Depression : Unter der Glasglocke

Jeder ist mal niedergeschlagen. Doch wer an Depressionen leidet, der verliert den Lebensmut

Laura Wieland

Die schwarze Dame kam unerwartet - und ungebeten. »Eine gewisse Schwermut begleitet mich schon mein ganzes Leben«, sagt Hannah Wagner *. Aber dass es noch einmal so schlimm komme, habe sie nicht erwartet. Die »Dame in Schwarz«, wie der Psychoanalytiker C. G. Jung die Depression poetisch umschrieb, besuchte Hannah Wagner mitten im Sommer. Der 60-Jährigen kam es vor, als ob auf einmal alle Blätter von den Bäumen gefallen wären. Dieses Gefühl, das Leben nicht mehr ertragen zu können, war wieder da. Hannah Wagner verlor die Lust, unter Menschen zu gehen - sogar die Freude an ihrem Garten, den sie doch so liebte. Die Depression nahm ihr jegliche Lebensfreude, hielt sie gefangen in einem Gefühl innerer Leere und Niedergeschlagenheit, begleitet von Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Willenlosigkeit. Aber die Krankheit lässt nicht nur die Seele erstarren, sondern auch den Körper. Irgendwann konnte sich Hannah Wagner kaum noch bewegen. »Es war einerseits eine körperliche Lähmung, aber auch ein Zittern und Verkrampfen«, sagt sie. Jeder einzelne Atemzug war ein Kampf. Und Atemholen, das stehe doch für Lebenwollen, sagt Hannah Wagner.

Es fällt schwer, in der schönen, eleganten Frau mit den leuchtenden Augen einen Menschen zu erkennen, der nahezu sein gesamtes Leben mit einer psychischen Krankheit zu kämpfen hat. Die ersten depressiven Schübe erlebte sie schon mit Mitte 20. Einige Zeit später riss ihr ein Schicksalsschlag den Boden unter den Füßen weg: Ihr erster Ehemann erkrankte schwer an Krebs. Er starb in ihren Armen. Plötzlich stand Hannah Wagner als alleinerziehende Mutter da. »Ich war völlig überfordert, aber ich musste funktionieren, zur Arbeit gehen, für meinen Sohn sorgen.« Wenn sie alleine war, verkroch sie sich in ein abgedunkeltes Zimmer und weinte stundenlang.

Aber es muss gar nicht immer ein traumatisches Ereignis oder der Verlust eines geliebten Menschen sein, der zu einer Depression führt. Oftmals breche die Krankheit in einen bis dahin gut funktionierenden Alltag ein, sagt Barbara Roß, eine der beiden Psychiatrie-Chefärzte der Kliniken im Theodor-Wenzel-Werk in Zehlendorf. Von einem Tag auf den anderen sieht die Welt grau aus - und das Leben verliert seinen Sinn.

»Ich habe viel zu lange alleine mit meiner Krankheit herumlaboriert«, sagt Hannah Wagner. Es scheint diese Feststellung zu sein, die sie in der Rückschau am stärksten bedrückt. Denn heute würde sie jedem raten, sich früh genug helfen zu lassen. Es sei wichtig, die Ängste vor der Psychiatrie abzubauen, die Vorstellung, »dass man dort unter Verrückten ist, die mit Tabletten vollgepumpt werden«. Hannah Wagner fühlte sich in der Klinik geschützt und verstanden. Am Anfang der Behandlung drängte sich zunächst immer wieder der Gedanke auf, wie es »da draußen« nach der Therapie weitergehen soll. »Aber uns wurde gesagt: Steht zu eurer Krankheit!«, sagt sie. Jetzt traut sie sich, auch ihren Freunden zu sagen: Ich war vier Wochen in der Psychiatrie und es war das Beste, was mir passieren konnte.

Trotzdem hat sie sich darauf eingestellt, dass das Gefühl der Sinnlosigkeit zurückkehren kann. Aber Hannah Wagner hofft, dass sie nie wieder so nah am Abgrund stehen wird. »Ich habe einen Ort, an den ich jederzeit zurückkehren kann«, sagt sie. Das gibt ihr Sicherheit. Tatsächlich: Obwohl Depressionen heilbar sind und mit Medikamenten und Therapien erfolgreich behandelt werden können, werden viele der Betroffenen erneut krank. Fachleute schätzen, dass 30 Prozent der Patienten innerhalb eines Jahres einen Rückfall erleiden - weil eine zweite, die Depression begleitende Erkrankung unerkannt blieb, meist eine Angststörung, Phobie genannt. Wird die Depression aber richtig erkannt und behandelt, hat mehr als die Hälfte der Patienten gute Heilungsaussichten.

Für die Genesung spielen verschiedene Therapieformen eine wichtige Rolle, zum Beispiel die Tanztherapie. Es soll wieder Bewegung ins Leben kommen - und in den Körper. Denn auch das kann die Stimmung verbessern, sagt Chefärztin Roß. In der Sporthalle, in die durch hohe Fenster die Sonne auf den hellen Parkettfußboden fällt, haben zehn Patienten einen großen Kreis gebildet, jeder hält zum anderen rund zwei Meter Abstand. Viele von ihnen haben die Augen geschlossen. Sie alle bewegen sich auf ihre ganz eigene Weise zu rhythmischer Musik. »Das hilft vor allem Menschen, die ihre Gefühle nicht so gut in Worte fassen können«, sagt Roß. Da kann es einfacher sein, Emotionen körperlich auszudrücken und zu verarbeiten.

Doch was, wenn man glaubt, man habe keine Gefühle mehr? Taub, benommen, leer und kraftlos - so fühlt sich Lilly Martin*. Als ob sie unter einer Glasglocke stecken würde. Warum, das kann sie sich nicht erklären. Eigentlich war alles in ihrem Leben in Ordnung.

Aber nun ist die 25-Jährige seit sechs Wochen auf der Depressionsstation im Vivantes Humboldt-Klinikum. Sie sitzt am Fenster ihres Krankenhauszimmers, das sie sich mit einer ebenfalls jungen Frau teilt, und zupft an dem gelben Vorhang. »Heute habe ich keinen guten Tag«, sagt die hübsche Studentin und fährt sich mit der Hand durch das schwarze Haar. Der Fernseher läuft ohne Ton, die Zimmergenossin schläft. Auf Lilly Martins Bett liegt ein kleiner Stoffbär, auf dem Nachttisch steht ein Strauß gelber Rosen. »Von meinen Eltern«, sagt sie und blickt auf den Boden, fast so, als ob sie sich dafür schämen müsste. Leise erzählt sie, wie viel Angst sie vor der Zukunft hat, davor, nicht mehr gesund zu werden, eine Bürde für die Familie zu sein, das Studium nicht zu packen.

Wenn das Leben nur noch als Last empfunden wird, man keine Hoffnung, keine Perspektive mehr hat, verlieren viele Menschen den Lebensmut. Einige möchten lieber sterben, als auch nur einen weiteren Tag dem Gefühl der Leere ausgeliefert zu sein. »Allein übers Wochenende wurden sieben Patienten mit akuter Selbstmordgefahr eingewiesen«, sagt Peter Bräunig, Psychiatrie-Chefarzt im Humboldt-Klinikum. Etwa acht Prozent der Patienten, die hier aufgenommen werden, sind suizidgefährdet. Doch oft fühlen sie sich bereits durch die Aufnahme in der Klinik entlastet. Die Gefahr, sich etwas anzutun, sinkt. Aber im Notfall wird für akut suizidgefährdete Patienten rund um die Uhr eine Einzelbetreuung organisiert - zuhören, reden, trösten und gemeinsam Tee trinken. Denn am meisten fürchten viele Menschen die Einsamkeit. Im Krankenhaus merken sie, dass sich jemand ihrer annimmt, sich um sie sorgt.

Um zehn Uhr morgens ist die Station allerdings wie leergefegt, denn die Patienten sind alle in ihren Einzel- oder Gruppentherapien. Zum Beispiel in der Angstbewältigungs-Gruppe, die um die Ecke in der Tagesklinik stattfindet. Überquert man den kleinen Klinikpark, gelangt man zu dem Gebäude, das aussieht wie die moderne Interpretation eines Fachwerkhauses: dunkelbraune Holzbalken und viel Glas, sodass trotz des trüben Tages genug Licht in die Räume fällt. Hier finden auch Qi Gong, Tanztherapie, Feldenkrais- und Gestaltungstherapien statt. Vor einem großen Atelierfenster sitzen fünf Frauen und zwei Männer um einen großen Tisch herum, zeichnen oder kleben Bilder zu einer Kollage zusammen, eine ältere Frau versucht sich im Korbflechten.

»In den Therapien versuchen wir unsere Patienten emotional, gedanklich und verhaltensbezogen in ihren jeweiligen Befindlichkeiten abzuholen. Das entlastet, kann aber auch anstrengend sein. Deshalb sind uns Meditation, Bewegung, Gestaltung und Ruhe als Ergänzung so wichtig«, sagt Bräunig. Welchen Sinn hat das Malen, Basteln, Töpfern? »Es entspannt mich«, antwortet eine schmale junge Frau mit kurzen braunen Haaren, während sie Goldperlen in einen Traumfänger webt. Sich endlich wieder auf eine Sache zu konzentrieren oder es zumindest zu versuchen, ist beruhigend. Vor allem dann, wenn man sonst nur einen Berg von Sorgen und Ängsten vor sich sieht.

Einen Raum weiter hat eine Therapeutin denn auch einen Berg auf eine Tafel gezeichnet - als Bild für all die Belastungen, die die Menschen in dieser Runde seelisch krank gemacht haben. Familienprobleme, Trennungsschmerz, finanzielle Sorgen, Zukunftsängste. Sie türmen sich auf unerträgliche Weise vor den 14 Patienten auf, die hier im Kreis sitzen. In der nächsten Stunde geht es darum, aus der Endlosschleife dieser Gedanken auszubrechen. Man gibt sich Ratschläge, tauscht sich aus und spricht über persönliche Erfahrungen. Die Therapeutin schlägt vor, aus dem Sorgenberg kleine Hügel zu machen, die man einen nach dem anderen überwindet. Zum Schluss der Sitzung soll jeder reihum sagen, wie er sich gerade fühlt. Die einen sind zuversichtlich, konnten etwas aus der Methode für sich gewinnen. Die anderen sind müde, traurig oder frustriert, weil sie mit dem Ansatz nichts anfangen können. Einige möchten sich gar nicht äußern. »Ich brauche jetzt Zeit, um das alles sacken zu lassen«, sagt eine ältere Dame und auf ihrem Gesicht deutet sich ein leichtes Lächeln an. Dann macht sie sich auf den Weg zurück in ihr Zimmer. *Namen geändert

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