Volksentscheid : Pro Reli: Letzte Fragen

Viel wurde und wird über das Volksbegehren geschrieben. Aber was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem Schulfach Ethik und dem Religionsunterricht? Wie ist die Situation jetzt in Berlin? Was wird sich ändern, sollte der Volksentscheid erfolgreich sein?

Claudia Keller
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Foto: Thilo Rückeis

Was sieht der Rahmenlehrplan für den Ethikunterricht vor?



Der Unterricht muss bekenntnisfrei und weltanschaulich neutral sein. Ethische und moralische Fragen sollen auf Grundlage der Menschenrechte und der „Goldenen Regel“ diskutiert werden, die sich durch alle Weltreligionen zieht: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

Ausgehend von Alltagsproblemen sollen die Jugendlichen lernen, ethisch zu reflektieren (Was ist ein gutes Leben und wie kann man es führen? Wie ist eine Situation? Ist es gut so, wie es ist?), Empathie zu entwickeln (Warum kommt der andere zu einer anderen Meinung als ich?), zu argumentieren (Wie vermittle ich meine Position?) und praktische Folgerungen daraus zu ziehen.

Auch gibt der Lehrplan Themenfelder vor, in der siebten Klasse etwa Identität, Freundschaft und Glück, später geht es um Freiheit und Verantwortung, Solidarität und Gleichheit, auch um Wissen, Hoffen und Glauben. Dabei wird auch Wissen über Religionen vermittelt, auch wenn dies im Lehrplan nicht als eigenes Ziel aufgeführt wird. Aber da die Schüler oft Vorstellungen vom Islam, Judentum oder Christentum in die Debatte hineintragen, kommt den unterschiedlichen religiösen Positionen ein wichtiger Stellenwert zu. Dabei sollen die Lehrer die verschiedenen Positionen so neutral wie möglich vermitteln.

Was steht im Rahmenlehrplan für den Religionsunterricht?

Anders als der Ethikunterricht muss der Religionsunterricht bekenntnisorientiert sein – egal ob er wie jetzt ein freiwilliges Angebot ist oder ein staatliches Fach. So sieht es das Grundgesetz vor. Ziel des von der evangelischen Kirche erarbeiteten Rahmenlehrplans ist es, „religiöse Kompetenz“ zu erwerben. Die Schüler sollen eine eigene religiöse Überzeugung gewinnen und darüber diskutieren können. Die Religionslehrer vermitteln nicht nur abstraktes Wissen über Religionen wie im Ethikunterricht, sondern sie sollen die Schüler vertraut machen mit den religiösen Riten und Überzeugungen. So gehört auch das Auswendiglernen der Gebote und des Vaterunser im christlichen Unterricht dazu. Der Wahrheitsanspruch der jeweiligen Religion muss und soll nach der gewünschten Maxime der Bekenntnisorientierung gerade nicht relativiert werden.

Darüber hinaus geht es auch im Religionsunterricht um Grundfragen des Lebens, um die Persönlichkeitsentwicklung, um Gerechtigkeit, Toleranz und Verantwortung und das Erlernen sozialer Kompetenzen – aber immer ausgehend von biblischen Texten. So sollen etwa Viertklässler verstehen, dass die Zehn Gebote Möglichkeiten für ein gelingendes Miteinander eröffnen, und dies an einem Gebot erläutern können. Achtklässler sollen das Thema Gerechtigkeit am Beispiel eines biblischen Propheten entfalten können. Vor allem in den Oberschulen lernen die Jugendlichen auch andere Religionen kennen. Aufgrund der Erfahrung mit der eigenen Religion sollen sie ihnen offen und tolerant begegnen können.

Würde sich der Lehrplan ändern, wenn Religion staatliches Schulfach würde?

Auch dann dürfte sich der Staat nicht in die wesentlichen Inhalte einmischen. Allerdings würde die Schulverwaltung den Rahmenlehrplan gemeinsam mit den Religionsgemeinschaften erarbeiten. Jetzt reichen die Religionsgemeinschaften den von ihnen erarbeiteten Lehrplan ein, die Schulverwaltung prüft lediglich, ob darin zu verfassungsfeindlichen Handlungen aufgerufen wird.

Kooperieren Religions- und Ethiklehrer?

In etwa 60 Schulen arbeiten Ethik- und Religionslehrer zusammen, stimmen die Unterrichtsinhalte aufeinander ab, tauschen sich über die Ergebnisse aus. Etliche Schulen haben den Ethik- und Religionsunterricht sogar teilweise zusammengelegt. Ob und wie zusammengearbeitet wird, ist den Schulen selbst überlassen. Meistens hängt es vom persönlichen Verhältnis der Lehrer zueinander ab.

Wer besucht den Ethikunterricht?

Zum Schuljahr 2006/07 wurde in den siebten Klassen an allen öffentlichen Oberschulen das Pflichtfach Ethik eingeführt. Im Moment nehmen am Ethikunterricht die siebten bis neunten Klassen der Oberschulen teil, der Unterricht wächst „nach oben durch“. Nächstes Schuljahr soll das Fach dann wie geplant in allen siebten bis zehnten Klassen unterrichtet werden, dann werden rund 100 000 Schüler daran teilnehmen. Sollte der Volksentscheid erfolgreich sein, würde es Ethik- und Religionsunterricht von der ersten bis 13. Klasse geben.

Wer besucht den Religionsunterricht?

Am evangelischen Religionsunterricht nehmen im Moment 81 319 Grund- und Oberschüler teil. Im Schuljahr 2005/06, vor der Einführung des Ethikunterrichts, waren es 90 844 Schüler. Der kontinuierliche Rückgang der evangelischen Religionsschüler hängt aber nicht nur mit dem Konkurrenzangebot des Ethikunterrichts zusammen, sondern auch damit, dass die Schülerzahlen insgesamt gesunken sind.

Den katholischen Religionsunterricht besuchen momentan knapp 25 000 Schüler, das sind sogar 80 Schüler mehr als vor der Einführung des Ethikunterrichts. Seit 1999 gibt zudem die Islamische Föderation Berlin an 31 Grundschulen rund 4700 Schülern Islamunterricht. An drei Grundschulen wird alevitischer Islamunterricht angeboten, an zwei Grundschulen Buddhismus. Kontinuierlich auf über 47 000 Schüler gestiegen sind die Teilnehmerzahlen beim Fach Lebenskunde des Humanistischen Verbandes Deutschland.

Wer unterrichtet das Fach Ethik?

In fünf Jahren werden die ersten an der Freien Universität ausgebildeten Ethiklehrer Arbeit suchen. Bis dahin unterrichten Lehrer, die aus anderen Fachbereichen kommen und eine Weiterbildung am Landesinstitut für Schule und Medien absolviert haben. Zum Teil sind dies auch Religionslehrer und Lebenskundelehrer.

Wer erteilt freiwilligen Religionsunterricht?

Die Religionsgemeinschaften setzen die Lehrer ein. Das Schulgesetz schreibt vor, dass die Religionslehrer eine Lehrbefähigung oder ein Hochschulstudium (egal in welchem Fach) vorweisen müssen. Wie viele tatsächlich über diese Qualifikation verfügen, erfasst der Senat allerdings nicht. Nach Auskunft der Kirchen haben sich viele sogenannte Katecheten zu Diplom-Religionspädagogen weitergebildet, auch viele Pfarrer unterrichten.

Wer würde unterrichten, wenn Religion staatliches Fach wäre?

Die Religionsgemeinschaften würden die Lehrer vorschlagen, die Schulverwaltung würde zustimmen oder nicht.Voraussetzung für Lehrer staatlicher Fächer ist eigentlich das Staatsexamen. Ob dies von Anfang an auch von Religionslehrern verlangt würde, müsste noch geklärt werden. Der Initiative Pro Reli schwebt als Idealbesetzung der Studienrat vor, der andere Fächer, etwa Mathe oder Deutsch unterrichtet und eine Ausbildung zum Religionslehrer hat. Dafür braucht er die „Vocatio“ der evangelischen beziehungsweise die „Missio“ der katholischen Kirche. Übergangsweise könnten die bisherigen Religionslehrer einspringen.

Unklar ist auch, wer Islamunterricht geben könnte. Sobald der Religionsunterricht staatliches Fach ist, muss der Staat für die Ausbildung der Lehrer sorgen. Das würde bedeuten, dass an einer der Berliner Universitäten ein Lehrstuhl zur Ausbildung von Islamlehrern eingerichtet werden müsste. Bislang werden Islamlehrer an Hochschulen in Münster, Frankfurt, Osnabrück, Erlangen und Karlsruhe ausgebildet, das sind aber viel zu wenige.

Die Frage wäre auch, welche muslimische Organisation als Ansprechpartner für den Senat fungieren würde. Wie in anderen Bundesländern, wo es Modellversuche zum Islamunterricht gibt, müssten die Gruppierungen mit einer Stimme sprechen, was angesichts der zersplitterten muslimischen Gemeinschaft in Berlin nicht abzusehen ist. Übergangsweise könnte Islamkunde gelehrt werden, die reine Vermittlung von Wissen über den Islam. Dies aber lehnen die muslimischen Verbände ab.

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