Schulpädagogik : Wenn Schüler keine Lust auf Unterricht haben

Das Videoportal „Focus“ soll angehende Lehrkräfte auf komplexe Situationen in der Klasse vorbereiten. Bei der Langen Nacht der Wissenschaften an der Freien Universität wird es vorgestellt.

Manuel Krane
Fokussiert: Für das Videoportal wurden Unterrichtssituationen an Berliner Schulen gefilmt.
Fokussiert: Für das Videoportal wurden Unterrichtssituationen an Berliner Schulen gefilmt.Foto: istock/thelinke

Tanja hat keine Lust auf Mathe. Obwohl ihre Lehrerin mit dem Unterricht beginnen möchte, läuft die Schülerin durch den Raum und bewirft Mitschüler mit Papierkügelchen. Als die Lehrerin sie zur Rede stellt, fühlt Tanja sich ungerecht behandelt: Auch andere Schüler hätten den Unterricht gestört. Aber immer sei sie die Unruhestifterin. „Sie machen langweiligen Unterricht!“, wirft sie der Lehrerin vor. Die Antwort kommt prompt: „Ja, Schminktipps kann ich dir keine geben“, giftet die Lehrerin zurück. Da wird es Tanja zu viel, sie verlässt demonstrativ den Klassenraum.

Was die Studierenden der Freien Universität hier als Szene im Videoportal „Focus“ sehen, ist der Albtraum eines jeden angehenden Lehrers: der Kontrollverlust über den eigenen Unterricht. Oft wird kritisiert, dass Lehramtsstudierende an der Universität zwar umfangreich mit Fachwissen ausgestattet, aber auf Situationen wie diese nicht vorbereitet werden. Dabei ist die Erprobung solcher Szenen im Uni-Seminar kaum möglich. „Als Trockenschwimm-Übung lässt sich so etwas nur schwer realisieren, denn man muss die gesamte Situation in den Blick nehmen“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Professorin Felicitas Thiel vom Arbeitsbereich Schulpädagogik und Schulentwicklungsforschung der Freien Universität Berlin. Gemeinsam mit Fachdidaktikern und Grundschulpädagogen hat sie im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung im Rahmen des Projektes „k2teach“ („Know how to teach“) das Videoportal „Focus“ entwickelt. Es soll angehende Lehrerinnen und Lehrer auf komplexe Unterrichtssituationen vorbereiten, die sich über Vorlesungen und Seminare nur eingeschränkt vermitteln lassen. Das Portal wird derzeit erprobt und soll im Laufe des Jahres freigeschaltet werden.

Gestik, Mimik und die Position im Raum werden analysiert

Für das Portal haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Unterricht an Berliner Schulen gefilmt und einzelne Szenen herausgearbeitet und didaktisch aufbereitet. „Dadurch lässt sich die professionelle Wahrnehmung von Unterrichtssituationen trainieren“, sagt Thiel. Dabei geht es um mehr als nur den Dialog zwischen Schüler und Lehrer. Gestik und Mimik spielen ebenso eine Rolle wie die Position der Lehrkraft im Raum.

Bevor die ersten Unterrichtsstunden aufgezeichnet werden konnten, wurde festlegt, wie Unterrichtssituationen gefilmt werden müssen, damit sie für Studienzwecke brauchbar sind. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang etwa, wie viele Kameras wo im Raum platziert werden und wie das Bildmaterial geschnitten wird. Um die fertigen Videos in der Lehrkräftebildung einsetzen zu können, wurden Szenen ausgewählt, anhand derer sich klassische Unterrichtsprobleme erklären lassen. Im Politikunterricht geht es etwa darum, wie Schüler angeregt werden können, sich eine Meinung zu bilden und diese zu vertreten, damit eine lebhafte Diskussion entstehen kann.

Die Videos ermöglichen einen neuen Blick auf Unterrichtssituationen, da aus mehreren Perspektiven gefilmt wurde. So nimmt der Zuschauer etwa mal die Schüler-, mal die Lehrerperspektive ein. „So nimmt man die Unterrichtssituation ganz anders wahr und wird sensibel für Probleme, die man vorher nicht auf dem Schirm hatte“, sagt Erziehungswissenschaftlerin Thiel.

Gruppendiskussionen anregen und Lösungen aufzeigen

Im „Focus“-Videoportal sind reale Unterrichtssituationen aus den Bereichen Inklusion in der Grundschule, Politikdidaktik und Biologiedidaktik zu sehen. Die Filme zum Thema Unterrichtsstörung basieren auf realen Situationen, wurden jedoch als sogenannte Staged Videos auf wissenschaftlicher Basis aufwendig nachgestellt, vor allem wegen des Datenschutzes. „Wer lässt sich schon gerne in einer Situation filmen, die ihm völlig entgleitet“, sagt Thiel.

Die Szene zwischen Tanja und der Lehrerin hat es also tatsächlich gegeben – nur mit anderen Personen und an einem anderen Ort. Für die Studierenden ist das unerheblich. Für sie kommt es darauf an, zu analysieren, an welcher Stelle Tanjas Lehrerin die Kontrolle über die Situation verliert. Dafür hält das Videoportal Übungen bereit, es sollen Gruppendiskussionen angeregt und schließlich Lösungen aufgezeigt werden – damit es die angehenden Lehrer später in ihrem eigenen Unterricht besser machen.

Bei der Langen Nacht der Wissenschaften informieren die Macher des Videoportals „Focus“ über den Stand der Entwicklungen. Außerdem werden weitere Einblicke in das Projekt „k2teach“ gegeben. (17 bis 23 Uhr, Habelschwerdter Allee 45, Silberlaube, Flur vor L 24, alle Busrouten).

0 Kommentare

Neuester Kommentar