Kolumne : Hauptsache, die Haare liegen

Den Widrigkeiten des Alltags und Alterns kann niemand entgehen. Deshalb sollte man ihnen wenigstens gut frisiert begegnen.

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Für die psychische Gesundheit der Frau gibt es einen Satz, der unverzichtbar ist: Du hast die Haare schön. Viele Widrigkeiten, die einem das Schicksal als Stolperfalle in den Weg legen kann, lassen sich ohne Schwermut lässig bewältigen, solange das Haupthaar strahlt und die Frisur sitzt.

Immer wieder gibt es Untersuchungen, die zu dem Schluss kommen, dass die Menschen viel länger fit und leistungsfähig sind als früher. Da heißt es dann »60 ist die neue 40« oder »70 ist die neue 50«. Dass man diese erfreulichen Werte nicht nur leben, sondern nach außen hin auch demonstrieren kann, ist im Wesentlichen den Friseuren und ihren neuen Farbtechniken zu verdanken. Sicher gibt es gerade einen Modetrend, der sagt, dass man graues Haar durchaus zeigen sollte. Die prominente Designerin, die sich diesem Trend angeschlossen hat, wird im Straßenbild oder auch bei den Dinnerpartys der Schönen und Mächtigen trotzdem eine Ausnahmeerscheinung bleiben. Mit glänzenden goldblonden oder kastanienbraunen Haaren ist es einfach leichter, sich wie 40 zu fühlen, wenn man in Wahrheit schon tief in den 50ern versackt ist.

Nach einem Unfall mit anschließender Operation hat man viele Sorgen: Wie lange dauert der Krankenhausaufenthalt, wie lange die anschließende Physiotherapie, wann kann ich wieder zur Arbeit gehen - und komme ich rechtzeitig raus, um meinen Friseurtermin einzuhalten? Ein neuer ist nämlich gar nicht so einfach zu bekommen bei meiner Friseurin, der ich seit fast 30 Jahren treu bin. In der Zwischenzeit habe ich den Partner, den Hausarzt, den Zahnarzt, die Wohnung und noch ein paar andere Lebensumstände gewechselt.

Kaum etwas beschwert das Reisegepäck so wie Shampoo, Spray, Detangler, Styling Glaze und Aufbaukur. Egal, denn kein Paar noch so teurer Schuhe, kein kostbares Designerkleid reißt den Anblick von vernachlässigten Haaren wieder heraus. Krankheitsbedingter Haarausfall gilt als schreckliche Prüfung, die in der Regel nur mithilfe von Perücken überbrückt werden kann.

So viel Aufwand mit der Kopfmähne betrieben wird, so kritisch werden Haare an anderen Stellen des Körpers beäugt. Wo sie, ohnehin verdeckt, Schweißgeruch befördern oder den puppenhaften Anblick makellos geformter Beine unschön verschleiern können, werden sie mit dem Epilierer traktiert. Das Haupthaar aber wärmt nicht nur das Hirn. Wenn es nicht aus religiösen Gründen verhüllt wird, ist es eine wichtige Vorzeigeregion, das letzte zusammenhängende Überbleibsel eines Fells. Es besitzt eine mythisch aufgeladene Bedeutung, die Jugend und Gesundheit und Lebenskraft signalisiert. Dafür ist kein Aufwand zu groß.

 

Elisabeth Binder schreibt über das gesellschaftliche und kulinarische Leben in Berlin - und darüber, wie man charmant und elegant durchs Leben kommt. Ihre Kolumne über die »Fallstricke des Alltags« erscheint jeden Sonntag im Tagesspiegel.

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