Gesund leben : Gelassen alt werden

Mit 65 Jahren ist das Leben nicht vorbei - Frauen und Männer werden älter denn je. Was erwartet Rentner heute? Und was sollten sie selbst tun?

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Glück von Alter hängt davon ab, wie aktiv Senioren sind.
Glück von Alter hängt davon ab, wie aktiv Senioren sind.Foto: Photocase

Zeigen Sie her! Ulrike Müller holt die Brille aus dem Etui: „Da bin ich aber mal gespannt.“ Die Brille braucht sie, denn die Zahlen auf dem Papier, das sie in die Hand nimmt, sind klein. Mit dem Zeigefinger streicht Müller auf der Tabelle von oben nach unten. Bis sie die Zeile erreicht, in der ihr Alter steht: 65 Jahre. Daneben ist die zu diesem Alter wahrscheinliche Lebenswartung eingetragen - und Müller schreit fast auf: „Was!?“

Wahrscheinlich noch 30 Jahre. Denn in der klein bedruckten Tabelle steht, dass Müller wohl 94 Jahre alt wird. Versicherungen erstellen solche Prognosen regelmäßig und berücksichtigen dabei die eigenen Daten und die Werte der Statistikämter. Wer auf eine dieser Sterbetafeln genannten Tabellen schaut, stellt fest: Ein heute geborener Junge wird im Schnitt fast 100 Jahre alt, ein Mädchen 103.

Ein immer längeres Leben wird nicht nur durch den medizinischen Fortschritt möglich, sondern auch, weil sich das Leben in Deutschland ändert: Es wird weniger Alkohol getrunken, es wird weniger geraucht, es gibt weniger schwere Unfälle. „94 Jahre! Das hätte ich nicht gedacht“, sagt Ulrike Müller. „Anderseits fühle ich mich fit, jedenfalls nicht weniger fit als mit Mitte 50.“

Altern ist, nun ja, ein unaufhaltsamer Prozess. Alle werden immer älter. Dennoch wird Älterwerden oft mit Negativem in Verbindung gebracht: langsamer, gebrechlicher, ärmer. Dabei ist das empirisch nicht alles. Jede dritte Reise wird von einem Rentner gebucht, die meisten Alten fühlen sich selbst zehn Jahre jünger, als sie sind, und überall im Land engagieren sich Senioren ehrenamtlich.

Mediziner sprechen von der Kompressionsthese: Danach wird die Zeitspanne zwischen dem Alter beim Ausbruch einer irreversiblen Erkrankung und dem Sterbezeitpunkt kürzer. Bis sie einer tödlichen Erkrankung zum Opfer fallen, leben Alte also - dank Sport, gesunder Ernährung und den Erfolgen der Forschung - länger weitgehend gesund.

Vier Jahrzehnte hat Ulrike Müller als Verwaltungsangestellte im Berliner Süden gearbeitet. Seit Kurzem bekommt sie rund 1080 Euro Rente im Monat: eher wenig, wie sie sagt, aber auskömmlich. Sie hat eine Zwei-Raum-Wohnung im vierten Stock, in den bequem ein Fahrstuhl fährt. Sie hat keine chronischen Krankheiten, kaum Übergewicht. Sie hat viel Zeit für sich. Nun geht es auch für Ulrike Müller darum, nicht einzurosten, sich nicht einzuigeln. Wie lässt sich ein glücklicher, immerhin 30-jähriger Lebensabend organisieren?

Mit dem Ende des Berufslebens wird das soziale Umfeld kleiner. Und weil Frauen älter als Männer werden, sind vor allem Rentnerinnen oft allein. Auch Ulrike Müllers Mann ist vor einigen Jahren mit 73 gestorben. Um nicht zu vereinsamen, müssen Freundschaften intensiver gepflegt werden; spontane Treffen mit Bekannten werden nach dem Berufsausstieg selten.

„Das Gute ist, dass mehr Menschen immer älter werden, soziale Netzwerke bleiben also länger erhalten als noch vor einer Generation“, sagt Oliver Huxhold vom Deutschen Zentrum für Altersfragen in Berlin. „Rentner sind auch viel fitter als noch vor 20 Jahren.“

Huxhold ist Psychologe und hat einschlägige Daten ausgewertet. Generell nehme die Furcht vor dem Alter ab. In einer Studie von 2008 hatten 62 Prozent der befragten 70- bis 85-Jährigen von einer „hohen Lebenszufriedenheit“ gesprochen, nur vier Prozent von einer „geringen“. Wichtig ist Huxhold zufolge, sich nicht selbst irre zu machen: „Die Angst vor dem Altern wird sonst zur selbsterfüllenden Prophezeiung.“

Wer sich hängen lässt, wird hängen gelassen? Vielleicht ist es so einfach. Ulrike Müller sieht das jedenfalls sofort ein. „Wer sich selbst bemitleidet“, sagt sie in ihrer Wohnung, „den will auch keiner besuchen.“ Psychologe Huxhold erklärt, Senioren hätten vielleicht weniger Kontakte, pflegten diese aber sorgfältiger und kochten Konflikte nicht so hoch. Wer sich zudem für Sport motivieren kann, dem könnte es nach dem Renteneintritt sogar besser gehen. „Der Stress aus dem Büro fehlt, dafür geht's zum Joggen“, sagt Huxhold. „Da fühlen sich viele erst mal wohler.“ Viele Senioren täten ohnehin das, was aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll sei: Ziele setzen, Reisen planen, Hobbys neu entdecken. „Gut ist es, sich neue Felder zu suchen, die dann statt des Berufes im Mittelpunkt stehen.“

Die meisten Altersforscher, ob Ärzte, Psychologen oder Sozialwissenschaftler, sind sich einig: Diejenigen, die sich bewusst mit ihrem Altern beschäftigen, sind zufriedener. Die medizinische und pflegerische Versorgung in Deutschland bleibe ohnehin auf hohem Niveau.

In den 1990ern hatten es Alte deutlich schwerer. Die Geriatrien der Kliniken waren kleine Stationen, für Ärzte standen andere Fachgebiete im Vordergrund. Die gesetzliche Pflegeversicherung wurde erst 1995 eingeführt. Und nicht überall gab es Freizeitangebote für Rentner.

Heute gibt es Seniorensport, Seniorenreisen, Seniorenlesekreise. Allein in Berlin wurden zuletzt 300 neue Betten für die Geriatrien genehmigt. Und Pflegeheime werden auch von eigenen Branchenverbänden besser überwacht.

Landeten Senioren früher in den Notaufnahmen, wurde ihnen selbstverständlich bei körperlichen Malaisen geholfen. Nur hing es vom einzelnen Arzt oder der jeweiligen Pflegekraft ab, ob die Patienten danach gefragt wurden, wie oft Angehörige zu Besuch kommen und welche Gefahrenquellen der Haushalt birgt. Wer wegen eines Sturzes in die Rettungsstelle kam, wurde auch nicht zwangsläufig auf Demenz und Depression untersucht.

„Da ist vieles besser geworden“, sagt Eric Hilf, der als Chefarzt im Sana-Klinikum Lichtenberg tätig ist und im Vorstand des Landesverbandes Geriatrie Berlin sitzt. „Nach Stürzen fragen wir alles ab: Ist der Patient schon mal gestürzt? Wie wohnt er? Wer besucht ihn?“

Im Sana-Klinikum gibt es angestellte Sozialarbeiter, die sich um geriatrische Patienten kümmern. Sie klären, ob Patienten mit ihrem Geld auskommen, ob Verwandte vorbeischauen, ob es sich in der eigenen Wohnung nicht doch zu beschwerlich lebt. Immer wieder drängt sich so auch die Frage auf, ab wann das Leben in einem Pflegeheim besser ist als das in der eigenen Wohnung. Chefarzt Hilf sagt, viele Heime hätten zu Unrecht einen schlechten Ruf und der feste Tagesablauf dort helfe Alten oft.

Klar ist aber auch, nicht für alle wird das Altern ein weitgehend sorgloser Prozess. Wer sein Leben lang schlecht zu begeistern war, wer lieber auf der Couch vor dem Fernseher saß als auf dem Sportplatz rannte, wird auch als Rentner schlecht zu motivieren sein. „Ich rate allen zu Sport“, sagt Hilf. „Und am besten nicht nur Sport treiben, sondern sich auch im Verein engagieren.“ Training sei schon deshalb gut, weil es dabei Momente der Anerkennung, des Lobes gebe - etwas, was man einst im Büro oder Betrieb bekommen habe und nun fehle.

Die Voraussetzungen für einen glückliches drittes Lebensalter, so wird der Renteneintritt oft bezeichnet, sind selbstverständlich verschieden gut. Nicht jeder ist wie Ulrike Müller an einer Fachhochschule zur Verwaltungsexpertin ausgebildet worden und hat eine fürsorgliche Familie. Müller hat zwei berufstätige Söhne, zwei schulpflichtige Enkel, die Familie kommt an allen Geburtstagen zusammen. In ihrer Wohnung gibt es Bücher, Schallplatten, Blumen. Sie ist eine gebildete, glückliche Frau. Wenn sie sich nicht - etwa einer Krankheit wegen - zurückzieht, stehen ihr mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit drei frohe Dekaden bevor.

Für Müller gilt außerdem: Gebildete, glückliche Menschen werden älter als ungebildete, unglückliche Menschen. Psychologe Huxhold sagt, das Einkommen, aber vor allem die Bildung wirke sich im Alter noch stärker aus als sonst schon, weil das Gerüst an Regeln und Kontakten aus dem Beruf dann fehle. Womöglich wird Ulrike Müller, die stabile Kontakte hat, sogar 96, 98 oder 100 Jahre alt.

„Wer mit anderen zusammen aktiv ist, dem geht es besser“, berichtet auch Regina Saeger, 75 Jahre alt. Saeger war Bankkauffrau und ist die gewählte Vorsitzende des Berliner Landesseniorenbeirates. Das Gremium ist mit gewissen Vollmachten ausgestattet und bekämpft allerlei Formen der Altersdiskriminierung. Tausende Senioren engagieren sich in Berlin ehrenamtlich, der Landesseniorenbeirat hilft ihnen dabei. Saeger sagt, überall ließen sich für verschiedene Fähigkeiten passende Ehrenämter finden.

Wer allein sei, sagt Saeger, neige außerdem eher dazu, wegen jedes gefühlten Wehwehchens zum Arzt zu gehen. Mediziner berichten tatsächlich, regelmäßig kämen Ältere nicht wegen körperlicher Leiden, sondern aus Einsamkeit und Langeweile in die Praxen, um sich mit jemandem unterhalten zu können.

Der Landesseniorenbeirat warnt auch vor Altersarmut. Auffällig ist, dass in öffentlichen Debatten wenig davon gesprochen wird. Trotz des Sozialabbaus vergangener Jahre beschwerten sich Alte kaum über fehlendes Geld und drohende Armut, sagt Psychologe Huxhold.

Das könnte sich ändern: In Berlin und im Umland könnten viele Rentner bald nur noch in bestimmten Vierteln leben, weil sie sich nur dort die Mieten leisten können. In einigen Straßen in Wedding und Neukölln wohnen schon heute vorrangig Niedriglöhner und Hartz-IV-Bezieher - und zunehmend Senioren, die mit 700 Euro Rente im Monat auskommen müssen und deshalb Zuschüsse vom Amt beantragen. Vor einigen Jahren ergab eine Untersuchung, dass in Berlin ein Viertel aller 55- bis 64-Jährigen aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand geht und Rentenkürzungen hinnehmen muss. Betroffen sind vor allem Arbeitnehmer, die in Wechselschichten tätig waren.

Geriater Eric Hilf sagt, auch heute sei Geld oft schon ein Problem. Umso mehr gelte es, die Senioren zu Bewegung und Freundschaftspflege zu motivieren. Um sich laut über Geldsorgen zu beschweren, seien die meisten viel zu bescheiden. Sicher, es habe Proteste gegen die Rente mit 67 gegeben. Die meisten Alten aber seien im Alltag genügsam. „Und, ganz im Ernst, wer länger arbeitet, ist länger körperlich aktiv. Insofern spricht medizinisch wenig gegen die Rente mit 67“, erklärt Hilf. Auch Psychologe Huxhold sagt, nicht alle, die im Alter arbeiteten, täten dies des Geldes wegen. Viele wollten einfach aktiv bleiben, sich einbringen.

Ulrike Müller will sich die Zuversicht nicht nehmen lassen. „Ich kenne Kollegen aus der Verwaltung, die bekommen weniger Rente.“ Müller hat schon mit einem Sportverein telefoniert und in die Kurspläne der Volkshochschule geschaut. „Ich suche mir vielleicht einen Englischkurs aus.“ Das könnte ihr beim Reisen helfen.

Nur zehn Autominuten von Müller entfernt, vor den Toren der Hauptstadt in Brandenburg, wohnt eine 85-jährige Ex-Bibliothekarin. Auch sie wollte kürzlich in den Urlaub - vergaß aber, ihren Töchtern zu sagen, wann es wohin gehen soll. Als die Dame eine Woche auf keinen Anruf bei sich zu Hause reagierte, schaute die Familie mit dem Reserveschlüssel in der Wohnung nach: Dort war sie nicht. Die Zimmer waren aufgeräumt, ein Haushaltsunfall ausgeschlossen.

Irrte die Dame verwirrt durch die Gegend, gab es einen Verkehrsunfall? Vermisstenanzeige bei der Polizei.

Nach langem Rätseln fand der Schwiegersohn der 85-Jährigen unter einem Stapel Papier eine Reiserücktrittsversicherung für einen Urlaub am Schwarzen Meer - allerdings ohne Angabe eines Hotels. Es folgte das aufwendige Abtelefonieren bulgarischer Hotels: Die Seniorin konnte nach einigen Tagen wohlbehalten am Goldstrand ausfindig gemacht werden.

„Das passiert mir sicher nicht“, sagt Ulrike Müller. „Ich habe ein Handy!“ Noch eine Sache, die es Rentnern heute leichter macht. Um auch ganz sicher zu gehen, dass sie keine Zeit vergeudet, hat sie sich eine Liste gemacht, eine To-do-Liste, würden ihre Söhne sagen.

Montag: Seniorensport.

Dienstag: Wenn's geht, ins Kino.

Mittwoch: Ein neues Buch ausleihen?

Donnerstag: Volkshochschule.

Freitag: Mit den Söhnen sprechen.

Samstag: Wenn's klappt, mit einer Ex-Kollegin zum Essen treffen.

Sonntag: Tja, Sonntag. Auf der Couch liegen?! „Wie früher, nach einer langen Woche.“

Das Magazin für Medizin und Gesundheit in Berlin: "Tagesspiegel Gesund - Fit und gelassen älter werden".

Weitere Themen der Ausgabe: Was die Biologie sagt. Ein Altersforscher erklärt, warum und wie sich der Körper im Laufe des Lebens verändert. Jungbrunnen. Welche Lebensmittel lange fit halten. Fit für die Enkel. Sport im Verein macht Spaß und stärkt das Familienleben. Sex im Alter. Auch mit 70 oder 80 wollen Menschen nicht auf die Lust verzichten. Die Kraft der Pflanzen. Helfen Gingko, grüner Tee oder Ginseng gegen Altersbeschwerden? Kaufberatung. Welche Sehhilfen und Hörgeräte sich wann wirklich lohnen. Den Notruf wählen. Trotz Gebrechen sicher zu Hause. Helfer ja, Pfleger nein! Wie nützlich können Roboter sein. Heilkunde für das Altern. Geriater - die Spezialisten für Senioren. Immer schlau bleiben. Wirkungsvolles Training für das Gehirn. Grauer Star. Wie die trübe Linse wieder klar wird. Schwache Knochen. Osteoporose ist behandelbar. Diabetes. Was gegen den Zucker hilft. Gefährlicher Cocktail. Zu viele Arzneien schaden. Raus aus dem Dunkel. Wie man der Depression entkommt. Außerdem: Kliniken und Arztpraxen im Vergleich.

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