Uni fördert Firmengründungen : Nährboden für Innovationen

Die Freie Universität Berlin unterstützt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tatkräftig bei der Gründung eigener Firmen – eine Serie stellt die besten Ideen vor.

Marion Kuka
Gutes Klima für Unternehmer: An der Freien Universität werden Studierende, Wissenschaftler und Mitarbeiter auf dem Weg zur eigenen Firma unterstützt. Masterstudent Leonhard Urner (vorne) und Chemieprofessor Rainer Haag regen beispielsweise mit dem Kurs „Trans Pro Idee“ zum Gründen an.
Gutes Klima für Unternehmer: An der Freien Universität werden Studierende, Wissenschaftler und Mitarbeiter auf dem Weg zur eigenen...Foto: Annika Middeldorf

Manuela Murgueitio steht hinter einem quadratmetergroßen Pappscheck und strahlt in die Kamera. Gemeinsam mit Pharmazie-Professor Gerhard Wolber hat die promovierte Biotechnologin soeben 3.000 Euro Preisgeld für den ersten Platz im Ideenwettbewerb Research to Market Challenge erhalten. Den Wettbewerb hat profund, die Gründungsförderung der Freien Universität, ins Leben gerufen, um Ideen aus der Forschung aufzuspüren, die Marktpotenzial haben und aus denen Produkte und Dienstleistungen werden könnten. Hinzu kommt, dass längst nicht alle jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Dauer an der Hochschule eine Stelle finden werden. Auch deshalb unterstützt die Universität Studierende, Absolventen und Mitarbeiter dabei, aus der Hochschule heraus ihr eigener Chef zu werden.

Mithilfe der Gründungsförderung sind seit 2006 rund 115 Firmen entstanden. Es gebe aber weit mehr Potenzial, sagt Steffen Terberl, Teamleiter für Wissens- und Technologietransfer, besonders in den Branchen Informations- und Kommunikationstechnologie, Medien und Kreativwirtschaft sowie Gesundheitswirtschaft. Deshalb hat sein Team nun schon zum zweiten Mal den Ideenwettbewerb veranstaltet. Für Biotechnologin Manuela Murgueitio war diese Ausschreibung Anlass, über Anwendungsmöglichkeiten ihrer Forschung nachzudenken. Ihr war aufgefallen, wie wichtig gesundheitsfördernde Eigenschaften von Nahrungsmitteln inzwischen für viele Firmen sind. Doch in welchen Nahrungsmitteln stecken Stoffe mit nachgewiesenermaßen positiven Eigenschaften? Das will Murgueitio mit einer Technik herausfinden, die bereits im Labor ihrer Arbeitsgruppe genutzt wird, um pharmazeutische Wirkstoffe zu identifizieren. Die neue Software soll Unternehmen ermöglichen, wirksame Inhaltsstoffe für Lebensmittel schnell zu erkennen und Risiken für deren Anwendung, wie etwa unerwünschte biologische Effekte auf den Körper, abzuschätzen.

Mittelfristig will das Team einen Nischenmarkt mit finanzkräftigen Konzernen und deren Zulieferern erreichen, in der ersten Phase wollen die Forscher aber auch gemeinsam mit kleineren Unternehmen und Start-ups Nahrungsmittel mit positiven Eigenschaften für die Gesundheit entwickeln.

Auf dem neuen Terrain einer Unternehmensgründung musste sich Manuela Murgueitio nicht allein zurechtfinden: Zusammen mit der Dahlem Research School, dem Dach für strukturierte Doktorandenprogramme an der Freien Universität, bietet die Gründungsförderung das Seminar „ProGründung“ an. Hier werden Wissenschaftler bei der Konzeption ihres Geschäftsmodells begleitet und beraten. Aus manchem Ideenpapier wird so ein konkretes Gründungsvorhaben. Einige Wochen nach dem Wettbewerb sitzt die Wissenschaftlerin im Büro von Gründungsberaterin Aneta Bärwolf. Gemeinsam besprechen sie Szenarien, wie es mit „Smart Ingredients“ weitergehen könnte: Fördermittel aus einem Programm des Bundeswirtschafts- oder Bundesforschungsministeriums könnten helfen, die Entwicklungsarbeiten bis zur Marktreife zu finanzieren. Die Beraterin kennt sich damit aus – bei der Bewilligung von EXIST-Gründerstipendien war die Freie Universität 2014 nach der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen am erfolgreichsten in Deutschland. Mit dem EXIST-Programm fördert das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie Existenzgründungen aus der Wissenschaft.

Geld allein macht jedoch noch keine Gründung. Die Gründungsförderung vermittelt Coaches, Mentoren, Experten, bietet Kompetenztrainings und Netzwerkveranstaltungen. Hand in Hand mit dem Patent- und Lizenzservice der Freien Universität werden Rechte am geistigen Eigentum geklärt und geschützt. Büros und Labors stehen für Start-ups auf dem Campus kostenfrei zur Verfügung. „Innovationen gedeihen am besten in einem ,artgerechten’ Umfeld“, sagt Steffen Terberl. Er investiert deshalb auch einen Teil seiner Zeit, um den Aufbau eines Technologie- und Gründungszentrums in Campusnähe zu unterstützen. Es soll bis 2020 auf dem Gelände des ehemaligen US-Hospitals in der Fabeckstraße 60-62 entstehen. „Wir wollen die Unternehmen nicht an andere Standorte verlieren, wenn sie wachsen und Platz brauchen“, sagt der Teamleiter. „Wenn innovative Firmen in räumlicher Nähe zueinander und zu relevanten Forschungseinrichtungen arbeiten, entwickeln sie sich nachweislich besser und ziehen weitere Unternehmen an.“

Für Moritz Funk kommt diese Zukunftsmusik zu spät, er hat sein Unternehmen autoaid bereits 2008 an der Freien Universität gegründet und ist vom Campus in einen Gewerbepark nach Wedding umgezogen. Aber auch über die Bezirksgrenzen hinweg hält der Chef von derzeit 19 Mitarbeitern noch engen Kontakt zur Gründungsförderung – weil sich daraus neue Chancen ergeben. So entwickelte seine Firma zusammen mit der Arbeitsgruppe Intelligente Systeme und Robotik von Professor Raúl Rojas von der Freien Universität eine internetbasierte Software, mit der Fehlermeldungen des Steuerungssystems eines Autos schnell, einfach und herstellerübergreifend interpretiert werden können.

Als Mitglied des Netzwerks Unternehmertum der Ernst-Reuter-Gesellschaft der Freunde, Förderer und Ehemaligen der Freien Universität Berlin engagiert sich Funk auch aktiv für Gründerinnen und Gründer in der Startphase. Beim monatlichen Netzwerktreffen Business & Beer berichtete er schon mehrfach über die Erfahrungen seines Teams beim Aufbau von autoaid, etwa über Verhandlungen mit Investoren in der ersten Finanzierungsrunde. „So haben selbst unsere Fehler noch etwas Gutes“, sagt der Unternehmer. „Nicht nur wir, sondern auch andere können daraus lernen.“

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