden Sie mich denn suchen lassen?" "Darüber lässt sich reden. Von wo rufen Sie denn an?" "Aus Berlin" "Oh je, ob das den Aufwand lohnt?" "Mir liegt halt sehr daran," seufzte Charlotte. "Na gut", sagte der Taifun, "wie wär's mit Freitag? So gegen 14 Uhr? " "O.K., ich freu mich!"

Sie kam mit dem Zug. Der Pförtner wies ihr den Weg zum Taifun. Ein netter, sportlicher Mann mit dem fröhlichen Lachen, das sie ja schon kannte. Er zeigte ihr das Archiv und Charlotte begann ihre Suche. Es war mühsam, die Anzeigen waren überall in der Zeitung verteilt. Gegen fünf Uhr kam Herr Wetter wieder vorbei. "Ich muss jetzt mal weg, mein Sohn kommt vom Fußball und braucht was zum Essen. Ich komme danach noch mal vorbei" "Und warum kann das Ihre Frau nicht machen?" "Die ist vor zwei Jahren mit dem Auto tödlich verunglückt." "Oh, das tut mir leid!" Gegen sieben war Wetter wieder da. "Jetzt muss ich aber rasch zurück " sagte Charlotte." "Hoffentlich geht da noch ein Zug", sagte Wetter. "Ich fahr Sie rasch zum Bahnhof."

Es ging kein Zug mehr. Und das einzige Hotel "Zur Forelle", früher "Roter Oktober", hatte Betriebsferien. Was nun? Charlotte geriet in leichte Panik "Ich hätte da ein Gästezimmer" sagte Wetter." "Das wäre natürlich toll. Vielen Dank!" Charlotte schlief gleich ein und träumte von dem verarmten Millionär. Am nächsten Morgen nahm sie den ersten Zug nach Berlin.

Eine Woche später rief der Taifun sie morgens in der Bank an. "Ich habe heute in Berlin zu tun. Wollen wir uns nicht treffen?"

"Gerne!" sagte Charlotte sofort. "Um fünf an der Bank?" "Ja, gut." Um fünf stand sie etwas aufgeregt vor der Bank. Zehn nach fünf quietschten Reifen, er stand atemlos vor ihr. "Mann, ist das hier ein Verkehr! Wartest Du schon lange?" Sie stutzte einen Moment, dann gab sie ihm die Hand. "Ich heiße übrigens Charlotte!"

Er verbeugte sich leicht: "Klaus! " und lud sie ins Cafe Einstein ein. "Die Anzeige hast Du ja sicher immer noch nicht gefunden, oder? Ich muss heute noch zurück. Willst Du nicht mitkommen, dann kannst Du morgen gleich weiter suchen." "Gute Idee, ich muss mir nur noch ne Ausrede für die Bank ausdenken."

Das Gästezimmer war wieder sehr gemütlich. Am Morgen nahm er sie im Auto mit zur Redaktion. Sie verschwand gleich im Archiv. Um zwölf fand sie die Anzeige und kam aufgeregt zu Klaus ins Zimmer. "Toll, das müssen wir feiern!" rief er. " Zeig mal!" Wenn Charlotte nicht so begeistert gewesen wäre, wäre ihr sicher das gequälte Zucken in seinem Gesicht aufgefallen, als er die Anzeige sah, Er lud sie zum Mittagessen ein. Nach einer Weile sagte er etwas verlegen: "Charlotte, ich muss Dir was sagen." Sie legte einen Finger auf seinen Mund und lächelte: "Sag's nicht! Ich mag dich auch sehr!" "Nein, da ist noch was!" Ach je, dachte sie, jetzt kommt die Freundin, von der er sich nicht trennen kann. "Es ist nur so: Diese Anzeige…" er zögerte "…die habe ich selbst erfunden. Mein Chef hatte sich beklagt, die Anzeigen seien in letzter Zeit so dröge und langweilig. Ob ich die nicht mal aufpeppen könnte…" Ihr stieg die Zornesröte ins Gesicht. "Willst Du mir damit sagen, die Anzeige, für die ich fast zwei Tage geopfert habe, ist eine Erfindung???" Er nickte verlegen. "Das ist ja wohl das Letzte!" Sie sprang auf, griff nach ihrem Mantel und stürmte aus dem Lokal, Sie nahm den nächsten Zug nach Berlin und warf sich in ihrer Wohnung gleich aufs Bett. Das war's dann wohl mal wieder. Wütend wischte sie sich ein paar Tränen ab. Am nächsten Abend rief er sie an, um sich zu entschuldigen, aber sie legte auf. Er ging ihr dennoch nicht aus dem Kopf.

Eigentlich traf ihn ja gar keine Schuld. Nach einer Woche hatte sie ihm verziehen, aber anrufen würde sie ihn nicht. Nach zwei Wochen war er wieder am Telefon: "Charlotte, ich hab da ein Problem!" "Ihr Männer seid doch alle selbst ein Problem!" knurrte sie. Er fuhr unbeirrt fort: "Ich wollte mit meinem Sohn für zwei Wochen nach Mallorca und hab schon alles gebucht. Nun muss er plötzlich mit der Fußballmannschaft nach Schweden. Könntest Du Dir vielleicht vorstellen, mit mir nach Mallorca zu kommen? Es würde Dich auch nichts kosten!" Ihr wurde heiß und kalt, ihre Stimme zitterte. "Ich überleg's mir" sagte sie leise und legte auf. Nach drei Tagen erhielt er eine SMS: "Arme Frau folgt reichem Mann nach Mallorca!" "Na, wie wars?" fragten die Kollegen, als sie braun gebrannt und fröhlich zurück kam. "Toll war's! Es gab sogar einen Taifun!"

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