Weltraumerkundung : Der Weltraum über Berlin

Historiker und Kulturwissenschaftler erkunden, wie man sich im 20. Jahrhundert in Berlin dem Weltall näherte.

Stephan Töpper
„Grüße vom Riesenfernrohr“ verschickten 1896 die Besucher der Berliner Gewerbeausstellung. Heute ist das Fernrohr Teil der Archenhold-Sternwarte.
„Grüße vom Riesenfernrohr“ verschickten 1896 die Besucher der Berliner Gewerbeausstellung. Heute ist das Fernrohr Teil der...Foto: Kunstanstalt J. Miesler, Berlin

Denkt man an Berlin, fällt einem wahrscheinlich nicht sofort der Weltraum ein. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in der heutigen Hauptstadt viele Orte, an denen man mit Teleskopen ins All schaute oder Weltraumvorstellungen auf Theaterbühnen inszenierte. Berlins Rolle als Schauplatz der Weltraumerkundung und Wissensvermittlung stand im Zentrum des Workshops „Berliner Welträume im 20. Jahrhundert“, der kürzlich an der Freien Universität stattfand.

Wie beeinflusste die wissenschaftlich-technische Pionierarbeit unser Weltraumverständnis und welche Rolle spielten dabei damals neue Medien wie das Projektionsplanetarium und der Film? Diesen Fragen gingen Historiker und Kulturwissenschaftler aus Deutschland und den USA in ihren Vorträgen nach. Sie beleuchteten, welchen Einfluss Berliner Bildungsinstitutionen wie die Urania, der sogenannte Raketenflugplatz in Tegel, das Planetarium am Zoologischen Garten und Berliner Sternwarten auf das Weltraumdenken ausübten.

Im Mittelpunkt standen dabei die Beziehungen zwischen der wechselvollen Geschichte einer Metropole und unterschiedlichen Weltraumkonzeptionen, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts stark wandelten.

Der Weltraum war zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts noch unbereist, Mondlandungen und Exkursionen zu fernen Planeten waren noch fiktionale Unternehmungen. „Solange niemand wirklich die Erde verlassen hatte, diente das All als Projektionsfläche für gesellschaftliche Utopien und Dystopien“, sagt Tilmann Siebeneichner, der den Workshop zusammen mit Jana Bruggmann und der Forschergruppe „Die Zukunft in den Sternen“ organisierte.

"Die Grenzen zwischen Science und Fiction waren fließend"

Filmemacher wie Fritz Lang, dessen letzter Stummfilm „Frau im Mond“ zum Klassiker des Science-Fiction-Kinos werden sollte, ließen sich von Experten der frühen Weltraumbewegung beraten. Die UFA berief für die Filmproduktion eigens einen wissenschaftlichen Beirat, an dessen Spitze ein Begründer der Raketentechnik stand, Hermann Oberth. Die Raketenkonstrukteure kämpften mit Vorbehalten, die ihrer Arbeit zunächst entgegengebracht wurden.

Herman Oberth und auch Wernher von Braun, der später für die Nationalsozialisten eine weltraumtaugliche Waffe in Raketenform konstruierte – die sogenannte V2 –, waren darauf bedacht, die Seriosität ihrer Arbeit in den Mittelpunkt zu stellen. „Die Grenzen zwischen Science und Fiction waren jedoch fließend“, sagt Tilmann Siebeneichner. Ein Jahr, nachdem Fritz Langs Film-Rakete auf der Kinoleinwand zum Mond flog, plante der Verein für Raumschifffahrt, mit einer echten Postrakete den Briefverkehr zwischen Europa und den USA zu revolutionieren.

Quer über die Stadt verteilt erkundete man den Mond und die Nachbarplaneten der Erde als mögliche Reiseziele. Die 1889 eröffnete Urania und mehrere Sternwarten präsentierten neue wissenschaftliche Erkenntnisse und versprachen Einblick in ungeahnte Tiefen des Weltraums. 1896 eröffnete im Treptower Park die Archenhold-Sternwarte, die bis heute das längste bewegliche Fernrohr der Welt beherbergt. Und 1930 wurde in Reinickendorf der weltweit erste Raketenflugplatz gegründet, auf dem erste Flüssigkeitsraketen entwickelt und erprobt wurden.

Urania: Die Berliner und das All

„Berlin galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als die am schnellsten wachsende Stadt der Welt, und sie entwickelte sich zu einem Zentrum der Wissenschaftspopularisierung“, sagt Jana Bruggmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschergruppe, über die Stadt, in der Wener von Siemens, der Begründer der Elektrotechnik, 1886 auch das naturwissenschaftliche Zeitalter ausrief.

Mit dem wissenschaftlichen Theater – einer Erfindung des Schriftstellers und Astronomen Max Wilhelm Meyer – konnte die Berliner Bevölkerung in der Urania den Weltraum in bisher noch nicht dagewesener Form erleben. So wurde der Flug zum Mond, auf die Venus und den Mars inklusive Spaziergang auf deren Oberfläche simuliert. „Ziel war es, in einer Zeit, in der die Naturwissenschaften im Schulunterricht als Fächer noch wenig etabliert waren, Weltraumvorstellungen zu verwissenschaftlichen“, sagt Jana Bruggmann.

Die Berliner selbst fühlten sich von den Weltraum-Orten in der Stadt angezogen. Eine Reise ins All schien plötzlich nicht mehr nur ein Spleen weltfremder Tüftler zu sein, sondern rückte in der zukunftsversessenen und fortschrittsgläubigen Weimarer Republik in scheinbar greifbare Nähe. „Ohne ein naturwissenschaftlich- physikalisches Weltraumverständnis wäre an Raumfahrt wohl kaum zu denken gewesen“, sagt Jana Bruggmann. Berlin überstand in der Folge einen weiteren Weltkrieg, wurde geteilt und wiedervereinigt. Viele ihrer Weltraumorte aber überlebten, allen voran die Urania, wenn auch an anderem Standort. Dort ist das All allerdings heute nur noch ein Randthema.

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