Institut für Altorientalisitk : Die Wiege der Zivilisation

Das Institut für Altorientalisitk erforscht die erste Hochkultur der Menschheitsgeschichte.

Studiengang Altorientalistik: Die Auswertung einer 3.700 Jahre alten Keilschrifttafel am Computer.
Studiengang Altorientalistik: Die Auswertung einer 3.700 Jahre alten Keilschrifttafel am Computer.Foto: Jan-Peter Kasper

Die Menschheit heute ist vielleicht technisch weiter entwickelt als die Bewohner der alten Welt vor 3000 Jahren, aber nicht unbedingt fortschrittlicher. Das stellt man fest, wenn man mit Jörg Klinger spricht. Der Altertumswissenschaftler und Professor am Institut für Altorientalistik der Freien Universität betont, dass in Mesopotamien – dem Gebiet, mit dem er sich hauptsächlich beschäftigt – zum Teil eine viel größere Aufgeschlossenheit für multikulturelles Zusammenleben und Toleranz gegenüber Fremden herrschte als in der Gegenwart. „Mehrsprachigkeit war völlig normal. Keiner machte sich über ethnische Unterschiede oder Dialekte Gedanken. Eine Rassentheorie gab es ebenfalls nicht. Das alles sind Erfindungen des 19. Jahrhunderts.“

Das alte Mesopotamien, das sich über die heutige Türkei sowie über die Gebiete Irans, Iraks und Syriens erstreckte, wird häufig als Wiege der Menschheit bezeichnet. Das liegt nicht nur an der hochentwickelten Kultur, sondern auch an dem Grad der Schriftlichkeit. „Im Alten Orient wurde sehr viel geschrieben, nicht nur von einer kleinen Anzahl an Gelehrten – viel mehr etwa als in Europa zur Zeit des Mittelalters“, sagt Klinger. „Die Mesopotamier verfügten über die Keilschrift, die komplexer war als spätere Alphabetschriften. Die Menschen benutzten Ton, dessen Herstellung weniger Geld und Aufwand kostete als die Produktion von Papyrus und Pergament. Außerdem war das Material länger haltbar. Das waren große Vorteile gegenüber den Produktionsbedingungen im europäischen Mittelalter.“ Die Altorientalistik ist sowohl ein philologisches als auch ein kulturwissenschaftliches Fach. Dabei decken die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Ära vom 4. Jahrtausend v. Chr. bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. ab. Durch die starke Verbreitung der Schrift seien aus dieser Zeit nicht nur offizielle Dokumente erhalten, sondern zum Beispiel auch Tausende von Privatbriefen, sagt Klinger. „Wir haben Epen, religiöse Texte, wissenschaftliche Literatur, aber auch Alltagsaufzeichnungen, die einen unglaublichen Einblick in die Lebenswelt der Menschen geben.“

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts fokussieren sich besonders auf die jüngeren Epochen, also das 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. : Sie erforschen zum einen das Akkadische in seinen unterschiedlichen Dialekten, die Verkehrssprache des alten Mesopotamien. Zum anderen analysieren sie das Hethitische, die älteste überlieferte indoeuropäische Sprache. „Das Hethitische ist älter als das Lateinische, aus dem die romanischen Sprachen hervorgegangen sind, als das Griechische oder das Altindische, und seine Texte sind auch viel früher überliefert.“

Das Institut verfügt über zwei Professuren: Professorin Eva Cancik-Kirschbaum beschäftigt sich vor allem mit der mesopotamischen Überlieferung und editiert unter anderem mittelassyrische Texte. Die andere Professur hat Jörg Klinger inne, der vor allem das Hethitische erforscht und die Archive der Hethiterhauptstadt. „Dabei beschäftige ich mich mit Dokumenten, die in erster Linie von staatlichen Schreibern verfasst wurden. Es handelt sich insgesamt um 30 000 Texte, die in acht verschiedenen Sprachen geschrieben wurden.“ Derzeit stehen dabei vor allem die Vielzahl an hethitischen Ritualen im Vordergrund. Es geht um die Frage, wer zu welchem Zweck diese Texte verfasste, wie sie angewendet wurden und wie dieses Wissen sich zwischen den Kulturen des Alten Orients verbreitet hat und ausgetauscht wurde.

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