Wladimir Kaminer : Unsere Kantine ist Kult

Das waren noch Zeiten, als der Tag der Polarforscher gefeiert wurde! Der Kapitalismus bietet den Russen weniger Anlässe für feucht-fröhliche Feste. Egal – gesungen und getrunken wird trotzdem

Wladimir Kaminer

In der Sowjetunion, wo ich herkomme, mangelte es nie an feierlichen Anlässen, fast jeder Tag war ein Feiertag, der zwar nicht eine Befreiung von der Arbeit versprach, dafür aber als Aufhänger für ein gemeinsames Essen mit Freunden und Familie gut war. Die meisten Feiertage galten den Berufsgruppen, die eine besondere Romantik des Schaffens an den Tag legten: der Tag der Geologen, der Tag der Polarforscher, der Tag der Kosmonautik.

Jede Familie hatte ihre eigenen Feste, meine Mutter unterrichtete zum Beispiel an einer Hochschule Festigkeitslehre, mein Vater war Ingenieur in einem Betrieb der Binnenschifffahrt. Deswegen wurden bei uns zu Hause zum Tag des Lehrers und zum Tag des Seemanns Gäste eingeladen, und es wurde viel gekocht. Ich erinnere mich außerdem, wie mein Vater versuchte, zusätzlich noch den internationalen Tauchertag als Pflichttermin in der Familie zu etablieren, er scheiterte aber an meiner Mutter, die kühn und treffend argumentierte, mein Vater könne gar nicht tauchen, höchstens in der Badewanne mit einer Gurke im Mund. Mein Vater bestritt das, gab aber letztlich auf, weil er grundsätzlich bei Streitfragen nachgab.

Der sozialistische Staat unterstützte das Zelebrieren dieser Arbeiterfeste nach Berufsgruppen. Dadurch wurde dem Volk vermittelt, dass jede Arbeit gleich wertvoll ist und zu mehr als bloßem Geldverdienen taugt. Aus ihrer Arbeitsleistung, deren Früchte fast ausschließlich der Staat erntete, sollten die Bürger der Sowjetunion die Grundlagen ihrer Existenz, ihren Stolz und ihr Recht schöpfen. Man muss dazu wissen, dass dieser Staat als Zusammenschluss verschiedener Berufsgruppen angedacht war, ein Bündnis aus Arbeitern und Bauern, Ingenieuren und Künstlern. Als es mit dem Bündnis auf Dauer nicht klappte und die Sowjetunion von der Karte verschwand, gerieten auch die meisten Feiertage in Vergessenheit. Zumindest werden sie heute bei den Fernsehnachrichten nicht mehr so groß an die Tafel geschrieben. Zu Hause darf heute jeder feiern, wann und was er möchte, wenn er nur genug Geld und Zeit dafür hat, zwei nun rare Güter der Neuzeit, beide von unschätzbarem Wert.

Aus der alten Zeit ist offiziell nur der revolutionäre Erste Mai übrig geblieben, der in Russland nach wie vor groß aufgezogen wird, als Tag der Solidarität der Arbeiterklasse. In dem grassierenden neurussischen Turbokapitalismus, der mit Niedriglöhnen und verlängerten Arbeitszeiten massiven Druck auf die arbeitende Bevölkerung ausübt, haben die Arbeiter ihre Solidarität mit den kapitalismuserfahreneren Kollegen aus der übrigen Welt quasi neu entdeckt. Die postsozialistische Gegenwart hat kaum große Feste mit sich gebracht, außer Weihnachten, das in Russland ohne Krippe und den ganzen Schnickschnack drumherum gefeiert wird. Das Weihnachtsfest kommt Anfang Januar und wird leise und nachdenklich empfangen, als eine Art Rückbesinnung nach den ganzen wilden Schweinereinen der Silvesterparty, die manchmal länger als eine Nacht dauert. Wenn die letzten Knaller erloschen und die letzten Weihnachtsmänner, die auf Russisch Opa Frost heißen, von ihren Schneewittchen nach Hause getragen worden sind, dann kommt die Weihnachtszeit.

Die drei wichtigsten russischen Feiertage heute haben nichts mehr mit dem Beruf eines Menschen zu tun, es sind im Grunde drei gewöhnliche Familienfeste: die Taufe, die Hochzeit und die Trauerfeier. Alle drei Feste erfordern von der Familie einen enormen Zeit- und Geldaufwand, alle drei dauern länger als einen Tag und erinnern mehr an eine Demo als an ein Familienfest. Eine Hochzeit beziehungsweise Trauerfeier unter hundert Gästen wird von der Bevölkerung nicht als eine solche anerkannt.

Meine nordkaukasische Verwandtschaft, genau genommen ist es die Familie meiner Frau, besitzt eine Kantine in der russischen Provinz, an einer Ausfahrt der föderalen Straße M29 Rostov–Baku. In dieser ihrer Cafeteria haben sie sich auf die Organisation solcher Feste spezialisiert. Sie sind in der Bevölkerung sehr beliebt, weil die Kantine so preiswert ist und sehr gutes Essen anbietet. Alle loben das Essen in der Kantine und küssen der Köchin die Hand. Diese Cafeteria am Ende der Welt existiert eigentlich nur aufgrund des Enthusiasmus ihrer Mitarbeiter, sie macht viel Arbeit und bringt kaum Gewinn. Doch die Verwandtschaft hängt an ihrem Laden.

In Sachen Trauerfeiern ist die Kantine inzwischen geradezu Kult. Das fing als Zufall an. Ein Dorfbewohner, ein langjähriger Kunde, wurde von einem Laster überfahren. Seine Familie wollte die Trauerfeier unbedingt in der Kantine stattfinden lassen. Der Bruder meiner Schwiegermutter organisierte daraufhin die Trauerfeier. Der Tote wird in der Regel in Russland am frühen Vormittag beigesetzt, und nach dem Friedhof müssen Freunde und Verwandte auf das Wohl des Verstorbenen etwas essen und trinken, damit ihm „der Tod leichter bekommt“. Diese Geste ist in der russischen kulturellen Tradition von großer Bedeutung. Die Trauerfeier kam gut an, alle waren begeistert.

Schnell stieg die Kantine zur beliebtesten Trauerfeierstätte des Bezirks auf. Außerdem stellte sich heraus, dass die zuvor angestellte Küchenhilfe hervorragend Akkordeon spielen und viele traurige oder nach Wunsch auch feurige Lieder singen konnte. Inzwischen hat die Kantine auf diesem Gebiet wie gesagt einen Kultstatus. Im August dieses Jahres wurde es regelrecht hysterisch. Lebendige Menschen schrieben sich in das Vorbestellbuch für Trauerfeiern ein. Andere wollten sofort sterben. „Sie machen es so gut, wozu noch leben?!“, ließen sie der Küche ausrichten. Man merkte sofort, dass den Menschen die Feste fehlen.

So sind die Russen, sie sitzen gerne an langen Tischen, sie stoßen gerne mit Halbbekannten an und sie singen gerne im Chor. Der Kapitalismus bietet aber wenig Anlass zu einer anständigen Feier.

Gut, auf dem Lande, im Nordkaukasus, wo die Menschen in großen Familien mit Kindern, Alten, Hühnern und Kühen zusammenleben und die Gesellschaft noch nicht so stark wie in der Stadt auf „Individuen“ reduziert ist, feiern sie manchmal ungewöhnliche Feste. So wird zum Beispiel im Dorf unserer Verwandtschaft „Der Tag der Straße“ gefeiert – an jedem ersten Sonntag im Juni. An diesem Tag wurde vor 15 Jahren die Steppenstraße im Dorf Borodinowka gegründet, offiziell als Postadresse anerkannt und in was weiß ich welches Adressbuch eingetragen.

Seitdem feiern die Anwohner jedes Jahr den Tag der Straße. Lange Bänke und Tische werden aus den Höfen herausgetragen und direkt auf der Straße zusammengestellt. Jeder Haushalt ist für drei Meter Tisch verantwortlich, den er mit hausgemachtem Essen und Schnaps vollstellt. Dabei versucht jeder natürlich seine Nachbarn zu übertrumpfen, der Imker prahlt mit seinem Honig, die Kuhbesitzer mit ihren Milchprodukten, und alle prahlen mit ihrem Schnaps. Der eine mischt Zitronenhaut dazu, der andere nimmt Zeder, ein dritter experimentiert mit Melonenschalen. Die Weigerung, den Schnaps eines Nachbarn zu probieren, gilt als grobe Beleidigung und kann nur durch angestrengtes Austrinken eines großen Horns wiedergutgemacht werden.

Es gibt dort aber noch ein weiteres Fest, das mich sehr berührt hat: Wenn jemand, der an dieser Straße wohnt, von Freunden oder Verwandten Besuch bekommt, der länger als drei Tage bleibt, muss er alle Nachbarn an der Straße davon in Kenntnis setzen. Am vierten Tag muss er einen Tisch decken und die Nachbarn einladen. Sie kommen nicht mit leeren Händen, sondern jeder mit seiner Hausspezialität, die meisten mit ihrem Schnaps. Der Besuch wird vom Gastgeber vorgestellt, die Nachbarn stellen sich ebenfalls sehr förmlich vor. Danach soll der Gast etwas über sich erzählen, was er so macht und wo er arbeitet. Später wird gegessen, gesungen und getanzt.

Wenn der Besuch bei der Straße gut ankommt, kann die Vorstellung jeden Sonntag wiederholt werden – bis der Besuch eines Tages völlig zerknickt, aber glücklich mit Koffern, Geschenken (Schnaps, Honig, noch einer und noch ein anderer Schnaps) endlich abreist.

In unserer Serie über Feste in verschiedenen Kulturen ist bereits erschienen: „Bonbons auf dem Gefängnishof von Siva“ von Seyran Ates (12. Oktober). Weitere Geschichten erscheinen in unregelmäßiger Folge, alle Geschichten sind unter www.tagesspiegel.de/erzaehlwettbewerb nachzulesen.

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