Meteorologie : Überwiegend heiter, teils stürmisch

Die „Berliner Wetterkarte“ wird 65 Jahre alt. Sie ist die einzige tägliche Wetterzeitung der Welt.

Stefanie Hardick
Freie Sicht: Petra Gebauer, Julia Sieland und Gregor Pittke beobachten an der Wetterstation Berlin-Dahlem der FU die Wetterentwicklung.
Freie Sicht: Petra Gebauer, Julia Sieland und Gregor Pittke beobachten an der Wetterstation Berlin-Dahlem der FU die...Foto: Michael Fahrig

Keine Wolke trübt den Himmel am 7. Juli 1957. Die Berliner genießen bei 35 Grad den heißesten Sonntag seit Jahren. Niemand ahnt, dass der Tag ein dramatisches Ende nehmen wird. In einer Villa in Dahlem sitzen die Meteorologinnen und Meteorologen der Freien Universität vor ihrer neuesten Anschaffung: Das teure Radargerät läuft noch im Probebetrieb, zeigt aber bereits am späten Nachmittag das Herannahen einer schweren Gewitterfront. Mit den herkömmlichen Wettermeldungen allein hätten die Wissenschaftler die Gefahr nicht erkannt.

Am frühen Abend geben sie erstmals eine Unwetterwarnung an die Wasserschutzpolizei, über den Telefonwetterbericht und die Radiosender heraus. Um halb acht zeigt sich plötzlich im Südsüdwesten eine „ungeheuerliche Wolkenwand, gekrönt von drei übereinandergeschichteten Cirrus-Galerien“, erinnert sich Günter Warnecke, emeritierter Meteorologie-Professor der Freien Universität, in der meteorologischen Zeitung „Berliner Wetterkarte“. Eine Bö der Windstärke 11 weht urplötzlich durch die Dahlemer Podbielskiallee, eine haushohe Staubwolke erhebt sich, „und die gesamte Stadt verfinstert sich binnen Minuten wie zur Nacht“.

Die Warnung erreichte die BEWAG, die das Radargerät mitfinanziert hatte, noch früh genug: Das Berliner Stromversorgungsunternehmen fuhr ein weiteres Kraftwerk hoch und verhinderte so einen Zusammenbruch des West-Berliner Stromnetzes. Das Gewitter brachte in Frohnau 20 Liter Niederschlag pro Quadratmeter in nur 20 Minuten, in Rudow vernichtete Hagel einen Teil der Ernte, Bäume wurden entwurzelt, Dächer abgedeckt, es gab 13 Verletzte, zwei Tote. Doch die rechtzeitige Warnung durch das Radargerät hatte geholfen, noch Schlimmeres zu verhindern.

Rund 500 Abonnentinnen und Abonnenten hat die Zeitung

Die „Berliner Wetterkarte“ dokumentiert solche schweren Gewitterfronten ebenso wie meteorologisch ruhige Wetterlagen. Sie ist weltweit die einzige täglich erscheinende Wetterzeitung – seit 65 Jahren. Am 31. Oktober 1952 gab das Institut für Meteorologie der Freien Universität die erste Ausgabe heraus. Seit 1998 übernimmt der gemeinnützige Verein Berliner Wetterkarte diese Aufgabe und unterstützt damit Wissenschaft und Bildung. Die Redaktion sitzt mittlerweile im sechsten Stock des Wetterturms auf dem Steglitzer Fichtenberg.

Tagein, tagaus arbeiten dort Vereinsmitglieder und Studierende vor zwei Computern und einer Reihe Wetterkarten, auf denen die Daten der Wetterstationen in Europa eingetragen sind. Sorgfältig verbinden sie die Meldungen mit Linien, zeichnen Hochdruckgebiete oder Kaltfronten in die Karten ein. Dann übertragen sie diese in Computergrafiken, stellen in Kooperation mit dem Deutschen Wetterdienst Daten der deutschen und speziell der Berliner Wetterstationen aus dem Stadtmessnetz der Freien Universität zusammen, schreiben erklärende Texte und senden am frühen Nachmittag eine neue achtseitige Ausgabe der „Berliner Wetterkarte“ an die Druckerei und in die Welt hinaus.

Rund 500 Abonnentinnen und Abonnenten hat die Zeitung. Knapp die Hälfte erhält die gedruckte Fassung per Post – obwohl auch eine Onlineausgabe erscheint. „Unser ältester Abonnent ist 95 Jahre alt. Er liest die Wetterkarte jeden Tag mit einer großen Lupe in seiner Hamburger ,Wetterküche’“, erzählt Petra Gebauer, Vorsitzende des Vereins Berliner Wetterkarte. „Aber auch Versicherungen archivieren die Druckausgabe, um sie bei wetterbedingten Schadensfällen als Referenz heranziehen zu können.“ Zehn Regalmeter nehmen die gesammelten Ausgaben mittlerweile ein. Hinzu kommen diverse Satellitenbilder, die seit 1966, anfangs noch auf Kunstdruckpapier, täglich der Zeitung beigelegt werden – damals weltweit zum ersten Mal.

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