Reha : Auf dem langen Weg

Manche Menschen mit erworbenen Schädigungen am Gehirn brauchen mehr als die üblichen Reha-Maßnahmen, um wieder auf die Beine zu kommen. Ihnen kann eine post-akute Neurorehabilitation helfen.

Magdalene Weber

Ohne Frage: Die moderne Intensivmedizin ist ein Segen. Wie viele Menschen hat sie gerettet – nach Unfällen, nach Anfällen, mit schwersten Schädigungen des Gehirns. Wie viele verdanken ihr das Überleben. Doch wie überall gibt es auch hier eine zweite Seite. Eine, die neben spektakulären Rettungseinsätzen und medizinischen Erfolgen vielleicht etwas zu tief im Schatten steht. »Der Fortschritt der Intensivmedizin stellt uns vor Probleme, die es ohne ihn nicht geben würde«, sagt Stephan Bamborschke, Leitender Arzt des Zentrums für Post-Akute Neurorehabilitation (P.A.N. Zentrum) im Fürst Donnersmarck-Haus in Berlin-Frohnau.
Das Wesen dieser Probleme lässt sich im Grunde in einer Frage zusammenfassen: Und jetzt? Denn im wahren Leben verhält es sich ja bekanntlich anders als im Film: Wurde ein Mensch gerettet, hat er einen Schlaganfall oder einen schlimmen Unfall überlebt, bedeutet das nicht das »Happy End«. Im Gegenteil: Er ist eben genau nicht zu Ende, der Lebensfilm des Geretteten. Er geht ja weiter. Nur das Wie – das bleibt dabei als Frage stehen.

Post-Akute Neurorehabilitation
In Bewegung kommen - und bleiben: Malte Bockhorst trainiert viel.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: Mike Wolff
06.04.2016 12:29In Bewegung kommen - und bleiben: Malte Bockhorst trainiert viel.

Schätzungen zufolge erleiden in Deutschland jedes Jahr rund 270 000 Erwachsene einen Hirnschaden, sei es ein Schädel-Hirn-Trauma, sei es infolge einer Tumor-Operation, sei es durch einen Schlaganfall (siehe Seite 27). Bei einem Teil dieser Menschen ist der Schaden so groß, dass selbst die modernste Medizin ihnen nicht mehr helfen kann. Sie sterben. Bei einem anderen Teil sind die Schäden nur leicht ausgeprägt, sie können ihr Leben nach einem Krankenhausaufenthalt weitestgehend unbeeinträchtigt weiterführen. Wieder andere können dies auch, brauchen dafür aber länger: Bei ihnen schließen sich ans Akut-Krankenhaus umfassendere Reha-Maßnahmen an, in denen sie ihre Fähigkeiten, ihre Selbstständigkeit, kurz: ihr altes Leben Schritt für Schritt und in einem gewissen Rahmen wiedererlangen (siehe Seite 30). Eine vierte Gruppe überlebt zwar, jedoch mit so ausgeprägten irreparablen Schädigungen im Gehirn, dass sie dauerhaft auf stationäre Hilfe angewiesen sind, möglicherweise sogar auf Intensivpflege wie beispielsweise Wachkoma-Patienten. Und dann gibt es noch die dazwischen: zumeist jüngere Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen, die anfangs von den akuten Reha-Maßnahmen profitieren, die Fortschritte machen – aber dann auf einem Niveau stehen bleiben, auf dem sie langfristig unter starken Beeinträchtigungen leiden. »Diese Patienten können nach dem Ende der neurologischen Akut-Rehabilitation nur schwer eigenständig leben«, sagt Bamborschke. »Obwohl viele von ihnen eigentlich das Potenzial dazu hätten.« Diese letzte Gruppe ist zwar klein, deshalb aber nicht weniger bedeutend: Sie umfasst etwas weniger als zwei Prozent aller Erwachsenen mit Hirnschädigungen, schätzt Bamborschke. Sprich: Jahr für Jahr rund 5000 Menschen. Um 66 von ihnen kümmern sich Bamborschke und das Team vom P.A.N. Zentrum.
Im Grunde handelt es sich bei der Einrichtung, die von der Fürst Donnersmarck-Stiftung getragen wird, um ein ambulantes Reha-Zentrum – nur eben mit angeschlossenem Wohnbereich. Ihr Ziel ist es, mithilfe der Langzeit-Reha zu verhindern, dass Personen mit Hirnschädigungen dauerhaft auf stationäre Pflege angewiesen sind. Oder, positiv formuliert: die Fähigkeiten der Betroffenen so weit zu verbessern und zu stärken, dass sie ihren Alltag so eigenständig wie möglich meistern können. Dass sie nach ihrem Aufenthalt im P.A.N. Zentrum nicht in ein Pflegeheim ziehen, sondern in eine Wohngemeinschaft, ins betreute Einzelwohnen – vielleicht sogar in eine eigene Wohnung. Bei rund 60 bis 70 Prozent der Rehabilitanden gelänge das, sagt Bamborschke. In der Regel würden sie dazu rund 18 Monate bleiben, manche aber auch länger.

Den vollständigen Text finden Sie im Magazin für Medizin und Gesundheit in Berlin: "Tagesspiegel Gesund - Berlins Ärzte für Gehirn und Nerven".

Weitere Themen der Ausgabe: Faktencheck. Spannende Infos über das Gehirn. Was ist Intelligenz? Über Alltagskompetenz, Situationsschläue und Persönlichkeitsmerkmale. Vernetzt. Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir etwas Neues lernen? Spielend schlau bleiben. Hellwach bis ins hohe Alter. Intelligenz lernen. 60 Prozent des menschlichen IQs bestimmen die Gene - den Rest müssen wir von Kind auf lernen. Stromlinien. Mit der Elektroenzephalografie machen Neurologen Hirnströme sichtbar - doch was bedeuten die Kurven? Das Stroke-Einsatz-Mobil. Schnelle Hilfe beim Schlaganfall: Ein Krankenhaus auf vier Rädern. Arztbrief. Wie man Schlaganfälle erkennt und therapiert. Langzeit-Reha. Den Alltag wieder lernen. Signalstörung. Zittern, Krämpfe, Muskelstarre lindern - wie Hirnschrittmacher gegen Parkinson helfen. Vorbote Schlafstörung. Eine REM-Schlafverhaltensstörung deutet auf Parkinson hin - und eröffnet Medizinern neue Therapieansätze. Auf eigenen Beinen. Multiple Sklerose muss nicht im Rollstuhl enden. BSE Ade? Gefahr begannt? was ist eigentlich aus der Rinderwahn-Epidemie geworden? Gewitter im Gehirn. Was bei Epilepsie hilft. Rasende Schmerzen. Ein Clusterkopfschmerz-Patient berichtet über ratlose Ärzte und verständislose Mitmenschen. Kater - ohne Alkohol. Woher die Migräne-Attacken kommen und was gegen den Kopfschmerz hilft. Kleine Blutsauger. Zecken sind auf dem Vormarsch - und übertragen gefährliche Erreger. Borreliose und FSME. Wie man die Zeckenkrankheiten erkennt und therapiert. Außerdem: Kliniken und Rehazentren im Vergleich. "Tagesspiegel Gesund" - Jetzt bei uns im Shop

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