Deutschlandstipendium : „Meine Großeltern sind sehr stolz auf mich“

Politisch und sozial engagiert: Deutschlandstipendiatin Nataliya Pryhornytska setzt sich für ihre Heimat Ukraine ein.

Peter Schraeder
Mit 16 Jahren kam Nataliya Pryhornytska aus der Ukraine nach Deutschland. Heute studiert sie an der Freien Universität – und engagiert sich für ihre Heimat.
Mit 16 Jahren kam Nataliya Pryhornytska aus der Ukraine nach Deutschland. Heute studiert sie an der Freien Universität – und...Foto: Bernd Wannenmacher

Als im Februar 2014 die ersten Demonstranten auf dem Maidan in Kiew erschossen wurden, wollte Nataliya Pryhornytska nicht länger schweigen. Die junge Ukrainerin, die seit 2013 an der Freien Universität studiert, hatte das Bedürfnis, ihren Kommilitonen in Deutschland zu erklären, was in Kiew vor sich ging und wofür die Menschen ihr Leben riskierten. „Ich wollte darüber diskutieren, was sich im Land ändern muss“, sagt sie. Also organisierte Nataliya Pryhornytska, die einen Masterstudiengang in Osteuropastudien belegt, gemeinsam mit Kommilitonen eine Podiumsdiskussion zur Zukunft der Ukraine. Mit Erfolg. „Mehr als 100 Leute sind damals gekommen“, erinnert sie sich.

Die 28-Jährige engagiert sich seit Längerem für das Land, in dem sie aufgewachsen ist und das sie 2004 – erst 16-jährig – verlassen hat. Damals kam Nataliya Pryhornytska mit ihrer Mutter nach Deutschland, ohne ein einziges Wort Deutsch zu können. Die Mutter fand Arbeit als Russischlehrerin, Nataliya absolvierte ihr Abitur. Längst hat die gebürtige Ukrainerin einen deutschen Pass und spricht die Landessprache fließend. 2009 begann sie ein Studium der Politikwissenschaft und Pädagogik an der Universität Rostock, seit 2012 wird sie durch ein Deutschlandstipendium unterstützt. Auch an der Freien Universität, an die sie ein Jahr später wechselte, wird Nataliya Pryhornytska über das Programm gefördert, durch das begabte Studierende monatlich mit je 150 Euro vom Bund und 150 Euro von einem privaten Förderer unterstützt werden – unabhängig von Staatsangehörigkeit oder vom Einkommen der Eltern.

95 dieser Stipendienplätze gebe es derzeit an der Freien Universität, sagt Viola Neukam, die gemeinsam mit Anne Mbakwe an der Hochschule für das Deutschlandstipendium zuständig ist. Nataliya Pryhornytska ist eine von mehr als 180 jungen Frauen und Männern, die in den vergangenen fünf Jahren an der Freien Universität durch das Programm gefördert wurden. Die Stipendien verteilen sich auf Studierende aller Fachbereiche der Universität.

Nataliya Pryhornytska ist dankbar für die Unterstützung: „Hätte ich das Stipendium nicht bekommen, hätte ich mir einen Nebenjob suchen müssen.“ Für den Masterstudiengang in Osteuropastudien habe sie sich entschieden, um ihrem Politikstudium eine konkretere Ausrichtung zu geben. „Außerdem hatte ich schon in der Ukraine Russisch gelernt.“

Gute Noten, aber auch gesellschaftliches Engagement sind wichtig

Neben guten Noten sei gesellschaftliches Engagement ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl der Stipendiaten, erklärt der Vorsitzende der Auswahlkommission und Vizepräsident der Freien Universität, Professor Klaus Hoffmann- Holland. „Darüber hinaus wird berücksichtigt, ob jemand besondere Hürden in seiner Biografie aufweist oder ein sozialer Härtefall vorliegt.“ So wie bei Nataliya Pryhornytska, deren Mutter 2013 an Krebs starb. „Von ihr habe ich gelernt, wie wichtig es ist, sich sozial zu engagieren“, sagt sie. Bereits 2010 trat sie einem ukrainisch-deutschen Studierendenverband in Berlin bei. Auch in einer Kirchengemeinde war sie aktiv. „Wir haben Hilfsgüter für die Ukraine gesammelt, Bettwäsche, Bekleidung für Krankenpfleger und anderes Material für Krankenhäuser.“

Waren es in den ersten Jahren überwiegend Unternehmen, die sich im Förderprogramm engagiert haben, ermöglichen inzwischen auch viele Stiftungen, Privatpersonen und der Förderverein der Universität – die Ernst-Reuter-Gesellschaft mit der gleichnamigen Stiftung – vielen Studierenden eine langfristige Studienfinanzierung durch Deutschlandstipendien. Nataliya Pryhornytskas Förderer ist die August Joest Stiftung, die sich für Kinder aus sozial schwachen Familien einsetzt. „Mit der Freien Universität finden wir Stipendiaten, die sich mit Engagement ihrem Studium widmen und nebenbei offen und initiativ in ihren Interessensgebieten wirken“, sagt Stifterin Heike Maria von Joest. „Es sind hoffnungsvolle und förderungswürdige Persönlichkeiten.“

Gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, ist das wohl wichtigste Motiv der Förderer. Vor allem Stiftungen und Vereine sehen hier ihren Stiftungszweck erfüllt. So fördert die Dr. Hermann Schmitt-Vockenhausen Stiftung derzeit vier Studierende der Freien Universität Berlin, die sich ehrenamtlich im Bereich der Völkerverständigung, Migration und Integration engagieren, und knüpft damit an ihren Stiftungszweck an, den sie seit 34 Jahren verfolgt.

"Manche Dinge brauchten eben Zeit", sagt ihre Oma

Kurz nachdem Russland im Frühjahr 2014 die Krim annektiert hatte, reiste Nataliya Pryhornytska für ein Universitätsprojekt in ihre alte Heimat. In Lwiw, Odessa und Kiew befragten sie und ihre Kommilitonen junge Frauen und Männer zu ihren Erwartungen für die Zeit nach der „Revolution der Würde“, wie der Maidan-Aufstand in der Ukraine genannt wird. „Wir sind auf junge Menschen von der Krim gestoßen, die dort nach der Annexion nicht länger leben wollten und konnten, obwohl viele von ihnen ihre Familienangehörigen zurücklassen mussten.“ Insgesamt hätten die jungen Ukrainer aber die Hoffnung, dass der Reformprozess in ihrem Land weiter vorangehe. Das hofft auch Nataliya Pryhornytskas Familie, die noch in der Ukraine lebt. „Sie halten den Aufbruch für eine großartige Sache“, sagt die Masterstudentin. Insbesondere die Meinung ihrer Großmutter schätzt die Stipendiatin sehr. „Sie sagt, dass die Menschen in der Ukraine zu ungeduldig seien. Manche Dinge brauchten eben Zeit.“ Natürlich fragten sich ihre Großeltern manchmal, wie es wäre, wenn ihre Enkelin noch in der Ukraine lebte, erzählt Nataliya Pryhornytska. „Doch im Grunde sind sie sehr stolz auf mich, besonders mein Opa.“

Eine Studie des Bundesbildungsministeriums zeigt, dass die Hälfte der Deutschlandstipendiaten Kinder von Nichtakademikern sind. Der Anteil Studierender mit ausländischen Wurzeln liegt im Bundesdurchschnitt bei 23 Prozent, bei den Stipendiatinnen und Stipendiaten des Deutschlandstipendiums bundesweit bei 28 Prozent und an der Freien Universität im Schnitt der vergangenen fünf Jahre sogar bei 32 Prozent. „Das Deutschlandstipendium ist eine ideale Erweiterung der Nachwuchsförderung der Freien Universität“, sagt Professor Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität. „Hier geht es nicht nur um eine Studienfinanzierung, sondern vor allem um persönliche Kontakte. Gemeinsam mit unseren Stiftern ermöglichen wir jungen Talenten bereits zu Beginn ihres Studiums eine gezielte und individuelle Unterstützung: Das umfasst inzwischen auch die Entwicklung und Vertiefung berufsrelevanter Fähigkeiten sowie den Aufbau neuer Netzwerke.“

An der Freien Universität bekommen Stipendiaten einen Mentor

2012 hat die Freie Universität ein Mentorenprogramm für die Stipendiaten eingerichtet. Sie werden seitdem von Menschen begleitet, die im Berufsleben stehen und mit denen sie sich austauschen können. Nataliya Pryhornytskas Mentorin ist die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament, Rebecca Harms. Während eines Praktikums begleitete die Studentin die Sprecherin für Osteuropapolitik der Bundestagsfraktion der Grünen, Marieluise Beck, in die Ostukraine, in die Nähe der umkämpften Gebiete. Eine Reise, auf der Nataliya Pryhornytska die große Not der Menschen hautnah erlebte. In Bilowodsk, nahe der Grenze zu Russland, besuchte die Gruppe unter anderem ein Krankenhaus, das noch mit veralteten Geräten aus Sowjetzeiten arbeiten muss und nur dank finanzieller Hilfe aus Deutschland ein modernes Geburtszimmer einrichten konnte. „Wir haben damals ein transportables Beatmungsgerät mitgebracht“, sagt Nataliya Pryhornytska.

Inzwischen ist die Stipendiatin als studentische Hilfskraft im Bundestagsbüro von Marieluise Beck beschäftigt. Außerdem schreibt sie an ihrer Masterarbeit über die Entwicklung der Demokratie in sechs osteuropäischen Staaten. Ihre Zukunft sieht die Studentin in Deutschland. Was sie später mal genau machen möchte, weiß sie aber noch nicht. Mit dem Krankenhaus in Bilowodsk steht Nataliya Pryhornytska weiterhin in Verbindung. Weil die Klinik dringend einen Inkubator für Frühgeborene benötigte, half sie, das Gerät zu beschaffen. „Ich habe bei vielen Krankenhäusern angerufen und nach ausrangierten Inkubatoren gefragt, bis ich schließlich ein Gerät bei einem Hersteller gefunden habe, der es auch einbauen kann.“

Nur eines bedauert Nataliya Pryhornytska: Bei all dem beruflichen und sozialen Engagement bleibe oft zu wenig Zeit für Freunde und Familie. Dabei sei das ebenso wichtig wie der berufliche Erfolg: „Nicht nur ein guter Lebenslauf macht einen zu einem guten Menschen.“

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