Konfliktforschung : Lösungen suchen, Frieden schaffen

In den politisch fragilen Republiken des Nordkaukasus haben Wissenschaftler der Freien Universität ein umfassendes Lehrprojekt zur Konfliktforschung ins Leben gerufen.

Jonas Huggins
Im Gespräch über den Frieden: Jan Koehler (rechts) spricht mit Kanybek Abduvasitovich Isakov, dem Rektor der Staatlichen Universität Osch in Süd-Kirgistan, über ethnische Spannungen in der Region.
Im Gespräch über den Frieden: Jan Koehler (rechts) spricht mit Kanybek Abduvasitovich Isakov, dem Rektor der Staatlichen...Foto: Jan Koehler

Im Norden des Kaukasus-Gebirges, zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer, ist es nicht leicht mit der Geografie. Georgien grenzt dort an südrussische Republiken mit komplizierten Namen. Dazwischen liegen autonome Gebiete wie Abchasien, Süd-Ossetien und Adscharien, Überbleibsel komplexer Konflikte nach dem Ende der Sowjetunion. Ihr internationaler Status ist oft umstritten, die Sicherheitslage in der Region instabil. Konfliktforscherinnen und -forscher finden hier viel zu tun. Dafür, dass sie möglichst aus der Region selbst kommen und die Konfliktforschung an den dortigen Universitäten angesiedelt wird, setzen sich Jan Koehler und Michael Daxner ein.

Der promovierte Ethnologe und der emeritierte Professor der Soziologie und Hochschuldidaktik haben in Naltschik, der Hauptstadt der südrussischen Republik Kabardino-Balkarien, einen Masterstudiengang und eine Graduiertenschule eingerichtet. Die Berliner Wissenschaftler, die an der Freien Universität unter anderem zu Konflikten in Afghanistan forschen, hoffen auf neue Erkenntnisse – und wollen durch ihr Engagement das Denken in Verschwörungstheorien bekämpfen. Die Idee, im Nordkaukasus Konfliktforschung zu unterrichten, war entstanden, als Koehler und Daxner vor mehr als zehn Jahren vor Ort die Folgen des Zerfalls der Sowjetunion untersucht hatten. „Wir hatten so viel Wissen aus der Region herausgesaugt“, erzählt Jan Koehler, „da haben wir uns gefragt: Wie können wir etwas davon zurückgeben?“

Das Ziel ist, an Konflikte unvoreingenommen heranzugehen

Institution Centered Conflict Studies ist der nüchterne Titel des Programms, das bereits zweimal Fördermittel der renommierten Volkswagenstiftung erhalten hat. Jan Koehler und Michael Daxner haben an verschiedenen Universitäten in Russland, Georgien und Kirgistan vier Lehrmodule zur Konfliktforschung etabliert: Studierende lernen zu analysieren, welche Akteure beteiligt sind, wie Institutionen wirken, welche Rolle verschiedene Ressourcen spielen und welchen Einfluss Geschichte und Geografie auf Konflikte haben. Das Ziel ist, an Konflikte möglichst unvoreingenommen heranzugehen.

Besonders wichtig ist den Wissenschaftlern, dass die Studierenden selbst auch forschen. Dabei werden die großen globalen Konflikte zunächst ausgelassen: Man fängt im Kleinen an. Für ein typisches Lehrforschungsprojekt, so Jan Koehler, reisen Studierende beispielsweise ins kaukasische Hochland, um einen vermeintlich unauffälligen Weidekonflikt zu untersuchen, der sich aber schon seit einigen Jahren hinzieht. Dort könnten Studierende beobachten, wer vor Ort Einfluss hat, ob Verbindungen zur Hauptstadt bestehen, und ob es für die Beilegung des Konfliktes offizielle Regeln gibt. „Anhand lokaler Konflikte, die zunächst banal wirken, lässt sich fast die gesamte Gesellschaft aufdröseln“, sagt Jan Koehler. „Man lernt eine Menge darüber, wie Macht funktioniert und beschränkt wird.“

Die erlernten Methoden gleich praktisch anzuwenden, ist nicht nur für Studierende in der Region neu: „Wir leisten hier hochschuldidaktische Pionierarbeit“, sagt Michael Daxner. Diese Herangehensweise sei gerade in der Postsowjetunion wichtig, denn dort sei empirische Sozialwissenschaft vernachlässigt worden. „Die Professoren selbst haben in aller Regel nie empirisch gearbeitet und mussten das erst lernen“, sagt Jan Koehler.

Die Studierenden von heute sind die Entscheidungsträger von morgen

Vielerorts sind die Module nun fester Bestandteil der bestehenden Studiengänge. An der Universität in Naltschik sind sogar ein Masterstudiengang und eine Graduiertenschule nach deutschem Vorbild entstanden. Vor dem Hintergrund der unsicheren politischen Lage sei die Kooperation mit der Freien Universität einzigartig, sagt Jan Koehler. Und nur, weil sie auf akademischer Ebene stattfinde, gebe es keinen Widerstand aus der Politik. Doch die Angst vor westlicher Einflussnahme sei groß. „Zum Glück sind wir keine Nichtregierungsorganisation“, sagt Jan Koehler, denn dann wäre ihre Arbeit bestimmt nicht möglich.

Jan Koehler und Michael Daxner wünschen sich, dass die Universitäten im Nordkaukasus über die Ländergrenzen hinweg ein Netzwerk bilden. Durch die Finanzierung von mehr als 20 Stipendien ermöglichen sie Postdoktoranden, Doktoranden und Master-Studierenden, im Team zu Themen wie Identität, Entwicklung und Governance zu forschen. Bis zu vier Master-Studierende können darüber hinaus einen Abschluss an der Universität Marburg erwerben; dort wird ein englischsprachiger Master in Konfliktstudien angeboten.

Wissenschaftler dort ausbilden, wo Konflikte schwelen: Michael Daxner und Jan Koehler hoffen einerseits, dadurch den Forschungsstand über die Region verbessern zu können. Hinter dem Projekt steht aber auch die Überzeugung, dass ein besseres Konfliktverständnis Frieden fördern kann. „Selbst unter Regierungsbeamten und Politikern ist die Vorstellung weit verbreitet, dass gesellschaftliche und politische Streits irgendwie stets von Geheimdiensten gesteuert werden“, sagt Jan Koehler. Die Studierenden würden ein differenzierteres Bild erhalten. „Hinter einem Weidekonflikt stehen eben nicht die USA“, sagt Michael Daxner. Weil die Studierenden von heute die Entscheidungsträger von morgen seien, könne das auf lange Sicht förderlich für ein friedliches Miteinander sein.

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