Erneuerbare Energien : Niedriger, effizienter, ökologischer

An der Freien Universität Berlin wird mit Einzelprojekten viel für die Umwelt erreicht – und für den Haushalt.

Carsten Wette
Wegweiser ins Grüne: Wie Fachbereiche mit kleinen Veränderungen viel Energie sparen können, weiß das Team der Stabsstelle Nachhaltigkeit und Energie. Foto: Bernd Wannenmacher
Wegweiser ins Grüne: Wie Fachbereiche mit kleinen Veränderungen viel Energie sparen können, weiß das Team der Stabsstelle...Foto: Bernd Wannenmacher

4400 Beschäftigte, 220 Gebäude, 1 Herausforderung: trotz Labor-Apparaturen und vieler Computer möglichst wenig Energie zu verbrauchen. Die Freie Universität ist dabei seit 2001 weit vorangekommen, etwa durch ein ökologisches Anreizsystem, erneuerbare Energien und das Engagement ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

ENERGIE-LIMBO DER FACHBEREICHE

Sie kann Zuckerbrot sein oder Peitsche, ist mehr als zehn Jahre alt und eigentlich unsichtbar – doch die Verwaltungsleiter der Fachbereiche wissen genau, wo sie verläuft: die Basislinie. Erstmals gezogen hat sie Andreas Wanke in den Jahren 2004/2005 für jedes einzelne Gebäude der Freien Universität. Der Koordinator für Nachhaltigkeit und Energie ermittelte mit seinem Team jeweils den Strom- und Wärmeverbrauch für zwölf Monate und legte so einen Referenz- und Vergleichszeitraum für alle Häuser fest.

Damit begann eine Erfolgsgeschichte, die in dieser Dimension wohl bundesweit einmalig ist – gleich zwölfmal seit 2001 wurde der Energieverbrauch der Universität gesenkt; auch technische Modernisierungen in den Gebäuden trugen dazu bei. „Jeder Fachbereich, der mit seinen Gebäuden den Verbrauch der Basislinie in einem Jahr unterschreitet, bekommt von den eingesparten Energiekosten 50 Prozent als Prämie überwiesen“, erläutert Andreas Wanke. Überschreiten dagegen Fachbereiche den Verbrauch im Vergleich, tragen sie 100 Prozent der Kosten.

Kalt erwischt hatte es 2007, gleich im ersten Jahr der Berechnungen, den Fachbereich Biologie, Chemie, Pharmazie (BCP). „Der Energieverbrauch lag über dem Referenzwert, und es wurden 50 000 Euro fällig“, erinnert sich Andreas Wanke. Doch Wissenschaftler, Mitarbeiter und Studierende wendeten gemeinsam das Blatt: Röhrenmonitore wichen Flachbildschirmen, Hunderte Kühl-Dinosaurier und alte Spülmaschinen in den Laboren wurden durch Geräte mindestens der Effizienzklasse A++ ersetzt, Abzugsanlagen liefen fortan nur noch so lange wie nötig. „Wir haben Millionen von Energiespar-Ideen“, sagt Diane Hessler Bittl von der Projekt- und Bauplanung des Fachbereichs, und alle hätten den Vorteil selbst von Kleinigkeiten erkannt.

Das Engagement zahlte sich aus: Schon im zweiten Jahr sprang der Fachbereich bei der Energiebilanz in die schwarzen Zahlen, seither streicht er jährlich rund 200 000 Euro ein. „Wir unterstützen mit dem Geld unter anderem Praktika für die Lehre“, sagt Diane Hessler Bittl, ein Teil fließe aber auch in die Anschaffung effizienter Geräte. Das ist auch nötig, wenn die Quelle nicht versiegen soll: Die Werte der Basislinie wurden von 2012 bis 2015 schrittweise um insgesamt zehn Prozent gesenkt. Neue finanzielle Spielräume beim Energie-Limbo gibt es also nur mit noch mehr Anstrengung.

STROMFRESSER RAUS

Wer beim Begriff „Abwrackprämie“ nur an das Jahr 2009 und die Konjunkturspritze für die kriselnde Autobranche denkt, kennt Melanie Thie von der Stabsstelle Nachhaltigkeit und Energie der Freien Universität nicht. „Wir haben im Rahmen unseres Green IT-Programms in kurzer Zeit 1200 Energiefresser aus dem Verkehr gezogen“, sagt die Referentin für Nachhaltigkeitsmanagement und Energiecontrolling. Hilfreich war ein geradezu unmoralisch attraktives Angebot der Universitätsleitung in den Jahren 2010 und 2011 an die elf Fachbereiche: Für jeden neu angeschafften energieeffizienten Computer und den Nachweis der Verschrottung des alten wurde ein Zuschuss von 50 Prozent gezahlt. Manche Fachbereiche konnten den Anteil ihrer Anschaffungskosten noch einmal halbieren: Sie setzten Geld ein, das sie im Vorjahr als Prämie für ihre Energieeinsparung erhalten hatten.

Für die Anschaffungen von IT-Geräten in großer Zahl wurde damals und wird auch heute nichts dem Zufall überlassen: Ende 2011 integrierte Melanie Thie erstmals Energie-, Umwelt- und Gesundheitskriterien in eine europaweite Ausschreibung für den Kauf neuer Computer, Monitore, Drucker und anderer Geräte. Energielabel wie der „Energy Star“ waren nicht Maßstab, sondern Anreiz: „Die Kriterien der Label sind ihrer Zeit meist hinterher und werden von den meisten Herstellern ohnehin erfüllt“, sagt Melanie Thie. „Wir wollten durch Rahmenverträge besonders energieeffiziente, leistungsstarke und leise Geräte anbieten.“ Bei der Bewertung des wirtschaftlichsten Angebots wurden neben dem Kaufpreis die Betriebskosten – gemessen über den Lebenszyklus eines Gerätes – herangezogen. Die Ausschreibung war ein Erfolg – und fand sich prompt als Vorbild auf den Internet-Präsenzen des Umweltbundesamtes und der Berliner Energieagentur wieder. Bei dieser und anderen IT-Ausschreibungen arbeitet Melanie Thie eng mit der Beschaffungsstelle der Universität zusammen. Gemeinsames Ziel: „Energie- und Umweltkriterien berücksichtigen wir immer über das vom Berliner Senat geforderte Maß hinaus.“

SAUBER EINGESPEIST

Kann ein Teil der Dachfläche der Rostlaube – des Gebäudekomplexes für die Geistes- und Sozialwissenschaften an der Habelschwerdter Allee – für die Produktion erneuerbarer Energien genutzt werden? Das fragten sich Studierende um Roman Dashuber und beließen es nicht dabei. Der kühne Plan ihrer Initiative Unisolar: 100 000 Euro über Einzeldarlehen von Studenten und anderen Privatpersonen aufbringen, 200 000 Euro bei der Umweltbank aufnehmen und damit eine knapp 1000 Quadratmeter große Solaranlage errichten.

Angehörige der Unileitung, der Technischen Abteilung sowie Nachhaltigkeitskoordinator Andreas Wanke unterstützten das Vorhaben – und das Geld kam zusammen. Seit Mai 2009 speist die Anlage jährlich rund 90 Megawattstunden ins Berliner Stromnetz. Das entspricht dem Bedarf von etwa 30 Dreipersonenhaushalten oder rund einem Zehntel dessen, was in der Rostlaube an Strom verbraucht wird.

Ein Großteil der 80 studentischen Solarfans hat mittlerweile längst das Examen in der Tasche und die Universität verlassen. Doch die Sonne über Dahlem schickt weiterhin jährlich vier bis sechs Prozent Zinsen und ein Zwanzigstel des Darlehens auf ihre Konten. Die Sonne lacht aber nicht nur über der Rostlaube. „Auf den Dächern der Universität sind Solaranlagen mit einer Leistung von insgesamt 675 Kilowatt installiert. Mit jährlich 600 000 Kilowattstunden wird mehr Strom erzeugt als der Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften pro Jahr verbraucht. Und es gibt bereits Ausbaupläne: „Auf acht bis zehn weiteren Dächern der Freien Universität könnten wir noch Solaranlagen errichten“, sagt Andreas Wanke.

Strom von ganz oben: Auf dem Dach der sogenannten Rostlaube hat die Initiative „Unisolar“ eine knapp 1000 Quadratmeter große Solaranlage errichtet. Seit Mai 2009 speist sie jährlich rund 90 Megawattstunden ins Berliner Stromnetz. Foto: Felix Rückert
Strom von ganz oben: Auf dem Dach der sogenannten Rostlaube hat die Initiative „Unisolar“ eine knapp 1000 Quadratmeter große...Foto: Felix Rückert

1550 TONNEN CO2 „ABGEBLOCKT“

Sie könnte sich mit 240 afrikanischen Elefantenbullen auf der Waage messen – die Menge klimaschädlichen Kohlendioxids, die dank der drei Blockheizkraftwerke (BHKW) der Freien Universität nicht in die Atmosphäre geblasen wird: Genau 1550 Tonnen sind es. „Allein mit unseren beiden großen, 2013 errichteten Kraftwerken in Düppel und Lankwitz mit insgesamt 520 Kilowatt Leistung produzieren wir sehr energieeffizient 3,6 Millionen Kilowattstunden Strom jährlich“, sagt Nachhaltigkeitskoordinator Andreas Wanke.

Den Vogel schieße dabei die Anlage bei den Veterinärmedizinern in Düppel ab, die von den 8760 Stunden, die ein Jahr hat, 7600 Stunden in Volllast laufe. Ein drittes BHKW mit einer Leistung von 50 Kilowatt läuft seit vier Monaten in der Kelchstraße, ein viertes startet voraussichtlich Ende April im Botanischen Garten der Freien Universität. Es wird – passend zur Umgebung – mit Bio-Erdgas betrieben.

DER LETZTE MACHT DAS LICHT AUS

„Alle Jahre wieder“ ist für die Mitglieder der Freien Universität wohl nicht nur ein Weihnachtslied. Es könnte auch als Motto durchgehen für den Entschluss des Präsidiums, erstmals zum Jahreswechsel 2012/2013 Betriebsurlaub einzuführen. Jeweils kurz vor Weihnachten bis kurz nach Silvester schließen seither alle Büros, Bibliotheken und Labore. „Es stand in keinem Verhältnis, für die nur etwa fünf Prozent der Mitarbeiter, die früher an den wenigen Tagen zwischen Weihnachten und Silvester arbeiteten, die Temperaturen in den Gebäuden auf Normalmaß und eine ganze Universität in Betrieb zu halten“, sagt der Kanzler der Freien Universität Berlin, Peter Lange.

Die Effekte der Weihnachtsruhe sind enorm: Rund 360 000 Euro wurden über den Jahreswechsel 2013/2014 gespart – durch weniger Energie-, Wasser- und Reinigungskosten. Beim jüngsten Betriebsurlaub gab es Einsparungen von rund 320 000 Euro. So wird auch am 23. Dezember 2015 und am 4. Januar 2016 wieder effizient am Rad gedreht werden: an 50 000 Heizungsventilen.

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