Berufspraktika : Den Blick weiten

Ob Kür oder Pflicht, In- oder Ausland: Im Praktikum sammeln Studierende wertvolle Erfahrungen.

Marina Kosmalla,Annika Middeldorf
Lebensretter und Jura-Student: Oscar Schaible (rechts) und ein Mitglied des Teams halten auf dem Flüchtlingsrettungsboot "Sea-Watch 2" vor der libyschen Küste nach Flüchtlingsbooten Ausschau. Foto: Markus Heine/heineimaging
Lebensretter und Jura-Student: Oscar Schaible (rechts) und ein Mitglied des Teams halten auf dem Flüchtlingsrettungsboot...Foto: Markus Heine/heineimaging

Zuerst sieht man am Horizont nur einen winzigen schwarzen Balken. Das könnte alles sein: ein Containerschiff oder ein Schlauchboot mit Flüchtlingen. Dann muss alles schnell gehen.“ Zwei Wochen war Jura-Student Oscar Schaible an Bord der „Sea-Watch 2“, um Flüchtlinge in Seenot aus dem Mittelmeer zwischen Libyen und der italienischen Insel Lampedusa zu retten. Zu seinem Einsatz in jener Region, die die meisten Boote mit afrikanischen Flüchtlingen auf dem Weg nach Europa durchqueren, kam der angehende Jurist über die Hilfsorganisation „Sea- Watch“. Drei Monate leitete Schaible deren Basiscamp auf der Mittelmeerinsel Malta. Der 24-Jährige ist einer von vielen Studierenden, die die vorlesungsfreie Zeit oder ein Praxissemester nutzen, um Verantwortung zu übernehmen: mit einem Praktium oder einer ehrenamtlichen Tätigkeit.

Magdalena Brämswig etwa hat während ihres Studiums der Europawissenschaften ein Praktikum bei der Ständigen Vertretung Deutschlands bei den Vereinten Nationen in New York absolviert. Zu ihren Aufgaben gehörte es, die deutschen Delegierten bei den Verhandlungen des Budgets für die UNO-Friedenseinsätze zu unterstützen, Sitzungen vorzubereiten, Berichte zu schreiben und Koordinationstreffen zu begleiten.

„Der Arbeitsaufwand in den acht Wochen war enorm“, sagt die 25-Jährige. „Die Verhandlungen waren lang und intensiv. Nicht selten fand sich erst mitten in der Nacht ein Kompromiss.“ Trotzdem hat ihr die Arbeit viel Spaß gemacht: „Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Nacht, in der das Budget für alle Blauhelm-Missionen endlich verabschiedet wurde. Die Erleichterung nach den harten Verhandlungen und die vielen übermüdeten, aber lachenden Gesichter und das Gefühl, einen Beitrag zu etwas wirklich Sinnvollem geleistet zu haben – das hat alles wettgemacht.“

Der Career Service unterstützt Studierende bei der Praktikumssuche

Um das Praktikum wahrnehmen zu können, hat Magdalena Brämswig sogar ihr Studium um ein Semester verlängert. Sie hatte sich beim Auswärtigen Amt und bei einigen Auslandsvertretungen beworben. Spät und völlig unerwartet sei dann die Zusage aus New York gekommen: „Dieses Angebot konnte ich nicht ausschlagen“, sagt Brämswig.

Magdalena Brämswig: "Ich habe viel über Verhandlungen und den Umgangston auf dem internationalen Parkett gelernt – und über die UNO, mit all ihren Ecken und Kanten." Foto: Privat
Magdalena Brämswig: "Ich habe viel über Verhandlungen und den Umgangston auf dem internationalen Parkett gelernt – und über die...Foto: Privat

Ein Berufspraktikum sei für Studierende eine unglaubliche Chance, sich Zeit zu nehmen und sich zu erproben, sagt Christiane Dorenburg, Leiterin des Career Service der Freien Universität – der zentralen Anlaufstelle für allgemeine Fragen zum Praktikum im In- und Ausland. Seit 20 Jahren arbeitet sie im Career Service. Viel habe sich seitdem verändert: „Als ich angefangen habe, war die praktische Berufsorientierung selten ein Thema an den Hochschulen“, sagt Christiane Dorenburg.

Mit der schrittweisen Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem wurde an der Freien Universität in fast allen Bachelor-Studiengängen der Studienbereich Allgemeine Berufsvorbereitung (ABV) eingeführt und damit das verpflichtende Praktikum mit vor- und nachbereitenden Begleitveranstaltungen. Der Career Service unterstützt Studierende bei der Praktikumssuche. Er bietet neben persönlichen Sprechstunden regelmäßig Workshops zu Themen wie „Bewerbungsunterlagen gestalten“, „Netzwerke 2.0“ oder „Hinaus in die weite Welt! Das Auslandspraktikum“ an und stellt auf seiner Webseite viele Informationen zur Verfügung. Wichtig seien aber auch die Praktikumsbeauftragten an den einzelnen Fachbereichen, sagt Christiane Dorenburg. „Sie haben den direkten Kontakt zu den Studierenden sowie das Fachwissen und können beurteilen, ob ein Praktikum einen Fachbezug hat. Das ist sehr wichtig für die Qualitätssicherung.“

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