"Islam ein Teil von Deutschland" : Keine einfachen Antworten

Angesichts der Terroranschläge von Paris und der Pegida-Kundgebungen fordern Wissenschaftler der Freien Universität Berlin mehr Reflexion im Umgang mit dem Islam.

Nora Lessing
Vorbeischauen statt Vorbehalte nähren: Zum Tag der Deutschen Einheit öffnen jedes Jahr Moscheen in ganz Deutschland ihre Türen für nicht-muslimische Besucher, wie hier die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Berlin-Neukölln. Das Datum wurde nach Angaben des Zentralrats der Muslime in Deutschland bewusst gewählt, um die Verbundenheit der Muslime mit der Gesamtbevölkerung zum Ausdruck bringen.
Vorbeischauen statt Vorbehalte nähren: Zum Tag der Deutschen Einheit öffnen jedes Jahr Moscheen in ganz Deutschland ihre Türen für...Foto: dpa

Dass der Islam ein Teil von Deutschland sei, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel unlängst einmal mehr betont. Dennoch sprechen die Demonstrationen der Bewegung „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) und deren viel beschworene Angst vor dem Islam eine andere Sprache. Spätestens nach den Terroranschlägen auf die Satirezeitung Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt in Paris fokussiert sich die mediale Aufmerksamkeit auf den Islam und die in Deutschland und Europa lebenden Muslime – und das nicht immer in konstruktiver Weise.

„Das Bild vom angeblich bedrohlichen Islam wird in der Gesellschaft ständig reproduziert“, sagt Professorin Schirin Amir-Moazami vom Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität. Die Sozialwissenschaftlerin beschäftigt sich seit Jahren unter anderem mit islamischen Bewegungen in Europa. Dass in der öffentlichen Debatte immer wieder Muslime pauschal mit potenziellen Attentätern und Islam mit Terrorismus in Verbindung gebracht würden, findet Amir-Moazami bedenklich. „Es steht außer Frage, dass sich die Attentäter von Paris auf den Islam berufen haben. Dennoch gibt es keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Terrorismus und islamischer Religion.“

Ähnlich wie das Christentum kennt der Islam viele unterschiedliche Strömungen, weshalb kaum von einem einheitlichen Religionssystem gesprochen werden kann. „Innerhalb jeder Gesellschaft finden sich viele, teilweise sehr unterschiedliche Ausprägungen, die immer an historisch bedingte soziale, politische, kulturelle und ökonomische Voraussetzungen geknüpft sind. Insofern gibt es keinen unveränderlichen Islam, sondern immer nur einzelne Menschen oder auch Bewegungen, die ihn auslegen und leben“, sagt Schirin Amir-Moazami und führt ein Beispiel an: So sollen die Attentäter vom 11. September 2001 etwa vor dem Anschlag auf das World Trade Center noch einen Whiskey getrunken haben, obgleich der Koran nicht nur das Töten untersage, sondern auch den Alkoholkonsum. „Man weiß im Einzelnen einfach nicht, welche Versionen der Quellenauslegung und Glaubenspraxis für diese Menschen Gültigkeit haben“, sagt Schirin Amir-Moazami.

Viel zu oft würden Muslime dennoch nicht als Individuen wahrgenommen. „Nach allen bisherigen Anschlägen gab es eine Art Reflex, Muslimen abzuverlangen, sich von islamistischen Terroranschlägen zu distanzieren“, sagt die Sozialwissenschaftlerin. Dies werde jedoch der Heterogenität der Islamauslegungen nicht gerecht und deute auf Ressentiments sowie ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Islam als solchem hin.

Dass viele Menschen hierzulande dem Islam skeptisch gegenüberstehen, zeigen auch die Ergebnisse einer Anfang dieses Jahres veröffentlichten Studie der Bertelsmann Stiftung. Laut einer Sonderauswertung des Religionsmonitors, einer bereits zum zweiten Mal durchgeführten Studie, bei der in 13 Ländern insgesamt 14 000 Menschen zu ihren persönlichen religiösen Einstellungen und zum Verhältnis von Religion und Gesellschaft befragt wurden, gaben 61 Prozent der befragten Deutschen an, der Islam passe nicht in die westliche Welt. Rund ein Viertel wollte gar Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland verbieten. Ähnlich wie in einer Untersuchung der Technischen Universität Dresden zu Teilnehmern der Pegida-Demonstrationen wird auch hier deutlich, dass Vorbehalte gegenüber Muslimen durch alle Gesellschaftsschichten hindurch bestehen. „Bei Pegida und anderen populistischen Bewegungen zeigt sich die Annahme, es gebe eine einheitliche, europäische Kultur, der ein einheitlicher, nicht-europäischer Islam gegenüberstehe“, sagt Amir-Moazami.

In der Forderung, die „Islamisierung des Abendlandes“ zu unterbinden, werde unter anderem deutlich, dass weite Teile der Gesellschaft in Deutschland Muslime nach wie vor als eine Art Fremdköper betrachteten, der als unvereinbar mit der europäischen Lebensweise und mit deren Werten begriffen werde, erläutert die Wissenschaftlerin. Im Kontrast dazu schrieben die Autoren des Religionsmonitors, dass sich die deutschen Muslime entgegen aller Vorurteile durchaus an Werten wie Demokratie und Pluralität orientieren. Ursachen für die negative Wahrnehmung von Muslimen sieht Amir-Moazami unter anderem im Festhalten an Stereotypen und einer zum Teil einseitigen Berichterstattung. So würde etwa dem salafistischen Extremisten Pierre Vogel in den Medien immer wieder ein Forum geboten. „Die sogenannte friedliche Mehrheit der Muslime hat in der öffentlichen Diskussion kaum eine Stimme“, stellt Schirin Amir-Moazami fest.

Roman Peperhove, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsforum Öffentliche Sicherheit der Freien Universität, sieht die Vorbehalte der Pegida-Bewegung und die Debatte um den Islam in Bezug auf islamistischen Terrorismus ebenfalls kritisch. „Die argumentative Vermischung von Islam, Migration und Terrorismus, der man derzeit immer wieder begegnet, führt nicht weiter“, sagt Peperhove. Zudem gibt es nach Ansicht des Sicherheitsforschers in der Bevölkerung im Hinblick auf islamistisch motivierte Terroranschläge eine große Diskrepanz zwischen empfundener und tatsächlicher Bedrohungslage. Diese Debatten würden sehr emotional geführt.

„Während sich Rechts- und Linksextremismus weiter auf einem hohen Gewaltniveau befinden, sind islamistisch motivierte Gewalttaten in Deutschland bisher die Ausnahme“, betont Peperhove. Die Angst vor dem Terror führe jedoch zur gesellschaftlichen Stigmatisierung und Ausgrenzung von Muslimen und Migranten im Allgemeinen. Neben der Angst vor Terroranschlägen habe auch die Angst vor Überfremdung durch Migration weniger mit tatsächlichen gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun. Vielmehr seien als Ursache allgemeine soziale Ängste zu vermuten, die auf Migranten projiziert würden, argumentiert Peperhove: „Das zeigt sich unter anderem daran, dass Pegida in Städten mit hohem Migrantenanteil bislang wenig erfolgreich ist.“

„Pegida ist das öffentliche Gesicht eines durchaus weitreichenderen Diskursgemenges“, meint Schirin Amir-Moazami. „Man sollte Pegida nicht als ein Randphänomen abtun, sondern grundlegend fragen, was mit Begriffen wie Islamisierung, Abendland oder christlich-jüdischem Erbe gegenwärtig genau gemeint ist“, sagt die Sozialwissenschaftlerin. Die Gegenwart sei derzeit schwer zu lesen, weil sehr komplexe Dynamiken gleichzeitig abliefen. „Man muss die aktuellen Entwicklungen kritisch reflektieren“, sagt Amir-Moazami. „Das Bedürfnis nach einfachen Antworten ist jedenfalls weder leicht zu befriedigen noch sind viele der Fragen zielführend, die gegenwärtig gestellt werden.“

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