Nachhaltig lernen, arbeiten, forschen : Studieren mit Blick auf morgen

In Lehre, Forschung und Verwaltung: Die Freie Universität Berlin verankert Nachhaltigkeit in ihrem Profil.

Verena Blindow
So sieht das nachhaltige Studium aus der Sicht von Sophia Halamoda aus.
So sieht das nachhaltige Studium aus der Sicht von Sophia Halamoda aus.Illustration: Sophia Halamoda

Heute so handeln, dass die Welt von morgen noch lebenswert ist – das setzt Wissen, Können und Verantwortungsbewusstsein voraus. Bei derzeitigen und künftigen Generationen. Die Freie Universität Berlin möchte das Thema Nachhaltigkeit deshalb als Leitbegriff in ihrem Profil verankern. Nachhaltig lernen, arbeiten, forschen und lehren heißt das Ziel. Und die Hochschule hat sich schon auf den Weg gemacht. In einem Schwerpunkt dieser Beilage zeigen wir, was die Freie Universität bereits Nachhaltiges leistet und wie die Universität von morgen aussehen könnte.

Mit dem Fahrrad zur Uni fahren und es auch gleich in der hochschuleigenen Fahrradwerkstatt durchchecken lassen. Porzellan- statt Plastikgeschirr. Frisch belegte Brötchen und Salate mit Zutaten aus eigenem Anbau. Hochbeete in den Innenhöfen. Seminare über „Nachhaltigkeitsmanagement und -kommunikation“. Virtuelle Vorlesungen. Eine hochschuleigene Energieversorgung durch Sonne und Windkraft. So oder ähnlich könnte die nachhaltige Universität der Zukunft aussehen.

Was sich wie ein Wunschtraum anhört, ist an der Freien Universität Berlin teilweise schon Realität: Porzellanbecher werden angeboten, um unnötigen Müll zu vermeiden; in den Mensen gibt es zwar noch kein Gemüse aus eigenem Anbau, dafür aber Bio-Alternativen; und schon jetzt produzieren Bienen Honig auf den Uni-Dächern. Verschiedene Initiativen widmen sich der Nachhaltigkeit – ob mit selbst angelegten Beeten im Botanischen Garten oder einer Blumenpflanzaktion neben der Vegetarischen Mensa. Durch kluges Management hat die Universität ihren Energieverbrauch in gut zehn Jahren um ein Viertel gesenkt.

Wann ist eine Hochschule nachhaltig?

„Nachhaltigkeit an Hochschulen ist ein komplexes Thema“, sagt Professor Gerhard de Haan. Der Wissenschaftler leitet das Institut Futur am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität. Als Mitglied des Rates für Nachhaltige Entwicklung berät er zudem die Bundesregierung in Fragen zum Weltaktionsprogramm der Vereinten Nationen „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, speziell im Hochschulkontext. Bildung sei „ein Katalysator für die Sicherung einer besseren und nachhaltigeren Zukunft für alle“, heißt es in der „Roadmap“, die die Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur der Vereinten Nationen (UNESCO) kürzlich dazu herausgegeben hat.

So würden Lernende befähigt, „informierte Entscheidungen zu treffen und verantwortungsbewusst zum Schutz der Umwelt, für eine bestandsfähige Wirtschaft und einer gerechten Gesellschaft für aktuelle und zukünftige Generationen zu handeln und dabei die kulturelle Vielfalt zu respektieren“. Das auf fünf Jahre ausgelegte Programm setzt die UN-Dekade fort, die 2005 begann und 2014 endete.

Erziehungswissenschaftler de Haan nennt vier Bereiche, an denen man ansetzen muss, wenn eine Hochschule als nachhaltig gelten will: „Die Organisationsstruktur, die Lehre, die Forschung und nicht zuletzt die Verankerung der Hochschule in der Region.“ Was die Organisationsstruktur angeht, also etwa den bewussten Einsatz von Ressourcen, Energiesparmaßnahmen oder das Essen in der Mensa, habe sich an der Freien Universität bereits einiges getan, sagt de Haan. Schwieriger sei es, nachhaltige Konzepte in den drei übrigen Bereichen umzusetzen, in der Lehre, in der Forschung und im regionalen Dialog.

MOOCs und die Zukunft der Lehre

Doch wie könnte die Lehre in 20 Jahren aussehen? Finden Vorlesungen noch in herkömmlichen Hörsälen statt oder nur online? Die sogenannten MOOCs (Massive Open Online Courses) – Online-Lehrveranstaltungen, die jedem frei zur Verfügung stehen – sollten Präsenzveranstaltungen nicht ersetzen, aber sie könnten sie gut ergänzen, sagt de Haan. „Das Thema Nachhaltigkeit in bestehende Lehrveranstaltungen zu integrieren, ist durch die vorgegebenen Studienverlaufspläne in Bachelor und Master recht schwierig“, sagt er.

MOOCs böten die Möglichkeit, nachhaltige Lehre „kostengünstig und ohne großen Aufwand an mehreren Hochschulen gleichzeitig“ zu etablieren. Schon seit 2011 stelle die Virtuelle Akademie Nachhaltigkeit der Universität Bremen eine Plattform für genau diese Art des Lehrangebots bereit: Lehrveranstaltungen zum Thema Nachhaltigkeit würden gefilmt und online für Studierende deutschsprachiger Hochschulen zur Verfügung gestellt. Zahlreiche Hochschulen, darunter auch die Freie Universität Berlin, beteiligen sich bereits an der Plattform, die die Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert.

Besonders wünscht sich Gerhard de Haan, dass alle Studierenden das Thema Nachhaltigkeit während des Studiums behandeln – ganz gleich, in welchem Fach sie eingeschrieben seien. „Nur nachhaltige Entwicklungen sind zukunftsfähig“, sagt er. Insofern sei Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema auch für die universitäre Lehre.

Für die Universitäten werde es immer wichtiger, sich in der Sache zu positionieren, sagt der Zukunftsforscher, auch um attraktiv für Schulabsolventen zu sein: „Studienbewerber fragen heutzutage, unter welchen Bedingungen sie an einer Hochschule studieren und welche gesellschaftliche Verantwortung die Einrichtung übernimmt. Das Ethos einer Universität ist den Studierenden von morgen alles andere als gleichgültig.“

Hand in Hand mit Kommunen und Unternehmen arbeiten

Ein wichtiger Impuls für nachhaltige Lehre könnte in Zukunft aus der Forschung kommen. Schon jetzt unterstützen die Europäische Union und das Bundesbildungsministerium Forschungsideen zum Thema Nachhaltigkeit, etwa mit dem großen Rahmenprogramm FONA (Forschung für Nachhaltige Entwicklung). Das Umdenken finde schon seit Längerem statt, sagt Gerhard de Haan, vor allem in Forschung, die sich mit neuen Technologien beschäftige. „Noch vor 30 Jahren waren sogenannte End-of-Pipe-Lösungen aktuell, also Antworten auf die Frage, wie vom Menschen verursachte Umweltprobleme wieder beseitigt werden können – beispielsweise Industrieabfälle“, sagt de Haan. Inzwischen werde versucht, solche Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen.

Forschungsthemen findet die Universität der Zukunft auch direkt vor ihrer Haustür: So könnten Hochschulen eng mit Akteuren im lokalen Umfeld zusammenarbeiten und gemeinsam bürgernah Forschungsprojekte umsetzen, etwa in sogenannten Reallaboren, die sich konkreter Probleme in der unmittelbaren Umgebung der Universität annähmen, sagt de Haan: „Wissenschaftler und Studierende arbeiten hier mit der Kommune und mit Unternehmen der Region zusammen.“

Als Beispiel nennt der Zukunftsforscher ein gemeinsames Reallabor der Universität Freiburg und der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg, das die Einrichtung des ersten Nationalparks im baden-württembergischen Schwarzwald begleitet. Die Forscher wollen untersuchen, wie sich der Nationalpark auf die ökologische, soziale und ökonomische Entwicklung des Nordschwarzwalds auswirkt.

Die Universität der Zukunft nachhaltig zu gestalten, ist also ein Allround-Projekt. Porzellantassen, Campus-Fahrräder und Solarenergie vom Dach sind dabei nur drei von vielen Bausteinen.

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