Geschichte : „Ein atemberaubender Lebensweg“

Im November ist Claude Lanzmann zu Gast an der Freien Universität - anlässlich einer Tagung über sein Lebenswerk. 1949 war er Lektor an der neu gegründeten Hochschule.

Nina Diezemann
Kritischer Beobachter der Geschichte im Visier der Medien: Claude Lanzmann präsentierte 2013 bei den Filmfestspielen in Cannes seinen Film "Der Letzte der Ungerechten".
Kritischer Beobachter der Geschichte im Visier der Medien: Claude Lanzmann präsentierte 2013 bei den Filmfestspielen in Cannes...Foto: F. Dugit/MAXPPP/picture alliance

Mit Claude Lanzmann verbinden die meisten heute noch vor allem die Dokumentation „Shoah“, die 1985, vor genau 30 Jahren, in die Kinos kam. Zwölf Jahre Recherche und Reisen durch viele europäische Länder stecken in diesem zehnstündigen Werk. Es ist der erste Versuch, durch Gespräche mit Zeitzeugen, Opfern wie Tätern, den Mord an den europäischen Juden zu rekonstruieren.

Die Entstehungsgeschichte dieses Films lässt sich bis ins Jahr 1949 zurückverfolgen, als der damals 24-jährige Claude Lanzmann für zwei Semester an der neugegründeten Freien Universität Berlin als Lektor für französische Literatur tätig war. Eine Tagung Ende November an der Freien Universität widmet sich nun – entlang seines Lebenswerks – der geistesgeschichtlichen Bedeutung der Arbeiten Claude Lanzmanns. An seinem 90. Geburtstag, dem 27. November, wird Lanzmann selbst an der Hochschule zu Gast sein, an der er seine erste Stelle als Dozent innehatte.

Susanne Zepp, Professorin für Romanistik an der Freien Universität Berlin, hat die Tagung konzipiert.

Frau Zepp, es war eine besondere historische Konstellation, als Claude Lanzmann 1949 seine Lektorenstelle an der damals neu gegründeten Freien Universität Berlin antrat: Ein 24-jähriger Jude aus Frankreich, der bereits als Schüler im französischen Widerstand aktiv gewesen war, diskutierte mit gleichaltrigen Deutschen, die ihrerseits Kriegserfahrungen – teilweise als Wehrmachtssoldaten – gemacht hatten, und dies in einem Villenvorort des völlig zerbombten Berlins. Wie kann man sich das vorstellen?

Im Archiv der Freien Universität finden sich die Bewerbungsunterlagen Lanzmanns, verschiedene Schriftstücke und natürlich die Vorlesungsverzeichnisse. Doch über die Atmosphäre jener Jahre vermitteln diese Dokumente letztlich wenig. Die genauesten Beschreibungen finden wir in seiner Autobiografie „Der patagonische Hase“, die 2009 erschien. Lanzmann hat die junge Freie Universität als Dozent miterlebt, und er hat gesehen, wie junge Deutsche versuchten, mit den Gegebenheiten umzugehen. Auf Wunsch der Studierenden bot er ein Seminar über Antisemitismus an.

Das war sicher ein in jeder Hinsicht gewagtes Unterfangen so kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Das Beeindruckende ist – und darauf legt Lanzmann in seiner Autobiografie großen Wert – dass die Initiative von den Studierenden ausging. Lanzmann schildert einen Dialog auf Augenhöhe, die Studierenden stellten Fragen, und er berichtete, was ihm und seiner Familie in Krieg und Résistance widerfahren war und was er über den Holocaust damals wusste. Das Seminar sei auch für ihn eine wichtige Erfahrung gewesen, so schreibt er. Im Zentrum des Seminars stand der Text Jean-Paul Sartres „Réflexions sur la question juive“ aus dem Jahr 1945, ein Text, der auch für Lanzmanns weiteres Schaffen ganz wesentlich war.

Er war dann sehr enttäuscht, dass er für dieses Seminar, diesen wichtigen Dialog mit den Studierenden, keine Unterstützung fand, weder von der französischen Kulturallianz, die ihn bezahlte, noch von der Freien Universität. Verboten hat das Seminar schließlich der Kommandant des französischen Sektors. Claude Lanzmann war verärgert und beschloss, sich mit journalistischen Mitteln zu wehren.

Die Romanistin Susanne Zepp konzipierte die Tagung über das Werk von Claude Lanzmann.
Die Romanistin Susanne Zepp konzipierte die Tagung über das Werk von Claude Lanzmann.Foto: A. Zwirner

Was störte Lanzmann?

Dass politische Fragen in seinem Unterricht keine Rolle spielen sollten, die Tendenz, unliebsame Fragen unter den Teppich kehren zu wollen. Im Text „Die Kinderkrankheiten der Freien Universität“, der in der Berliner Zeitung im sowjetischen Sektor der Stadt erschien, prangert Claude Lanzmann sowohl die unzureichende Ausbildung einiger Lehrender an der Freien Universität an als auch eine ausgebliebene Auseinandersetzung mit den Tätigkeiten mancher Kollegen vor 1945.

Dass Lanzmann den Vorwurf einer „innerhalb der Universität bestehenden Nazibürokratie“ und die Anwürfe gegen den damaligen Rektor Edwin Redslob auch in seiner Autobiografie wiederholte, hat bei deren Erscheinen Kritik ausgelöst.

Der Artikel in der Berliner Zeitung ist ein zorniger Text. Lanzmann waren Fragen diplomatischer Zurückhaltung als junger, ungestümer Mann völlig egal. Eigentlich war ihm die Freie Universität wohlgesonnen und man war dankbar für seine Anwesenheit, wie ein Brief aus der Rektoratsakte im Archiv auch deutlich zum Ausdruck bringt: Lanzmanns Art zu lehren, wird dort als herausragend gelobt; er wird als „Abgesandter des französischen Geistes“ bezeichnet.

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