Trendbezirk : Alle wollen nach Pankow

Pankow ist nicht nur ein schick saniertes Prenzlauer Berg: Junge Familien zieht der Großbezirk magisch an. Und der kommt mit der Verbesserung seiner Infrastruktur kaum hinterher.

Jörg Oberwittler
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Ideale Kleinfamilie. Anica und Nicolas Delecluse sind mit der zehn Monate alten Mathilda ins gutbürgerliche Pankow gezogen.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Kurz nach der Geburt ihrer Tochter Mathilda vor zehn Monaten wollte Anica Delecluse die Geburtsurkunde im Pankower Rathaus abholen. Im oberen Stockwerk war erst mal Endstation wegen einer unpassierbaren Treppe. Die 31-jährige Mutter musste klingeln, um eine Rollstuhlfahrerrampe ausfahren zu lassen. Das hätte sie lieber bleiben lassen. Eine Angestellte schaute aus ihrem Büro und wies sie zurecht: „Die Rampe ist nur für Rollstuhlfahrer da!“

Für Anica Delecluse ist das ein anschauliches Beispiel dafür, dass sich die Pankower Bezirksverwaltung besser auf die Bedürfnisse von Familien einstellen muss. Saubere Parks, viele Spielplätze, eine ruhige Lage – das hat Familie Delecluse in den Bezirk gelockt, zu dem 13 Ortsteile gehören, darunter auch die einst selbstständigen Bezirke Prenzlauer Berg oder Weißensee. In kaum einem anderen Reformbezirk leben mittlerweile so viele junge Eltern zwischen 20 und 45 Jahren mit Kindern unter sechs Jahren, wie der erste Bericht des Berliner Beirats für Familienfragen ergab. Es sind Eltern wie Nicolas und Anica Delecluse: gut ausgebildet, Anfang dreißig, beide in den ersten Berufsjahren.

Während der gebürtige Franzose Nicolas Delecluse geduldig Tochter Mathilda am Esstisch mit Karotten-Kürbis-Brei füttert, hat seine Frau Anica Zeit für ein Gespräch. Neben allerlei Lob für den Bezirk fällt ihr vieles ein, was besser laufen könnte. Seit Mathildas Geburt habe sie bei zehn Kitas immer wieder nach einem Kitaplatz gefragt – ohne Erfolg. „Mir scheint, in Pankow ist es schwieriger einen Kitaplatz zu kriegen als einen Job“, sagt die Juristin in Elternzeit. Weil viele Familien zwei Kinder haben und Geschwisterkinder bei der Vergabe vorgehen, wird es für die Ein-Kind-Familie langsam knapp. In zwei Monaten will Anica Delecluse wieder arbeiten.

Ihr Mann ist Einkäufer für ein großes Unternehmen in Nordbrandenburg, daher liegt Pankow für sie ideal. Doch nicht nur bei Kitas, auch bei Grundschulplätzen werde es in Pankow schon eng, berichten Freunde der Familie. Und mit dem Rad zur Schule fahren – angesichts fehlender Radwege ist das für Kinder vielerorts eine gefährliche Angelegenheit.

So loben Familien einerseits das reichhaltige Angebot an engagierten Eltern-Initiativen und kinderfreundlichen Geschäften, denn längst sind Ecken wie die Florastraße in Pankow oder die Dunckerstraße in Prenzlauer Berg zur Familienmeile avanciert. Eltern-Kind-Cafés, Kinderkleiderläden, spezielle Buchhandlungen haben sich etabliert. Andererseits ist die soziale Infrastruktur nicht ausreichend mitgewachsen, wie Eltern dem Familienbeirat mitteilen. Der einwohnerreichste Bezirk Berlins krankt am eigenen Erfolg.

Vor allem die steigenden Mieten in Prenzlauer Berg vertreiben Eltern Richtung Wedding oder Buch. „Ich kenne viele, die ihre Wohnung nur noch mit Mühe halten können“, sagt Conny Weiland vom Nachbarschaftshaus Pfefferwerk am Teutoburger Platz. Vor 15 Jahren fing sie in der Einrichtung an. Die Klientel hat sich mit den vielen Zugezogenen seitdem deutlich verändert – und damit auch das Angebot: deutsch-italienisch-Sprachkurse, Kinderyoga, kreativer Tanzunterricht.

„Pankow ist nicht nur ein schick saniertes Prenzlauer Berg“, sagt dagegen Sandra Scheeres vom Lokalen Bündnis für Familie in Pankow. „Wir haben auch anders strukturierte Kieze: Plattenbau, soziale Probleme, ein hoher Anteil Alleinerziehender.“ Für Letztere, die es im Bezirk überdurchschnittlich häufig gibt, ist die Situation besonders schwierig. Eine flexible Kindertagesbetreuung, die alleinerziehende Mütter oder Eltern im Schichtdienst unterstützt, gibt es zwar, aber „der Bedarf ist sehr groß, wir kommen nicht hinterher“, sagt Daniela Dräger vom Frauenzentrum Paula Panke. „Derzeit stehen 160 Familien auf der Warteliste.“

Zurück im Hause Delecluse: Während Tochter Mathilda mit ihrer rosa Schnabeltasse spielt, erzählt Vater Nicolas, dass er bald dran ist mit der Elternzeit. „Das Angebot für Väter ist sehr einladend hier“, sagt er. Samstags gibt es etwa einen Väter-Brunch im Stadtteilzentrum um die Ecke. Insgesamt fühlt sich die junge Familie hier wohl, hat es sich in ihrer frisch sanierten Altbauwohnung gemütlich gemacht. Im Gemeinschaftsgarten steht bereits die Schaukel, auf der Mathilda bald schon sitzen kann. Im nahe gelegenen Bürgerpark locken Spielplätze mit reichlich Spielgefährten. In Pankow geht der Trend zum Drittkind.

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