Ausstellung : Die Evidenz des Sehens

Wissenschaftler der Freien Universität realisieren mit dem Berliner Kupferstichkabinett eine Ausstellung zu Albrecht Dürer und William Kentridge.

Johanna Liebhart
Ihre Vorliebe für Schwarz-weiß ist eine der Gemeinsamkeiten von Albrecht Dürer und William Kentridge.
Ihre Vorliebe für Schwarz-weiß ist eine der Gemeinsamkeiten von Albrecht Dürer und William Kentridge.Foto: bpk/Jörp P. Anders

Ein halbes Jahrtausend liegt zwischen Albrecht Dürer und William Kentridge. Wären die beiden bildenden Künstler Zeitgenossen, hätten sie sich wahrscheinlich viel zu sagen. Das Kupferstichkabinett der Berliner Gemäldegalerie bringt jetzt gemeinsam mit Wissenschaftlern der Freien Universität den Meister der Renaissance und den Gegenwartskünstler aus Südafrika in einen dynamischen Dialog – und beschreitet damit neue, experimentelle Wege.

Sichtbares Resultat ist eine große Sonderausstellung mit dem Titel „Double Vision. Albrecht Dürer & William Kentridge“. Die Besucher der Schau sind eingeladen, sich selbst beim Sehen zu beobachten, das heißt Strukturen und Phänomene ihrer Wahrnehmung zu erkunden. In der vom Wiener Büro „HOLODECK architects“ gestalteten, minimalistischen Ausstellungsarchitektur fällt das Licht, gefiltert durch bewegliche Lichtsegel, auf kostbare Grafiken. Aus den reichen Beständen des Kupferstichkabinetts kommen Blätter wie der weltberühmte Dürer-Kupferstich „Melencolia I“, das vielteilige „Marienleben“ oder die vor genau 500 Jahren im Auftrag Kaiser Maximilians I. geschaffene „Ehrenpforte“. Den frühneuzeitlichen Bildfindungen Dürers, die den Aufbruchs- und Welteroberungsgeist der Epoche, aber auch ihre Ängste spiegeln, sind William Kentridges lange Paraden von Sklaven und Sklaventreibern, von Flüchtlingen und Gefangenen gegenübergestellt. Es sind bewegende und aufrüttelnde Szenen aus der Geschichte und dem Alltag Südafrikas.

Kentridge, Sohn eines berühmten Anwalts, der unter anderem Nelson Mandela vor Gericht vertreten hat, setzt sich in seiner Kunst intensiv mit der Post-Apartheidsituation seiner Heimat auseinander. William Kentridge wurde in den 1990er Jahren einem internationalen Kunst- und Theaterpublikum mit Animationsfilmen und Bühnenbildern bekannt und zählt zu den bedeutendsten Gegenwartskünstlern. Auf der 13. Documenta in Kassel im Jahr 2012 war ihm ein eigener Raum gewidmet.

„Perspektiven eröffnen“, „Bildern folgen" oder „Ungewisses sehen“, sind einzelne Themenbereiche der Grafikschau überschrieben. Auch auf ein Phenakistoscope trifft man, eine Bildermaschine, die zu gewissen Zeiten in Bewegung gesetzt wird. Der zentrale Raum setzt den drei Mal vier Meter großen Dürer-Holzschnitt „Ehrenpforte“ in Beziehung zu Kentridges strukturell verwandtem Bild „Remembering The Treason Trial“ von 2013. Anstatt mit vorgefertigten Thesen werden die Besucher auf 400 Quadratmetern Ausstellungsfläche mit Kombinationen sehr unterschiedlicher Kunstwerke konfrontiert, die sich durch die Gegenüberstellung wechselseitig erhellen und einander ins Wort fallen – oder vielmehr ins Bild.

Die Schau ist zugleich Labor für weitere Forschung

„Evidenz ausstellen“ ist das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt der Berliner Forscher betitelt, in dessen Rahmen die Ausstellung entstanden ist. Vorbereitend dazu gab es bereits im vergangenen Jahr im Kupferstichkabinett eine Kabinettausstellung mit Dürers Meisterstichen sowie Seminare an der Universität.

Der Südafrikaner William Kentridge setzt sich in seiner Kunst mit der Post-Apartheidsituation seiner Heimat auseinander.
Der Südafrikaner William Kentridge setzt sich in seiner Kunst mit der Post-Apartheidsituation seiner Heimat auseinander.Foto: William Kentridge

Gemeinsam mit Professor Klaus Krüger ist die Kunsthistorikerin Elke Anna Werner von der Kolleg-Forschergruppe „BildEvidenz. Geschichte und Ästhetik“ der Freien Universität Initiatorin der ungewöhnlichen Ausstellung. Sie ist zugleich Labor für weitere Forschung – und ein Ort für praktische Lehre. Charlotte Wagner, 27 Jahre alte Masterstudentin, freut sich über die intensive Einbindung: „Ich war bei allen organisatorischen Treffen dabei, bei der Auswahl der Grafiken, der Besprechung architektonischer Fragen und auch bei der Bildhängung.“

Andreas Schalhorn vom Kupferstichkabinett empfindet die unkonventionelle akademisch-museale Partnerschaft als ausgesprochen bereichernd: „Für unser Haus – und speziell für mich – ist diese Kooperation eine neue Erfahrung und Herausforderung. Der gemeinsame Austausch ist sehr anregend, auch wenn das Steuern der Kommunikation und zeitlichen Abläufe nicht immer ganz einfach ist. Dennoch – oder gerade deswegen – ist ein guter Teamgeist entstanden!“

Ein Programm mit Vorträgen und Gesprächen begleitet die Ausstellung. Ergänzend zu den regulären Museumsführungen bieten Kunstgeschichtsstudierende der Freien Universität ab Mitte Januar 2016 neue Formate der musealen Vermittlung in der Ausstellung an. Termine dazu werden jeweils kurzfristig auf der Ausstellungswebsite und in der Ausstellung angekündigt.

„Double Vision. Albrecht Dürer. William Kentridge“, bis 6. März 2016 im Kupferstichkabinett, Kulturforum, Matthäikirchplatz, Berlin. Dienstags bis freitags 10 bis 18 Uhr, donnerstags 10 bis 20 Uhr, am Wochenende 11 bis 18 Uhr. Ab 10. September 2016 wird die Ausstellung an der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe gezeigt. Im Internet: http://doublevision-berlin.de

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