Engagement für Flüchtlinge : Hoffnung auf eine Zukunft

Vier syrische Brüder fliehen vor dem Bürgerkrieg und der Terrormiliz „Islamischer Staat“. Zwei von ihnen lernen nun Deutsch an der Freien Universität – als Vorbereitung auf ein Studium.

Melanie Hansen
Das Ehepaar Mann - hier mit ihren Schützlingen aus Syrien - engagiert sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsunterkunft am Großen Wannsee.
Das Ehepaar Mann - hier mit ihren Schützlingen aus Syrien - engagiert sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsunterkunft am Großen...Foto: B. Wannenmacher

Knapp 2800 Kilometer trennen die syrische Hauptstadt Damaskus von Berlin – und Amin, Adnan, Muhanad und Nihat (Namen von der Redaktion geändert) von ihrem alten Leben, von Eltern, Großeltern und Freunden. Denn im Sommer sind die vier Brüder aus ihrer vom Krieg zerstörten Heimat nach Europa geflohen, inzwischen sind sie in Deutschland. Heute sitzen die Syrer im Wohnzimmer von Bärbel Mann und ihrem Ehemann Richard und erzählen ihre Geschichte. Die pensionierte Lehrerin und der Politikwissenschaftler, die beide an der Freien Universität Berlin studiert und sich dort auch kennengelernt haben, engagieren sich ehrenamtlich in der Erstaufnahme-Einrichtung am Großen Wannsee. Hier haben sie die Geschwister kennengelernt.

Die Kommunikation mit den jungen Männern gestaltet sich schwierig: Sie sprechen kein Deutsch und nur gebrochen Englisch, Bärbel und Richard Mann wiederum kein Arabisch. Bei diesem Treffen ist ein Dolmetscher dabei – und so hört auch das Ehepaar Mann zum ersten Mal alles über die Flucht der Brüder.

Sie beginnt im Juli dieses Jahres. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) hat bereits das syrische Flüchtlingslager Jarmuk unter ihre Kontrolle gebracht. Über das Kanalisationssystem seien die IS-Kämpfer nach Sahnaya vorgedrungen, einem Vorort von Damaskus, und hätten das Feuer auf Zivilisten eröffnet, berichtet Amin. Sein 23-jähriger Bruder Muhanad wird von fünf Kugeln getroffen. Er überlebt schwer verletzt.

Auch Amin erfährt die Auswirkungen des Bürgerkrieges am eigenen Leib. Er versteckt sich vor dem Militärdienst im Haus seiner Eltern. Ein einziges Mal verlässt er den Unterschlupf, wird von der Polizei entdeckt und für sechs Tage inhaftiert, bis seine Familie ihn freikaufen kann. Über seine Erlebnisse im Gefängnis möchte er nicht sprechen. Ein Blick in sein Gesicht während er dies sagt, lässt jedoch erahnen, wie grausam diese Zeit gewesen sein muss. „Wir haben es in Syrien einfach nicht mehr ausgehalten, die Angst war allgegenwärtig“, sagt Amin. „Wir hatten keine Hoffnung, dass dieser Krieg bald vorüber ist.“ Und so hätten sie nur einen einzigen Ausweg gesehen: Die Flucht nach Europa.

Ein paar Kleidungsstücke, wenige Fotos und Geld für die Schlepper

Um die Flucht zu finanzieren, verkaufen die Eltern ihr Haus, gehen an ihr Erspartes. Mehrere Tausend Euro kommen so zusammen, von denen am Ende der Flucht nichts mehr übrig sein wird. Das Geschäft mit dem Elend der Flüchtlinge ist lukrativ. Besonders schwer sei es der Mutter gefallen, ihren jüngsten Sohn – den elfjährigen Nihat – ziehen zu lassen, sagt Amin. Aber das Geld hätte nicht gereicht für die Flucht der gesamten Familie, und der 93-jährige Großvater sei körperlich zu schwach gewesen, um die Strapazen durchzustehen: „Meine Eltern haben lange überlegt, ob sie zuerst fliehen sollen, um uns Kinder später nachzuholen. Aber als sogar die Schulen bombardiert wurden, haben wir gemeinsam entschieden, dass wir Söhne zuerst gehen“, sagt der 25-jährige Amin.

Ein paar Kleidungsstücke, wenige Fotos und Geld für die Flucht: Die Brüder packen nur das Nötigste in ihre Rucksäcke und machen sich zu Fuß auf den mehr als 100 Kilometer langen Weg von Syrien in den Libanon, nach Tripolis. Vor allem für den verletzten Muhanad ist die Strecke eine körperliche Tortur. Er hat Probleme beim Atmen, in seiner Lunge stecken noch immer die Splitter der Kugeln des Beschusses durch die IS-Miliz.

Von Tripolis aus setzen die Geschwister in einem von Schleppern organisierten Schlauchboot in die Türkei nach Mersin über. „Unser kleiner Bruder Nihat kann nicht schwimmen, daher hatten wir besonders große Angst vor der Überfahrt“, erzählt Amin. Die Nachrichten über die ertrunkenen Flüchtlinge der vergangenen Monate hätten sie dabei ausgeblendet: „Wir haben uns immer wieder gesagt, dass es auch viele Menschen gibt, die es auf diesem Weg geschafft haben.“ Die Flucht an diesem Punkt abzubrechen, sei nie eine Option gewesen. „Wir hatten doch gar keine Wahl“, sagt Amin. „In Syrien konnten wir nicht bleiben.“

Über die Türkei gelangen Amin, Muhanad, Adnan und Nihat zu Fuß nach Griechenland. „Das Schlimmste war die Hitze“, erinnert sich der 22-jährige Adnan. Um nicht zu verdursten, trinken die Flüchtlinge aus Wassertrögen, die sie auf Pferdekoppeln finden.

In Berlin endet ihre Flucht nach 22 Tagen

Mit einem Zug überqueren sie die mazedonische Grenze, gelangen nach Serbien. „In Serbien wurden viele von uns Flüchtlingen überfallen und ausgeraubt“, erinnert sich Amin. Es hat sich herumgesprochen, dass die Flüchtlinge viel Bargeld bei sich tragen, um die Schlepper zu bezahlen. „Wir haben das Geld dann in unsere Kleidung eingenäht und uns zu größeren Gruppen zusammengetan, um sicherer zu sein.“ Mit dem Bus gelangen sie in die serbische Hauptstadt Belgrad und kommen für mehrere Tage in einem Flüchtlingslager unter. „Es war schrecklich“, sagt Amin. „Das Heim war hoffnungslos überfüllt, viele Flüchtlinge waren krank.“

Die vier Brüder ziehen weiter nach Ungarn. Insgesamt 200 Kilometer haben sie bis zu diesem Punkt schon zu Fuß zurückgelegt. An einer Tankstelle treffen sie einen Schleuser, der sie nach Deutschland bringen soll. „Er hat uns aufgefordert, unsere Rucksäcke wegzuwerfen und uns frische Kleidung anzuziehen, da die ungarische Polizei uns verhaften würde, wenn wir als Flüchtlinge zu erkennen wären“, erzählt Amin. Von Budapest aus schmuggelt der Schleuser die Brüder nach Passau, über München erreichen sie schließlich Berlin.

Hier endet ihre Flucht nach insgesamt 22 Tagen. Und hier lernen sie auch Bärbel und Richard Mann kennen. Seit mehreren Monaten engagieren sich die beiden Alumni der Freien Universität ehrenamtlich in der Flüchtlingsunterkunft am Großen Wannsee. „Wir hatten erst das Gefühl, in unserer neuen Heimat angekommen zu sein, als wir das Ehepaar Mann kennengelernt haben“, sagt Amin. „Sie sind wie eine neue Familie für uns.“

Die Eheleute Mann helfen - für beide eine Herzensangelegenheit

Für die Manns ist die Unterstützung der vier jungen Syrer eine Herzensangelegenheit: „Wir helfen den Jungs, so wie wir es uns auch für unsere Söhne wünschen würden, wenn sie in dieser Situation wären“, sagt Bärbel Jochum- Mann. Das Heim am Wannsee sei etwas Besonderes, weil dort nur 66 Flüchtlinge untergebracht seien, betont die gebürtige Saarländerin. Der Kontakt sei hier sehr persönlich. „Ich habe selber vier Brüder und mich dadurch von Beginn an sehr verbunden mit den Jungs gefühlt“, sagt Richard Mann. Heute hofft der gebürtige Amerikaner, dass auch Amin, Muhanad und Adnan über das Programm Welcome@FUBerlin einen Zugang zum Studium in Deutschland finden.

Die Voraussetzungen dafür sind gut: Seit Kurzem lernen Amin und Adnan nun in einem Deutschkurs an der Freien Universität im Rahmen der Bildungsintiative Welcome@FUBerlin. Adnan hofft, dass er irgendwann sein Jurastudium fortführen kann, das er erst kurz vor seiner Flucht an der Al-Furat-Universität in der ostsyrischen Stadt Deir ez-Zor aufgenommen hatte.

In ein paar Tagen haben die vier Geschwister ihren Anhörungstermin im Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales. Dort werden sie die Geschichte ihrer Flucht noch einmal erzählen. Die zuständigen Beamten werden dann darüber entscheiden, ob den Brüdern vorerst der Aufenthalt in Deutschland gestattet wird – und ob sie berechtigt sind, einen Asylantrag zu stellen. Ein Ja oder Nein, das über die Zukunft von Amin, Adnan, Muhanad und Nihat entscheidet – und damit über die Zukunft einer ganzen Familie.

Mehr zu den Angeboten der Freien Universität für Geflüchtete und ihre Helfer finden Sie hier.

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