Zeitzeugen-Berichte : Die Kraft der Erzählung

Die interaktive Lernplattform "Lernen mit Interviews" soll helfen, das Thema Zwangsarbeit stärker im Geschichtsunterricht zu verankern.

Manuel Krane
Teilte seine Geschichte: Reinhard Florian im Zeitzeugen-Interview 2005 und 1955 als junger Mann.
Teilte seine Geschichte: Reinhard Florian im Zeitzeugen-Interview 2005 und 1955 als junger Mann.Foto: Freie Universität Berlin/CeDiS

Als die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 10 des Leibniz-Gymnasiums in Kreuzberg die Geschichte von Reinhard Florian hören, herrscht im Raum eine hochkonzentrierte Stille. Florian, der als Angehöriger der Minderheit der Sinti im damaligen Ostpreußen lebte, erzählt von seiner Verhaftung durch die Nazis im Winter des Jahres 1940. Florian arbeitete in einem Kuhstall, drinnen war es warm und seine Arbeit schweißtreibend, deshalb trug er dünne Kleidung. Auf einmal kamen zwei Gendarmen und sagten: „Du musst mitkommen.“ Er fragte, ob er sich umziehen könne, schließlich war es draußen kalt, der Schnee lag meterhoch. „Nein, das ist nicht nötig. Du bist schön genug“, war die Antwort der Männer, die ihn festhielten und ins Gefängnis nach Tschernjachowsk (damals Insterburg) brachten, von wo aus er später in das Konzentrationslager Mauthausen in Österreich deportiert wurde.

Reinhard Florian ist tot. Er starb im März 2014 im Alter von 91 Jahren. Dass seine Geschichte auch heute noch Zuhörer bewegen kann, liegt daran, dass sie im April 2005 für das Archiv „Zwangsarbeit 1939–1945“ in einem Video-Interview festgehalten wurde. Das Center für digitale Systeme (CeDiS) der Freien Universität hat nun eine Lernplattform für Schulen entwickelt – zuvor wurde das Archiv vor allem von Historikerinnen und Historikern und anderen Interessierten genutzt. Reinhard Florian ist einer von sieben ausgewählten ehemaligen Zwangsarbeitern, deren Interviews in der neuen Online-Anwendung „Lernen mit Interviews“ vertreten sind.

Mehr als 2000 Stunden Material liegen vor

In den Jahren 2005 und 2006 sind 600 ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter für das Archiv „Zwangsarbeit 1939–1945“ interviewt worden. Mehr als 2000 Stunden Material sind dabei entstanden. „Mit der Online-Plattform lernen-mit-interviews.de wollten wir ein Angebot schaffen, das mehr Möglichkeiten der Interaktion bietet und der zeitgemäßen Mediennutzung angepasst ist“, sagt der Historiker Cord Pagenstecher vom CeDiS. Die lebensgeschichtlichen Interviews wurden auf rund 25 Minuten Länge gekürzt und didaktisch aufbereitet. Die Schülerinnen und Schüler können einzelne Interviewteile anwählen und Aufgaben dazu bearbeiten. Für Lehrkräfte stehen Materialien und Hintergrundinformationen bereit, mit denen sie den Unterricht zum Thema gestalten können. „Wir haben für Lehrer ganze Unterrichtsentwürfe vorbereitet“, sagt Pagenstecher, „jedes Interview ist so konzipiert, dass es in einer Doppelstunde behandelt werden kann.“ Das weiß auch Bettina Deutsch zu schätzen, die am Leibniz-Gymnasium Geschichte und Französisch unterrichtet: „Für Lehrer ist die Materialsuche und Anpassung an die jeweilige Lerngruppe oft sehr kompliziert, hier habe ich alles an einem Ort und kann das flexibel einsetzen.“

„Lernen mit Interviews“ ist ein europäisches Projekt, in Kürze soll eine russische Version der Anwendung online gehen, auch ein polnisches Angebot ist geplant. Bereits seit Mai 2016 existiert die tschechische Variante nucenaprace.cz.

Das Thema Zwangsarbeit steht nicht im Rahmenlehrplan

Obwohl die Zeit des Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht in der Regel umfangreich behandelt wird, empfiehlt der Rahmenlehrplan für die Jahrgangsstufen 7 bis 10 für das Fach Geschichte in Berlin lediglich, „das Singuläre des Holocaust und des Gulag als Kennzeichen des Nationalsozialismus und des Stalinismus“ zu behandeln. Zwangsarbeit wird nicht erwähnt. Deshalb werden viele Heranwachsende mit dem Thema während ihrer Schulzeit nicht konfrontiert. Mit der neuen Plattform soll das nun anders werden. „Moderner Geschichtsunterricht soll nicht nur Wissen, sondern auch Kompetenzen vermitteln – dazu fehlt es aber teilweise an Materialien“, sagt Cord Pagenstecher und nimmt damit Bezug auf ein verändertes Unterrichtsverständnis. „Mit der Lernumgebung bieten wir eine gute Möglichkeit, Schülern narrative und mediale Kompetenzen zu vermitteln.“ Außerdem hat die Arbeit mit den Zeitzeugen-Interviews auch eine politische Dimension. „Zwangsarbeiter waren nicht nur in Deutschland, sondern auch in ihren Herkunftsländern eine lange vergessene Opfergruppe“, sagt Pagenstecher.

„Lernen mit Interviews“ ist für Schülerinnen und Schüler von der Jahrgangsstufe 9 an gedacht. „Wir haben sehr darauf geachtet, dass sowohl Gymnasiasten als auch Schüler anderer Schulformen damit arbeiten können“, sagt Politikwissenschaftlerin Dorothee Wein vom CeDiS. Die Erfahrung mit dem Material habe gezeigt, dass Jugendliche aller Schulformen ein großes Interesse an dem Thema zeigen. „Die Interviews bestehen oft nur aus einer Einstellung, das entspricht nicht den Sehgewohnheiten junger Menschen“, sagt Cord Pagenstecher, „dass sie ihnen trotzdem folgen, zeigt, welche visuelle und narrative Kraft diese Zeugnisse haben.“

Auch Bettina Deutsch war von dem Interesse ihrer Klasse beeindruckt. „Die Jugendlichen kamen auf mich zu und sagten, dass sie dadurch Aspekte des Nationalsozialismus kennengelernt haben, von denen sie gar nichts wussten“, sagt Deutsch. „Nachdem wir uns mit Reinhard Florian beschäftigt hatten, fingen einige meiner Schüler an, sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen.“

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