Arztbrief : Osteoporose. Wenn der Knochen brüchig wird

Unser Experte Eberhard-Ulrich Wieland ist Osteoporose-Spezialist und hat eine Praxis in Wilmersdorf.

Anna Ilin

Erklärung Die Knochen des menschlichen Skeletts bestehen aus einem elastischen Gerüst aus Kollagen, einem Eiweiß, das dem Bindegewebe im Körper seine Stabilität verleiht. Die Härte des Knochens entsteht, weil zwischen den Kollagenfasern Kalziumkristalle eingelagert sind, in etwa vergleichbar mit dem Brückenbau mithilfe von Stahlmatten, die mit Beton ausgegossen sind.

Osteoporose ist eine Erkrankung, bei der es zu einem Strukturverlust des Knochens kommt, in dessen Folge die Gefahr für Knochenbrüche ansteigt. Umgangssprachlich wird die Krankheit auch Knochenschwund genannt. „Man kann sich das so vorstellen, dass ein gesunder Knochen wie ein dichter Wald ist“, sagt der Berliner Allgemeinmediziner und Osteoporose-Spezialist Eberhard-Ulrich Wieland. „Die Osteoporose bewirkt, dass sich der Wald ausdünnt. Als würden Sie jeden zweiten Baum fällen.“ Die Knochen werden also brüchiger, oder anders ausgedrückt: Ihre Dichte nimmt ab.

Mediziner unterscheiden zwischen einer primären und einer sekundären Osteoporose. Erstere ist wesentlich häufiger und tritt bei Frauen zum Beispiel während der Wechseljahre auf.

Von einer sekundären Osteoporose spricht man, wenn die Krankheit als Folge von anderen Erkrankungen oder durch Einnahme von Medikamenten wie Kortison entsteht - fünf bis 20 Prozent der Patienten zählen zu dieser Gruppe.

Osteoporose ist eine Volkskrankheit. Deutschlandweit leiden etwa 6,3 Millionen Menschen darunter, 5,3 Millionen davon sind Frauen. Ein Viertel aller Frauen erkrankt im Laufe des Lebens daran und sechs Prozent der Männer.

Symptome „Das Heimtückische an der Osteoporose ist, dass die Patienten sie oft gar nicht bemerken“, sagt der Osteologe ­- also Spezialist für das Skelettsystem - Wieland. Die Krankheit selbst verursache nämlich keine Schmerzen oder körperliche Störungen und werde deshalb oft erst nach einem Bruch wahrgenommen.

Meist betrifft der Knochenschwund das gesamte Skelett gleichermaßen, auch wenn in dessen Folge bestimmte Knochen besonders häufig brechen - in Abhängigkeit vom Lebensalter der Patienten. Zunächst seien bei den über 50-Jährigen erst die Hand- oder Sprunggelenke betroffen, sagt Wieland, etwa durch Umknicken oder weil man sich beim Hinfallen reflexhaft aufstützt. Bei den über 65-jährigen Osteoporose-Patienten hingegen kommen zusätzlich Wirbelkörperfrakturen und ab 75 Jahren schließlich auch Oberschenkelhalsbrüche hinzu.

Eine Osteoporose kann auch lokal begrenzt sein, nämlich dann, wenn sie durch eine lokale Entzündung hervorgerufen wurde. Bei Rheuma zum Beispiel oder gelenknahen Knochendeformationen an Fingern oder Zehen.

Ursachen Die primäre Osteoporose wird hervorgerufen durch eine genetische Vorbelastung oder durch eine verringerte Hormonversorgung des weiblichen Organismus infolge der Wechseljahre oder schlicht nur durch das fortgeschrittene Alter der Patienten.

Die sekundäre Form hat andere Ursachen. Die Einnahme von kortisonhaltigen Medikamenten zum Beispiel begünstigt einen Knochenschwund, ebenso wie eine Chemotherapie bei Krebs oder Störungen im Hormonhaushalt, etwa infolge einer Überfunktion der Schilddrüse und der Nebenschilddrüsen.

Weitere Ursachen für einen Knochenschwund können Magersucht und Bewegungsunfähigkeit sein. Auch zu viel Alkohol und das Rauchen begünstigen Osteoporose.

Diagnose Zum Nachweis der Erkrankung wird die Knochendichte gemessen. Das am häufigsten dafür verwendete Verfahren heißt Dual-Röntgen-Absorptiometrie. Dazu werden Röntgenstrahlen durch die Lendenwirbelkörper oder den Oberschenkelhals geschickt. Das Gerät misst dann, wie viel der Strahlungsenergie von den Knochen absorbiert wird - je weniger, desto poröser sind die Knochen.

Doch das allein reicht nicht, um eine Behandlung zu rechtfertigen. Denn bei allen Menschen nimmt die Knochendichte nach dem 30. Lebensjahr ab. Ab wann es sich dabei um eine behandlungsbedürftige Osteoporose handelt, hängt davon ab, wie porös der Knochen ist und ob noch weitere Risikofaktoren hinzukommen - beispielsweise wenn einer der Elternteile einen Oberschenkelhalsbruch erlitten hat.

„Wichtig ist aber in jedem Fall, auf den individuellen Krankheitsfall zuschauen“, betont Mediziner Wieland. Gerade bei älteren Patienten bestünden zudem oft mehrere Erkrankungen gleichzeitig, die in die Diagnose und auch die Behandlung miteinbezogen werden müssen.

Ob eine regelmäßige Knochendichtemessung zur Früherkennung einer Osteoporose sinnvoll ist, hängt von der individuellen Geschichte des Patienten ab. Die Krankenkassen bezahlen sie nur in begründeten Verdachtsfällen oder wenn eine medikamentöse Therapie beabsichtigt ist. Der Dachverband Osteologie empfiehlt eine Basisdiagnostik für Frauen ab 70 und für Männer ab 80 Jahren. Muss man die Diagnostik selbst zahlen, liegen die Kosten für eine Knochendichtemessung bei etwa 20 bis 50 Euro.

Behandlung „Osteoporose ist heute sehr gut behandelbar.“ Dazu verfügt der Arzt über ein ganzes Arsenal von Medikamenten: Bisphosphonate schalten die Zellen aus, die unter normalen Umständen Knochensubstanz bei natürlichen Reparaturvorgängen abbauen, bei der Osteoporose aber eine deutlich gesteigerte Aktivität aufweisen. Hormongaben gleichen den Mangel an körpereigenen Hormonen aus, der die Knochen gefährdet. Und es gibt Wirkstoffe, die verlorene Knochensubstanz wieder aufbauen.

Doch nicht immer könne dieses Arsenal erfolgreich eingesetzt werden. Denn wenn es keine Beschwerden gibt, dann ist der Befund Knochenschwund für manche Patienten so abstrakt, dass sie die Einnahme der Medikamente vernachlässigen. „Ich hab doch gar nichts, wieso soll ich denn Medikamente nehmen?“, heiße es dann - so lange, bis der Knochen bricht.

Bei einer sekundären Osteoporose, die aufgrund einer anderen Grunderkrankung auftritt oder als unerwünschte Nebenwirkung einer medikamentösen Therapie, muss der Arzt diese wahren Ursachen bekämpfen. Kortisonbehandlungen zählen zu den klassischen Risikofaktoren. In solchen Fällen hilft es häufig schon, das Kortison - wenn möglich - zu reduzieren oder abzusetzen.

Vitamin D spielt bei der Behandlung von Osteoporose ebenfalls eine Rolle. Es fördert die Aufnahme von Kalzium aus dem Darm und regelt den Kalziumhaushalt im Blut. Dadurch ist es wichtig für den Knochenaufbau. Vitamin D wird in der Haut gebildet, wenn UV-Strahlung auf sie trifft. Berliner leiden häufiger an einem Vitamin-D-Mangel als Bewohner der Mittelmeerregion - die Sonne scheint hier oft nur sporadisch.

Das wichtigste Therapieziel ist es, Knochenbrüchen zu vermeiden, indem man den Knochenmasseverlust eindämmt oder gar umkehrt.

Der gezielte Aufbau von Muskelgewebe durch Sport und körperliche Beanspruchung kann den Knochen ebenfalls stärken. Besonders wichtig sind die sogenannten Muskelfasern Typ II. Je mehr von ihnen vorhanden sind, desto stärker ist auch der Knochen. Unabhängig vom Alter und der Mobilität des Patienten sei ein angepasstes Krafttraining sinnvoll, sagt der Osteologe.

Und natürlich kann man Brüche vermeiden, indem man nicht stürzt. Deshalb gibt es spezielle Osteoporose-Funktionstrainings, die auch die Koordinationsfähigkeit verbessern und so der Sturzprophylaxe dienen. Außerdem empfiehlt Wieland seinen Patienten, sich in der eigenen Wohnung gründlich umzusehen und Teppichfransen, ungünstig platzierte Hundekörbchen und andere Stolperfallen zu beseitigen.

Die Heilungschancen bei Knochenbrüchen sind durch die Osteoporose nicht beeinträchtigt. Denn die körpereigenen Reparaturmechanismen funktionieren unabhängig von der Knochendichte.

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