30 Jahre Forschungszentrum für Umweltpolitik (FFU) : "Deutschland ist momentan ein riesiges Laboratorium"

Im Projekt „Energy-Trans“ untersucht ein Wissenschaftlerteam die Akzeptanz von regenerativen Energien in der Bevölkerung.

Sven Lebort
Die Freie Universität setzt schon seit Langem auf regenerative Energien. Auf dem Dach des Hauptgebäudes an der Habelschwerdter Allee ist eine Solaranlage installiert.
Die Freie Universität setzt schon seit Langem auf regenerative Energien. Auf dem Dach des Hauptgebäudes an der Habelschwerdter...Foto: Bernd Wannenmacher

Dass etwas Wehmut regiert, wenn ein mehrjähriges Forschungsprojekt endet, kennen die meisten Wissenschaftler. Bei Dörte Ohlhorst und Kerstin Tews, Projektleiterinnen am Forschungszentrum für Umweltpolitik (FFU) der Freien Universität Berlin, ist nach fünf Jahren in der Helmholtz-Allianz „Energy-Trans“ indes sogar eine gewisse Traurigkeit zu spüren. In das Projekt, das sich mit zukünftigen Infrastrukturen der Energieversorgung befasste und am FFU von Professorin Miranda Schreurs betreut wurde, waren mehrere Einrichtungen der Helmholtz-Gemeinschaft eingebunden. Zu den Trägereinrichtungen zählten das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung sowie neben der Freien Universität die Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg und die Universität Stuttgart. Etwa 60 Sozial- und Politikwissenschaftler, Psychologen, Philosophen, Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler sowie Ingenieure und Systemanalytiker forschten in fünf Feldern mit insgesamt 17 Projekten sowie zu Querschnitts- und Schlüsselthemen. Das half allen Beteiligten, schnell über den Rand der jeweiligen Institutionen hinauszudenken, sich zu vernetzen und interdisziplinäre Teams zu Kernfragen zu bilden. „Gerade die sozialwissenschaftliche Perspektive kommt ja oft zu kurz, weil in den Debatten um die Umsetzung der Energiewende häufig technische Fragen und Fragen der Marktintegration erneuerbarer Energien dominieren“, sagt Kerstin Tews, selbst Politikwissenschaftlerin. Ihre Kollegin Dörte Ohlhorst ist Soziologin.

Im Zeichen des Klimaschutzes hat sich Europa das Ziel gesetzt, bis 2050 den Ausstoß von Treibhausgasen um 80 Prozent zu verringern. Deutschland gilt in Europa als Vorreiter auf diesem Weg. Im Projekt „Energy-Trans“ wurden die Wechselwirkungen zwischen Technologien und Infrastrukturen der Energiewende und der Gesellschaft untersucht. Durch die flexible Institutionen übergreifende Bildung von Teams konnten die Forscher auch auf aktuelle Themen reagieren und für die Politik konkrete Vorschläge machen, berichtet Dörte Ohlhorst. So sei etwa die Resonanz auf einen Policy Brief zum Thema Kapazitätsmärkte enorm gewesen. Sogar die Chefin des Bundesverbands der Energiewirtschaft habe reagiert. Bei den sogenannten „Kapazitätsmärkten“ geht es um die Frage, ob eine Reihe konventioneller Kraftwerke vorgehalten werden muss, die in Zeiten unzureichender Versorgung durch Wind- oder Sonnenenergie schnell einspringen könnten, um die Energieversorgung zu sichern. Auch wenn der Strombedarf in Zukunft vollständig durch erneuerbare Energie abgedeckt werden könnte – 2050 soll dieses Ziel in Deutschland bereits zu 80 bis 90 Prozent erreicht sein – ist noch nicht gesichert, dass die Energie zum Zeitpunkt des individuellen Verbrauchs auch bereitsteht.

Norwegische Seen als "Batterien" für deutschen Ökostrom

So beschäftigte sich Dörte Ohlhorst mit der Speicherung deutscher Ökoenergie in norwegischen Seen, die so als „Batterien“ für den Ökostrom dienen könnten: Wenn nachts der Wind weht, aber kaum Strom benötigt wird, wäre es möglich, deutschen Strom nach Norwegen zu verkaufen, um damit in den dortigen Stauseen das Wasser nach oben zu pumpen. Am Tage, wenn in Deutschland der Strom knapp wird, könnte er durch Wasserkraft günstig aus Norwegen bezogen werden. Aber nicht nur im Ausland, auch in Deutschland seien viele kleinere Speichermöglichkeiten nutzbar.

Dass es in Deutschland künftig fast nur noch Wind und Sonne sein werden, die den Strom lieferten, steht für die FFU-Forscherinnen fest: „Alle anderen Möglichkeiten sind ausgeschöpft, und wir sind erst bei 30 Prozent Ökostromanteil, wollen aber langfristig 100 Prozent erreichen.“ Anderen Formen alternativer Energieerzeugung stehen die Wissenschaftlerinnen skeptisch gegenüber: Die Erdwärme etwa stelle für die Stromerzeugung ein zu hohes finanzielles, teilweise auch geologisches Risiko dar. Bioenergie habe zu viele Nebenwirkungen wie etwa ökologische Belastungen. Am Beispiel der norwegischen Seen zeige sich, wie komplex das Thema ist: Nicht nur, dass es verschiedene Interessen in beiden Ländern gebe. Die Leitungskapazität würde derzeit nicht einmal für einen Bruchteil des Stroms ausreichen.

Für die Forscherinnen des FFU ist jedoch eine der wichtigsten Fragen die nach der gesellschaftlichen Akzeptanz erneuerbarer Energien. Konkret befassen sie sich mit der Frage, wie die Energiewende in der Gemengelage zwischen Bund, Ländern, Kommunen und Betroffenen vor Ort Zustimmung finden kann. Einerseits seien Bürgersolaranlagen und kleine Windkraftwerke hochmotivierte Initiativen „von unten“, die von der Politik durch anfänglich hohe Einspeisevergütungen unterstützt wurden. Gegenwärtige politische Weichenstellungen förderten andererseits eher Großinvestoren, weil nur diese die Risiken – etwa von Offshore-Windanlagen – schultern könnten. Gute Kommunikation könne helfen, die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen, sagt Dörte Ohlhorst: „Mancher sieht in den Windkraftanlagen und Solarparks eher eine Verschandelung der Landschaft. Andere sehen in Umweltschutz, reiner Luft und mehr Jobs Argumente für die Windkraft.“ Direkt Betroffene seien oftmals die stärksten Gegner neuer Anlagen. Doch auch hier ließen sich Mittel und Wege finden, um den Ausgleich verschiedener Interessen voranzubringen, sind die FFU-Forscherinnen überzeugt.

Was fehlt, ist eine bundesweite Koordinierung

Wie viel Zentralität und Dezentralität die Energiewende benötigt, ist daher eine weitere brennende Frage: „Autarke Ökodörfer sind als Insellösungen interessant. Wir benötigen indes ein neues Denken, wie wir Verbrauch und Erzeugung so synchronisieren, dass Versorgungssicherheit für alle gewährleistet ist“, sagt Kerstin Tews. Das zeigt sich nicht nur auf kommunaler Ebene: Die 16 Bundesländer haben eigene Energieziele definiert, die in der Summe den nationalen Plan sogar überschreiten. Das sei zwar ambitioniert, loben die Forscherinnen, dennoch fehle es an einer bundesweiten Koordinierung. Diese stecke noch in den Kinderschuhen.

So bleiben auch nach fünf Jahren intensiver Forschung noch viele Fragen offen: Etwa, wie sich der Verbrauch weiter senken und durch Kopplung von Wärme, Strom und Mobilität die Effizienz steigern lässt. „Deutschland ist momentan ein riesiges Laboratorium, und die Welt schaut auf uns. Deshalb müssen wir Erfolg haben, auch ohne Kernkraft“, sagen die beiden Forscherinnen entschlossen. Dazu gehöre auch, über die unabweisbaren Erfolge der Energiewende zu reden, nicht nur über deren Risiken und Fehler. Ein Motto, das die Allianz zum „Energy-Trans“ selbst in ihrer Laufzeit erfolgreich befolgt hat.

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