Institut für Turkologie : Zwischen Orient und Okzident

Am Institut für Turkologie untersucht man die wechselvolle Geschichte der Türkei.

Beeindruckend: die Suleymaniye-Moschee in Istanbul.
Beeindruckend: die Suleymaniye-Moschee in Istanbul.Foto: mbonaparte, iStockphoto

Die Türkei birgt viele Widersprüche: Einerseits ist es ein Land mit einer vielfältigen, von Byzantinischem Reich und Hellenismus geprägten Geschichte – ein Land, das unter der Regierung von Mustafa Kemal Atatürk auf laizistischen Kurs gebracht wurde, als Gegenentwurf zu religiös ausgerichteten Staaten. Dessen ungeachtet hat sich die Türkei in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend islamisiert.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Institut für Turkologie der Freien Universität Berlin beobachten diese Entwicklung genau. Ihr Schwerpunkt jedoch liegt in der Untersuchung der türkischen Sprachen, die sich über mehrere Jahrhunderte hinweg stark verändert haben: Die philologische Arbeit ist der Kernbereich der Einrichtung. Als eines der kleinsten Institute an der Freien Universität ist es zugleich eines der wichtigsten Zentren der Turkologie in Deutschland.

Professor Claus Schönig ist der Leiter des Instituts. Er untersucht die Sprachstufen der vorislamischen Zeit, aus denen sich moderne Sprachen wie das heutige Türkisch herauskristallisiert haben. „Interessant ist, dass die ersten Texte auf Türkisch in der heutigen Mongolei entdeckt wurden“, sagt Schönig. Das bedeute, dass die türkische Kultur nicht in Anatolien ihre Ursprünge hat, sondern in der Region der heutigen Mongolei. „Man muss wissen: Nicht die Menschen sind in erster Linie gewandert, sondern die Sprachen. So lässt sich die phänotypische Verschiedenheit der Sprecher erklären“, sagt der Turkologe.

Sprachen wie die sibirischen Türksprachen, das Tschagataische und alttürkische Dialekte sind auch auf andere Gruppen übergegangen und haben verschiedene Volksgruppen beeinflusst – auch slawische. Deshalb beschäftigen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts nicht nur mit Türkeitürkisch und Osmanisch. Sie erforschen auch die Sprachen des Wolga-Uralgebiets, Sibiriens, des Kaukasus und der Krim sowie Zentralasiens.

„Dieses Verständnis einer mehrschichtigen Kultur wird bedauerlicherweise von vielen Politikern gerade in der Türkei ignoriert“, sagt Professor Schönig. Der Sprachwissenschaftler, der 1995 habilitiert wurde und zeitweise das Orient-Institut in Istanbul leitete, beobachtet das mit Sorge. An seinem Institut möchte er in vergleichenden Studien zeigen, dass die Türkei vielschichtig ist. „Viele Türken wissen nicht, dass ihre Vorfahren teilweise Griechisch sprachen und anderen Religionen angehörten“, betont Schönig. Dieses Unwissen werde auch durch die Regierung Recep Tayyip Erdogans verfestigt. Sie gebe unter anderem vor, das Türkentum und der Islam seien in einer natürlichen Art und Weise miteinander verbunden.

Das 1991 gegründete Institut will auch ein Gegengewicht gegen solche politisch motivierten Verirrungen bilden. Die Forschungsstätte soll für deutsche und internationale Wissenschaftler ein Ort sein, an dem man sich mit Sprachen und Kulturen der Türken jenseits von Dogmen und politischen Einflüssen auseinandersetzen kann. „Diese Möglichkeiten werden in der Türkei und den anderen Türk-Republiken immer seltener“, bedauert Schönig. Deshalb sei die Förderung des Instituts nicht nur für die deutsche, sondern auch für die internationale Turkologie von größter Wichtigkeit.

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