Geflüchtete und Medien : Auf der Flucht mit dem Smartphone

Kommunikationswissenschaftler der Freien Universität untersuchen, wie Flüchtlinge Medien nutzen, welchen Quellen sie vertrauen und warum viele ein verzerrtes Bild von Deutschland haben.

Annika Middeldorf
Auf Kontaktsuche: Afrikanische Flüchtlinge versuchen am Strand von Dschibuti ein Handysignal zu empfangen, um ihre Verwandten in der Heimat zu erreichen. 2014 erhielt der Fotograf John Stanmeyer für diese Aufnahme den renommierten World Press Photo Award.
Auf Kontaktsuche: Afrikanische Flüchtlinge versuchen am Strand von Dschibuti ein Handysignal zu empfangen, um ihre Verwandten in...Foto: picture alliance/AP Photo

Es ist Fluchthelfer, Kontakthalter, Wegweiser und wiegt dabei kaum mehr als 100 Gramm: Das Smartphone ist für viele Flüchtlinge das kostbarste Utensil auf ihrem beschwerlichen Weg in eine unbekannte Zukunft. Anders als in Deutschland sei das Smartphone bei Geflüchteten kein Luxusgut, sagt Publizistik-Professorin Carola Richter: „Der Zugang zum Internet und zu den Sozialen Medien ist ein existenzielles Mittel zur Verständigung während der Flucht.“

Gemeinsam mit Martin Emmer, Professor der Arbeitsstelle Mediennutzung am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität, hat Carola Richter das Forschungsprojekt „Flucht 2.0“ ins Leben gerufen. In ihrer Studie zeigen die Wissenschaftler, wie sich Flüchtlinge in ihren Herkunftsländern, auf ihrem Fluchtweg und in Deutschland Informationen verschaffen, welchen Quellen sie vertrauen und was sich daraus an Einstellungen und Erwartungen gegenüber dem Fluchtziel Deutschland ergibt.

Demnach nutzen Flüchtlinge das Internet vor allem zur Kommunikation untereinander, weniger zum Beschaffen von Informationen. Messenger-Dienste wie WhatsApp, Facebook oder Viber finden sich den Ergebnissen der Studie zufolge auf fast jedem Flüchtlingshandy. Journalistischen Produkten, ob Fernsehnachrichten, Tageszeitungen oder offiziellen Twitter-Kanälen, stünden die meisten Schutzsuchenden kritisch gegenüber – und nutzten sie deshalb kaum, sagt Carola Richter. Das, so erläutert die Professorin für Internationale Kommunikation, liege auch an den Mediensystemen in den Herkunftsländern: „In Syrien oder dem Irak sind Medien politische Instrumente der Herrschenden.“ Daher seien Flüchtlinge diesen Quellen gegenüber misstrauisch.

Die Befragten spiegeln die Flüchtlingsstruktur in Deutschland wider

Für ihre Studie, die vom Auswärtigen Amt gefördert wird, haben Carola Richter und Martin Emmer mehr als 400 Flüchtlinge in Berliner Notunterkünften befragt. Sie spiegeln die Flüchtlingsstruktur in Deutschland wider: Mehr als 80 Prozent der Befragten sind männlich, die meisten jünger als 30 Jahre. Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak sind besonders stark vertreten. Als eine dritte Gruppe fassten die Wissenschaftler Geflüchtete aus Zentralasien zusammen, etwa aus Afghanistan oder aus dem Iran. Von ihnen hatte nur etwa ein Drittel während der Flucht Zugang zu einem Smartphone – bei den syrischen und irakischen Flüchtlingen waren es etwa 80 Prozent.

„Syrischen Flüchtlingen geht es in der Hauptsache darum, schnell das Land zu verlassen, um sich vor dem Bürgerkrieg in Sicherheit zu bringen“, sagt Carola Richter. Anders als die befragten irakischen Flüchtlinge, von denen sich nicht alle in akuter Gefahr befanden, planten sie ihre Flucht weniger strategisch. Ob sich die Migranten vor ihrem Aufbruch Informationen im Internet beschaffen, hänge also auch von den Fluchtgründen ab. Etwa 40 Prozent der syrischen Flüchtlinge hätten sich erst während ihrer Flucht entschieden, nach Deutschland zu gehen – häufig auch, weil ihnen zuvor Geflüchtete dazu geraten hatten, wie die Wissenschaftler herausfanden.

Was auf den offiziellen Kanälen der Bundesregierung oder in der Tagespresse berichtet wird, erreicht die Flüchtlinge hingegen kaum. „Das Kanzlerinnen-Selfie kannten viele unserer Studienteilnehmer gar nicht. Man kann also nicht sagen, dass dieses Bild oder die Berichterstattung über eine ,Willkommenskultur’ zur Flucht motiviert hätten“, sagt Carola Richter. Die Gründe für eine Flucht seien deutlich komplexer.

Gerüchte verbreiten sich schnell über WhatsApp und Co

Trotzdem gebe es unter Flüchtlingen ein positiv verzerrtes Deutschlandbild: Weil die Kommunikation zwischen Menschen, denen die Flucht geglückt war, und Nachkommenden als besonders vertrauensvoll eingeschätzt wird, verbreiten sich auch Gerüchte und Halbwahrheiten schnell, wie die Wissenschaftler konstatieren. So hätten der Untersuchung zufolge 90 Prozent der syrischen Flüchtlinge gehört, dass ihnen in Deutschland ein eigenes Haus zur Verfügung gestellt werde oder dass ein bedingungsloser Familiennachzug möglich sei. Entsprechend groß sei die Enttäuschung: „Mehr als 40 Prozent der Flüchtlinge aus Syrien haben angegeben, sie hätten sich gegen eine Flucht nach Deutschland entschieden, wenn sie ihr heutiges Wissen schon vor der Flucht gehabt hätten“, sagt Carola Richter. Wie also lassen sich die Flüchtlinge erreichen, wenn ihnen wichtige Informationen über ihr Zielland oder zu ihrer Flucht- route gegeben werden sollen? Martin Emmer und Carola Richter haben eine klare Empfehlung: „Wir müssen die Flüchtlinge einbinden. Sie sollten lernen, den deutschen Medien zu vertrauen und erfahren, dass es dort verlässliche Informationen und auch Platz für unterschiedliche Meinungen gibt.“ Dafür müssten deutsche Medien lernen, Geflüchtete nicht nur als Publikum anzusprechen, sondern sie auch mit ihren Erfahrungen in die Produktion einzubinden. Einige Zeitungen und Magazine veröffentlichen bereits Reportagen, in denen Geflüchtete selbst von ihrem Leben in ihrer neuen und alten Heimat berichten.

Wenn es nach Carola Richter ginge, dürfte es von diesen Formaten deutlich mehr geben: Damit Geflüchtete neben WhatsApp, Facebook und Co auch anderen Medien vertrauen.

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