Gefühlsforschung : Im Zeitalter der Dauer-Aufregung

Auf einer internationalen Konferenz Ende April untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs "Affective Societies" die Macht der Gefühle in Politik, Medien und sozialen Bewegungen.

Stefanie Hardick
Im Anti-Trump-Affekt vereint: Beim „Women’s March“ im Januar 2017 demonstrierten Frauen – und auch Männer – gegen die sexistischen Äußerungen des US-amerikanischen Präsidenten. Foto: Mobilus In Mobili via flickr/CC BY-SA 2.0
Im Anti-Trump-Affekt vereint: Beim „Women’s March“ im Januar 2017 demonstrierten Frauen – und auch Männer – gegen die sexistischen...Foto: Mobilus In Mobili via flickr/CC BY-SA 2.0

Als Donald Trump im November 2016 zum Präsidenten gewählt wurde, war das für viele ein Schock. Schnell verbreitete sich der Begriff des „Postfaktischen Zeitalters“, in dem die „gefühlte Wahrheit“ Menschen stärker überzeuge als wissenschaftlich Erwiesenes. Trumps emotional geführter Wahlkampf hat die öffentliche Kommunikation, die Medien, die Politik in den USA verändert.

„Wir leben in einer Umbruchzeit“, sagt Anne Fleig. Für die Literaturwissenschaftlerin haben die Veränderungen jedoch nicht erst vor Kurzem begonnen. Bereits seit dem Ende des Kalten Krieges und der Wende 1989, sagt sie, befinde sich die öffentliche Kommunikation in einem grundlegenden Wandel. Menschen und Ideen überschreiten im Zeitalter der Globalisierung Grenzen. Das löse Gefühle aus. Durch die Digitalisierung habe sich zudem die Geschwindigkeit der Kommunikation rasant gesteigert. „Wir leben in einem Zustand der dauernden Aufgeregtheit“, sagt Fleig. „Selten nehmen wir uns die Zeit, um darüber nachzudenken, wie wir tatsächlich zu einer Nachricht stehen.“ Aus dieser unbestimmten individuellen Aufgeregtheit – einem Affekt – heraus würden heute viel schneller Gefühle wie Angst oder Wut öffentlich formuliert. Es irritiere sie, dass sogar Politiker und Journalisten angesichts bestimmter Ereignisse über ihre persönlichen Gefühle sprechen. Auch der Soziologie-Professor Christian von Scheve sagt: „Anders als noch in den 1950er-Jahren ist es heute allgemein akzeptiert, öffentlich über Emotionen zu sprechen.“

Die Wissenschaftler wollen herausfinden, welche Rolle Affekte und Gefühle für unsere Gesellschaft spielen – auch dann, wenn sie nur unausgesprochen „mitschwingen“. Und wie sich die Spielregeln der öffentlichen Kommunikation gerade ändern. Anne Fleig und Christian von Scheve leiten zwei von insgesamt 16 Teilprojekten des Sonderforschungsbereichs (SFB) „Affective Societies – Dynamiken des Zusammenlebens in bewegten Gesellschaften“. Beide kommen aus unterschiedlichen Disziplinen, aber ihr gemeinsames Interesse gilt der Sprache in der öffentlichen Kommunikation. Zu diesem Thema findet auch die diesjährige Frühjahrstagung des SFB statt. Den Eröffnungsvortrag am 27. April hält mit der österreichischen Autorin und Vizepräsidentin der Akademie der Künste, Kathrin Röggla, eine Expertin für Sprache, Veränderungen der Gegenwart – und damit auch für Affekte.

Stimmungen treten an die Stelle von Argumenten

„Im Alltag ist für uns der Zusammenhang zwischen Sprache, Affekten und Emotionen selbstverständlich“, sagt Anne Fleig, „aber die Wissenschaft hat sich damit noch nicht grundlegend beschäftigt.“ Viele Theorien der Öffentlichkeit formulierten öffentliche Kommunikation als rationalen Austausch. In der Realität träten jedoch häufig Stimmungen an die Stelle von Argumenten. Christian von Scheve sagt: „Affekttheorien thematisieren bislang vor allem den Körper, aber kaum die Sprache. Das wollen wir jetzt zusammenbringen.“

Fleig und von Scheve sind überzeugt, dass Affekte keine Randphänomene sind, sondern grundlegende Bestandteile der öffentlichen Kommunikation. Sie unterscheiden dabei zwischen „Affekt“ und „Emotion“. Affekte bezeichnen die unmittelbare Reaktion verschiedener Akteure aufeinander; sie gehen aus Beziehungen hervor und beeinflussen diese. Emotionen hingegen äußern sich in bestimmten Ausdrucks- und Verhaltensweisen, die auch sprachlich voneinander abgegrenzt sind.

Die Literaturwissenschaftlerin Anne Fleig etwa untersucht, welche Rolle Affekte in der öffentlichen Wahrnehmung von Literatur spielen. Sie sagt, deutschsprachige Werke würden anders wahrgenommen und rezensiert, wenn bekannt sei, dass der Autor oder die Autorin dunkle Haut habe oder mit Akzent spreche. Implizit stellten Rezensenten, Leserinnen und Leser oft die Frage, ob die Verfasserin oder der Verfasser ausreichend zugehörig sei, um derartige Texte zu verfassen. „Das hat wiederum Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung und auf ihre Teilhabe am Diskurs“, sagt Fleig, die mit einigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern darüber gesprochen hat.

Religiöse Gefühle treffen auf westliche Werte

Der Soziologe Christian von Scheve beschäftigt sich gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Jürgen Brokoff mit Konflikten zwischen religiösen Gefühlen und anscheinend neutralen westlichen Werten. Zum Beispiel in den Debatten um Kunstwerke oder um die Beschneidung habe sich gezeigt, dass die nichtreligiösen Teilnehmerinnen und Teilnehmer genauso gefühlsgesteuert argumentierten wie die religiösen. „Reizbarkeit und Aufgeregtheit sind mitnichten nur Merkmale des Religiösen. Die Vorstellung, die säkulare Seite sei ein rationaler Gegenpol zur Religion, ist nur eine Konstruktion.“

Auch in anderen Bereichen hat von Scheve beobachtet, dass die undifferenzierte Benennung von Emotionen einer Konfliktlösung im Wege stehen kann. Über die tatsächlichen Befindlichkeiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Pegida-Demonstrationen wisse man zum Beispiel recht wenig. „Es wird immer gesagt, sie seien von Angst getrieben. Auf ängstliche Menschen reagiert man automatisch anders, als wenn man sagt, sie seien von Hass, Wut, Ärger oder Zorn getrieben.“ Dadurch, dass Politiker und Medien aus einer Vielzahl von Emotionen eine mögliche herausgreifen und benennen, schränkten sie also auch die Weisen ein, wie die Gesellschaft auf die Pegida-Bewegung zu reagieren habe.

Anne Fleig und Christian von Scheve erhoffen sich durch ihre Forschung zu Affekten auch besser zu verstehen, warum viele Menschen lieber einer „gefühlten Wahrheit“ anhängen. Fleig sagt: „Jemanden, der jeden Dialog ablehnt, kann man mit Argumenten nicht erreichen. Das haben viele Theorien, die sich nur auf rationale Aspekte der öffentlichen Kommunikation konzentrieren, bislang überhaupt nicht berücksichtigt.“

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