Architektur : Offener Geist und starres Denken

Die Vorträge des Religionsphilosophen Klaus Heinrich über Karl Friedrich Schinkel und Albert Speer sind jetzt in einem Band erschienen.

Leonard Fischl
Klaus Heinrich (links), seinerzeit Gründungsstudent der Freien Universität, im Gespräch mit dem Historiker Paul Nolte bei einer Lesung im Januar 2015.
Klaus Heinrich (links), seinerzeit Gründungsstudent der Freien Universität, im Gespräch mit dem Historiker Paul Nolte bei einer...Foto: Bernd Wannenmacher

Architektur ist nicht nur ein ästhetisches Erzeugnis; sie erlaubt einen Einblick in das Innenleben einer Gesellschaft - bereits in den 1970er Jahren war dies das Architekturverständnis des Religionswissenschaftlers Klaus Heinrich. Die Vorlesungen des „philosophischen Stars“, wie ihn die Berliner „tageszeitung“ einmal nannte, waren nicht nur bei den Studierenden äußerst beliebt, auch Gasthörer besuchten die Voträge, in denen sich Heinrich mit einer Vielfalt von Themen beschäftigte.

In seinen „Dahlemer Architekturvorlesungen“, die jetzt als Buch im ARCH+ Verlag erschienenen sind, setzte sich Heinrich mit dem Erbe des bis dato geschätzten preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel und dem des Kriegsverbrechers Albert Speer auseinander.

Speer wie auch Schinkel beziehen sich mit ihrer Architektur auf die antike Klassik. Heinrich, einer der studentischen Mitbegründer der Freien Universität, an der er dann von 1971 an als Professor wirkte, fragte in seiner Vorlesung, wie aus dem Klassizismus des 19. Jahrhunderts später die neoklassizistische Monumentalität des NS-Regimes erwachsen konnte. Wo sind die Parallelen? Wo die Unterschiede? Denn während Schinkels Bauten auf den Betrachter einladend wirken, erdrücken ihn Speers Gebäudekomplexe. In Speers Entwürfen, so Heinrich, schimmerten die festgezurrten Formen eines anti-demokratischen Verständnisses durch: Phänomenologisch betrachtet, scheint seine Architektur den Betrachter zu bevormunden, zu überwältigen, zu dirigieren. Schinkel hingegen interpretierte das klassische Repertoire auf eine spielerische Art, analysiert Klaus Heinrich.

Mit detektivischem Spürsinn durch die Archive

Den Architekten Nikolaus Kuhnert und Anh-Linh Ngo ist zu danken, dass der Band in seiner jetzigen Form vorliegt. Sie haben die originalen Tonbandaufzeichnungen der Vorlesungen aufgetrieben und digitalisiert. Anschließend machten sie sich mit detektivischem Spürsinn in Archiven auf die Suche nach den Bildern, auf die sich Heinrich in seinen Vorträgen bezieht.

Aus den insgesamt acht Vorlesungen ist so ein aufwendig gestaltetes Buch entstanden, das den Leser durch zahlreiche Illustrationen Heinrichs Ausführungen anschaulich mitdenken lässt – und den Blick nach vorn richtet. Denn Schinkels Verständnis einer offenen Auseinandersetzung mit tradierten Formen ist aktueller denn je. Das macht das Interview deutlich, das die beiden Herausgeber mit dem emeritierten heute 88-jährigen Professor geführt haben und das dem Band wie ein Vorwort vorangestellt ist: Dort erklärt der Religionsphilosoph Klaus Heinrich, welche Konsequenzen jene Architekten zu ziehen haben, die Berlins Mitte im neoklassizistischen Geist rekonstruieren. Er sagt: „Sie knüpfen weniger an Schinkel als an die italienische rationalistische Architektur an. Man könnte sagen, sie erinnern an eine bestimmte Zeit, der sie das Prädikat, den Ehrentitel des Intakten geben würden: an ein intaktes Berlin, das wieder die alten Traufhöhen hat. Das heißt, es ist eine, sagen wir es mal böse, positivistische Wiederkehr einer fantasierten Intaktheit, die es so wirklich nie gegeben hat.“

Wenn Schinkel heute leben würde, so die implizite Botschaft Klaus Heinrichs, würde er nach neuen Formen suchen, anstatt tote wieder aufleben zu lassen. Und was heißt das für uns? Vielleicht dieses: Wer Schinkel streng nachahmt, bezieht sich - paradoxerweise - nicht auf dessen offenen Geist, sondern auf das starre Denken von Speer.

Klaus Heinrich – Dahlemer Vorlesungen. Zum Verhältnis von ästhetischem und transzendentalem Subjekt: Karl Friedrich Schinkel – Albert Speer. Eine architektonische Auseinandersetzung mit dem NS. Herausgegeben von Nikolaus Kuhnert und Anh-Linh Ngo. ARCH+ Verlag, 2015.

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