Fake News entlarven : "Alternative Fakten kann jeder"

Bei der Langen Nacht der Wissenschaften an der Freien Universität wollen Politikwissenschaftler mit einem „Faktencheck“ Vorurteile hinterfragen.

Manuel Krane
Beim weltweiten March for Science im April demonstrierten allein in Berlin mehr als 11.000 Menschen. Damit wollten sie ein Zeichen gegen die zunehmende Ignoranz gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen setzen.
Beim weltweiten March for Science im April demonstrierten allein in Berlin mehr als 11.000 Menschen. Damit wollten sie ein Zeichen...Foto: Bernd Wannenmacher

Deutschland ist der Zahlmeister der EU“ – diesen Satz kann Politikstudent Onno Steenweg nicht mehr hören. Der Satz sei nicht falsch, aber irreführend. „Deutschland überweist zwar in absoluten Zahlen gemessen das meiste Geld an die Europäische Union; das ist aber auch logisch, schließlich sind wir das bevölkerungsreichste Land“, sagt er. „Wenn man die Summen auf die Zahl der Einwohner umrechnet, sind wir nur an vierter Stelle – hinter Schweden, Dänemark und Luxemburg.“ Steenweg will aufräumen mit falschen Nachrichten und trügerischen Behauptungen. Bei der Langen Nacht der Wissenschaften wird er beim „Faktencheck EU“ populäre Vorurteile über die Union auf die Probe stellen.

Es geht dabei nicht nur darum, mit Falschinformationen aufzuräumen, sondern auch darum, irreführende Darstellungen zu korrigieren und einzuordnen. „Es ist manchmal auch entscheidend, in welchem Grad etwas richtig ist, es ist ja nicht immer alles nur schwarz-weiß“, sagt Simon Koschut, Gastprofessor für Internationale Beziehungen am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft. „Alternative Fakten“ seien dabei keinesfalls ein Phänomen rechtspopulistischer Bewegungen. „Wir werden auch positive EU-Vorurteile hinterfragen, beispielsweise die Behauptung, die Europäische Union sei eine Friedensmacht“, sagt Vera van Hüllen, Gastprofessorin für Europäische Integration an der Freien Universität, „denn ’alternative Fakten’ kann jeder.“

Die Politikwissenschaftler wollen anhand eines Faktenchecks zeigen, wie falsche Informationen die gesellschaftliche Debatte bestimmen können. „Es geht um feste Meinungen, die in der Bevölkerung existieren“, sagt der promovierte Politikwissenschaftler Lukas Obholzer, der den Faktencheck mitorganisiert hat. Dazu werden landläufige Behauptungen präsentiert und das Publikum befragt: Stimmt die hier dargestellte Sicht oder stimmt sie nicht? Politikstudierende werden anschließend in einem einminütigen Vortrag das Rätsel auflösen.

Mediennutzung trägt auch zur Verbreitung von Falschinformationen bei

Zu den Behauptungen, die hinterfragt werden sollen, gehört auch der Mythos, dass die Europäische Union krumme Gurken verbiete. „Das hat zwar einen wahren Kern. Aber die Norm, auf die diese Behauptung Bezug nimmt, wurde schon 2009 aufgehoben“, sagt Steenweg.

Auch wenn es Falschinformationen schon immer gegeben habe, habe eine veränderte Mediennutzung in den vergangenen Jahren zu ihrer Verbreitung beigetragen. „Wir haben viel mehr Möglichkeiten, uns nur da zu informieren, wo die Information zu dem passt, was wir eh schon glauben“, sagt die Politikwissenschaftlerin Lisa van Hoof-Maurer. „Dadurch werden Weltbilder bestätigt.“

Für jede Minderheitsmeinung werde man Unterstützung im Internet finden, egal ob diese auf Fakten beruhe oder nicht, ergänzt ihr Kollege Lukas Obholzer. „Die Frage ist, wie viel Gewicht man diesen verschiedenen Argumenten zuspricht“, sagt der Politikwissenschaftler.

Es sei auch keinesfalls klar auszumachen, wo die Grenze zwischen Falschbehauptungen und kreativen Auslegungen der Wirklichkeit zu ziehen sei. Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit durch andere seien wichtige Kriterien bei der Unterscheidung zwischen seriösen und unseriösen Informationen. „Ich würde keinen Wissenschaftler als Autorität anerkennen, der sich nicht der Kritik seiner Kollegen stellt“, sagt Koschut. Es sei deshalb wichtig, Standards zu haben, nach denen zwischen seriösen und unseriösen Informationen unterschieden werden könne. Dafür brauche es eine gesellschaftliche Debatte. Solche Standards müssten im Zuge einer gesellschaftlichen Debatte festgelegt und gelernt werden. Lisa van Hoof- Maurer findet es darum wichtiger denn je, dass Bürger über eine hohe Medienkompetenz verfügen.

Emotionen sind wichtig, um Standpunkte zu vertreten

Ein anderer Gegenstand der Auseinandersetzung mit dem Thema „alternative Fakten“ ist das Verhältnis zwischen Informationen und Emotionen. Populisten würden auf Emotionen setzen und Fakten dabei ausblenden. Wäre also der Verzicht auf Emotionen in politischen Diskussionen eine Lösung? „Nein“, sagt Simon Koschut, „wenn wir Emotionen vollständig rausnehmen würden, wären wir keine Menschen.“ Emotionen seien sogar wichtig, um Standpunkte zu vertreten. „Wenn ich Frieden schaffen will, muss ich eine Abneigung gegenüber Krieg haben. Wenn ich für Freihandel bin, brauche ich eine Abneigung gegenüber Protektionismus“, sagt Koschut. Für ihn ist es deshalb entscheidend, Emotionen „zu kanalisieren und zu steuern“.

Bei der Langen Nacht der Wissenschaften wollen es die Politikwissenschaftler der Arbeitsstellen Europäische Integration und Transnationale Beziehungen, Außen- und Sicherheitspolitik nicht beim Faktencheck belassen. Im Anschluss daran findet deshalb eine Podiumsdiskussion statt. Es diskutieren Katharina Gnath von der Bertelsmann-Stiftung, Sophie Pornschlegel vom Progressiven Zentrum, Sasan Abdi-Herrle von Zeit Online, das Mitglied des Abgeordnetenhauses Tobias Schulze und Simon Koschut.

Moderiert wird die Diskussion von Gastprofessorin Vera van Hüllen. Ihre Erwartung an die Veranstaltung? „Wir wollen erfahren, wie das Thema in unterschiedlichen Kontexten der Informationsverarbeitung behandelt wird.“

Der "Faktencheck: Was Sie schon immer über EU und internationale Kooperation dachten... aber wissen sollten!“ findet von 20 bis 20.30 Uhr im Altbau der Campusbibliothek statt (UG, Fabeckstraße 23/25, Busrouten grün und blau). Daran schließt sich von 20.30 bis 22 Uhr die Podiumsdiskussion „Postfaktische Politik? Ein fachkundiger Faktencheck“ mit Gästen aus Wissenschaft, Politik und Medien an.

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