Zeitung in der Schule : Das Wunderpapier

Schmökern und Geschichten erfinden: Mit Zeitungen kann man vieles machen. Der Tagesspiegel möchte Schüler zum Lesen, Erzählen, Debattieren anregen.

Man kann sie zerknüllen, man kann sie bemalen, man kann mit ihr nasse Schuhe ausstopfen oder Fliegen wegwedeln. Zu einer Tröte lässt sie sich formen, Pakete polstert sie zuverlässig aus, und auf kaltem Boden ausgebreitet schützt sie vor Blasenentzündung. Man kann sie auch, in kleine Fetzen zerrissen, als Konfetti auf eine Festgesellschaft regnen lassen: Es gibt fast nichts, wozu eine Zeitung nicht gut ist.

Natürlich kann man sie auch gepflegt vor die Nase halten und darin lesen, wie es sich gehört. Dann findet man Geschichten, schöne und schreckliche, lustige und traurige, Menschen, Meinungen, Debatten, Kurioses und Seriöses. Wer Zeitung liest, lernt das selektive und kompetente Lesen – und das fängt schon beim Erstklässler an, der am Frühstückstisch in die Zeitung der Eltern linst, die Tierfotos bestaunt oder die ersten Schlagzeilen entziffert.

Leseforscher Bodo Franzmann von der Stiftung Lesen meint sogar, Zeitungen seien das ideale Medium, um Schüler ans Lesen heranzuführen. Denn Zeitung liest man täglich, sie wird zur Gewohnheit. „Wenn in einer Familie Zeitung gelesen wird, hat das, wie Studien zeigen, einen signifikanten Einfluss auf das spätere Leseverhalten der Kinder.“ Er empfiehlt, schon in der Grundschule Zeitungen im Unterricht einzuführen – und damit auch spielerisch umzugehen: Basteln erlaubt!

In diesem Schuljahr können Schüler aller Schularten und Klassenstufen mit der Zeitung noch etwas anderes tun: Sie können Geschichten über sie erfinden. „Zeitung“ lautet diesmal das Thema des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs, und auch da geht es nicht streng zu: Die Geschichten dürfen wahr oder erfunden sein, Hauptsache eine Zeitung kommt darin vor – auch als Tröte oder als Konfetti ist sie willkommen. Fangen nicht viele Krimis mit Zeitungen an? Der Detektiv liest eine Meldung in seinem Heimatblattt, die ihn stutzig werden lässt. Und schon kommt der Fall ins Rollen ...

Gesucht sind wie in jedem Jahr Menschen, die gute Geschichten gut vortragen. In den vergangenen Jahren haben sich jeweils bis zu 500 Schüler an dem Wettbewerb beteiligt, in Klassen, AGs oder einzeln, die jüngsten waren sechs bis acht Jahre alt. Dabei kommt es nicht nur aufs Schreiben an: Die Jury wird rund 50 Schüler einladen, ihre Geschichten vor Publikum vorzutragen. Und wer es da schafft, mit seinem Text, seiner Stimme und seiner ganzen Person zu überzeugen, der kommt ins Finale – und wird, zum Beispiel auf der Kinderseite, gedruckt (siehe Kasten).

Der Erzählwettbewerb ist eines von mehreren Projekten zur Förderung der Sprachund Lesekultur, die der Tagesspiegel anbietet. Denn so gut die ausgewählte Schule sein mag: Ihre Angebote beschränken sich naturgemäß auf das Umfeld der Schule selbst. Eine Zeitung kann ein größeres Forum bieten. „Für die Kinder ist das aufregend, wenn sie außerhalb ihrer Klasse auftreten dürfen“, sagt Bärbel Joel, Lehrerin an der Grundschule am Grüngürtel. „Das motiviert auch Kinder, die normalerweise nicht so gerne schreiben.“

Das gilt ebenso für die Kunst der Debatte, die an Berliner Schulen bisher nur vereinzelt gepflegt wird: Ein Forum oder Wettbewerb außerhalb der Schule kann anspornen. Der Tagessspiegel bietet daher Rhetorikseminare für Schüler an (die Herbstseminare sind schon ausgebucht) und möchte in Zusammenarbeit mit engagierten Lehrern einen Debattierwettbewerb für Berliner Schüler ins Leben rufen. Einige ältere Schüler haben darin bereits Erfahrungen gesammelt, etwa im Bundeswettbewerb „Jugend debattiert“ oder auch im Tagesspiegel-Debattierclub. Aber auch jüngere Kinder können sich in der Debatte üben. Dann lautet die Streitfrage eben nicht „Soll Berlin Studiengebühren einführen?“, sondern eher „Soll unsere Klassenfahrt auf den Reiterhof oder an die Ostsee gehen?“ Auch bei solchen Themen lernt man, Argumente nach Regeln auszutauschen, anderen zuzuhören und die Perspektive zu wechseln. „Debattieren trainiert ganz viele Fähigkeiten“, sagt Jens Fischer, Rhetoriktrainer und Gründer der Berlin Debating Union. „Das reicht von der Recherche über die Eloquenz bis hin zur persönlichen Ausstrahlung.“

Lehrerinnen und Lehrer, die sich für Erzähl- oder Debattierwettbewerb interessieren, können die Fortbildungsseminare „Spannend erzählen“ oder „Debatte“ besuchen, die der Tagesspiegel zusammen mit dem Landesinstitut für Schule und Medien (Lisum) anbietet (bei Interesse bitte an erzaehlwettbewerb@tagesspiegel.de mailen). Und ab November kann eine begrenzte Anzahl von Schulklassen kostenlos Klassensätze des Tagesspiegels erhalten. Die Zeitungen sollen als Anregung für spannende Geschichten oder heiße Debatten dienen – und dürfen nach der Lektüre auch gerne zu Pappmaché verarbeitet werden.

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