Gesund leben : "Eine weitverbreitete Illusion"

Es sei zu einfach, psychische Krankheiten nur mit Störungen im Hirn-Stoffwechsel erklären zu wollen, sagt der Psychopharmakologe Felix Hasler

Anna Ilin

Wie hängen Gehirn und Psyche zusammen?

Das ist natürlich eine zutiefst philosophische Frage. Die ernüchternde Antwort ist: Man weiß es nicht. Es gibt zwar diesen alten Slogan »Mind is, what the brain does - Geist ist das, was das Gehirn macht«. Aber wissenschaftlich ist es alles andere als geklärt, wie das genau vor sich gehen soll. Es gibt gegenwärtig ein gutes Dutzend konkurrierende Bewusstseinstheorien, wie aus biologischen Prozessen so etwas wie bewusstes Erleben entstehen könnte. Wirklich überzeugend ist keine. Es gibt auch Hirnforscher, die sagen: Wir hatten noch keinen Einstein des Gehirns, wir hatten noch nicht mal einen Newton des Gehirns. Es muss da etwas ganz Grundlegendes geben, das wir nicht verstehen. Es mag sich esoterisch anhören, aber es ist auch vorstellbar, dass Bewusstsein eine universelle Eigenschaft des Universums ist, eine Naturgegebenheit, so wie die Schwerkraft, die sich unter ganz bestimmten Voraussetzungen manifestiert, zum Beispiel im Gehirn. Natürlich ist das höchst spekulativ. Aber ich sage, vieles, was im Namen der Hirnforschung behauptet wird, ist nicht weniger spekulativ.

Warum hat die Hirnforschung, auch Neuro­wissenschaft genannt, dann eigentlich so ein hohes Ansehen in der Öffentlichkeit?

Da gibt es zunächst eine intuitive Komponente. Forscht man am Gehirn, ist man gefühlt schon mal ganz nah dran an der Wahrheit. Schon mal vor Ort, dort, wo die Musik spielt. Und dies völlig unabhängig davon, was man im Gehirn tatsächlich untersucht. Es wird ja oft nicht einmal reflektiert, ob sich eine Forschungsfrage überhaupt eignet, mit neurowissenschaftlichen Methoden untersucht zu werden. Dazu kommt, dass »Neuro« selbst zu einer Marke geworden ist. Ein von der Öffentlichkeit geachtetes und von Forschungssponsoren geschätztes Qualitätslabel, hinter dem sich allerdings auch zweit- und drittklassige Forschung verstecken lässt. Ich denke da zum Beispiel an Bildgebungsstudien zu Wahlverhalten und politischer Orientierung. Kritik aus den eigenen Reihen ist selten und Kritik von außen nur bedingt möglich. Gerade wenn man als Laie die bunten Bilder der Hirnscans sieht, hat man ja kaum eine Chance zu durchschauen, was sie bedeuten. Der Hirnforscher aber, so die geläufige Meinung, wird daraus allerlei Wichtiges herauslesen können - und bekommt dadurch einen priesterähnlichen Status.

Aber ist es nicht so, dass man auf den bunten Scannerbildern dem Gehirn beim Denken zuschauen kann?

Die Antwort ist ganz klar: Nein. Ihre Frage ist aber interessant, denn sie beinhaltet den wohl größten Mythos der zeitgenössischen Hirnforschung - nämlich, dass es möglich ist, mit den modernen Bildgebungsverfahren bis auf die Ebene von Gedanken und Gefühlen zu kommen. Die Hirnforschung wird in der Öffentlichkeit als harte, streng faktengestützte Naturwissenschaft wahrgenommen. Aber Hirnforschung ist nicht klassische Physik. Von einigen Ausnahmen abgesehen sind neurowissenschaftliche Daten ziemlich - bis katastrophal - schlecht, kaum reproduzierbar und oft irrelevant.

Immer wieder wird der Neurowissenschaft vorgeworfen, sie reduziere das Menschsein auf die Funktionen des Gehirns, um psychische Krankheiten erklären zu können ...

In einem solchen, auch neuro-reduktionistisch genannten, Weltbild sind psychische Störungen nichts anderes als Erkrankungen des Gehirns. Wenn also die Psyche leidet, braucht man nur das Gehirn zu reparieren und alles wird gut. Das hat ganz konkrete Auswirkungen auf die Art, wie mit psychischen Krankheiten umgegangen wird. Wenn Sie heute zum Arzt gehen und sagen: »Ich kann nicht schlafen, ich bin traurig, ich habe keine Energie«, bekommen Sie die Diagnose Depression und werden fast zwangsläufig innerhalb dieses biologischen Denkmodells behandelt. So besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Sie Antidepressiva verschrieben bekommen. Auch die Sichtweise vieler Patienten ist so. Diese gehen zum Hausarzt und sagen: Meine Depression ist ja eine Serotoninstörung und deshalb will ich Medikamente, die mein Serotonindefizit beheben. Es gibt diese weitverbreitete Illusion des »Quick-Fix«: Zum Arzt gehen, er findet heraus, was ich habe, und er repariert es dann schnell und effizient. Und die vermeintlich schnellste Lösung sind natürlich Medikamente. Aber so läuft es eben so gut wie nie.

Viele Ärzte vertreten die These, dass die Ursachen für eine Depression etwas mit dem Hirnstoffwechsel zu tun haben.

Zu Beginn der 1970er Jahre entstanden innerhalb der akademischen Psychiatrie eine ganze Reihe von Hirnstoffwechselhypothesen für psychische Störungen. Die bekanntesten sind die Dopamin-Hypothese der Schizophrenie und die Serotonin-Hypothese der Depression. Das waren ja erst einmal interessante und durchaus erfolgversprechende Annahmen. Das Problem ist nur, dass all diese Hypothesen trotz jahrzehntelanger intensiver Forschung nie bewiesen werden konnten. Die pharmazeutische Industrie hat sich allerdings schon früh über den Hypothesenstatus hinweggesetzt und wurde nicht müde, in der Öffentlichkeit und bei Psychiatriekongressen zu verkünden, diese Hirnstoffwechselstörungen seien quasi gesichertes medizinisches Wissen. Klar, denn mit dem Mythos einfacher Stoffwechselursachen - analog zum Insulinmangel beim Diabetes - ließ sich die Verschreibung von Psychopharmaka als rational und krankheitsspezifisch begründen. Ein nachhaltiger Sieg des Pharmamarketings über die Wissenschaft, wie die Verschreibungszahlen von Antidepressiva bis heute belegen. In der Fachwelt selbst - auch in der biologischen Psychiatrieforschung - ist die Serotonin-Hypothese der Depression schon seit Jahren vom Tisch. Auch auf den Webseiten der meisten Psychopharmakologiegesellschaften wurden frühere Hinweise zu Serotonin und Depression längst entfernt. Die Sache ist eben viel komplizierter. Psychische Störungen haben in aller Regel mehrere Ursachen und lassen sich nicht einfach auf neurologische Prozesse reduzieren. Interessant in dieser Hinsicht ist eine Gruppe von vielleicht fünf bis zehn Prozent schwer depressiven Patienten, bei denen sich keine biografischen Gründe für die Depression finden lassen. Diese Menschen sagen auch selbst: Eigentlich geht's mir doch gut; Familie, Job, alles in bester Ordnung. Und trotzdem haben diese Menschen schwerste seelische Tiefs. Hier wäre es tatsächlich möglich, dass es sich um eine ursächlich biologische Störung handelt. Bei den anderen 90 bis 95 Prozent depressiv Kranker findet man sehr wohl biografische Ursachen, die sehr viel plausibler für ihren Zustand sind als eine hypothetische - und nie bewiesene - Hirnstoffwechselstörung.

Trotzdem: Psychopharmaka wirken doch. Wäre das nicht ein Hinweis darauf, dass das Gehirn daran beteiligt ist?

Haben Sie viel Zeit? Zur Beantwortung dieser Frage müsste man noch mal ein ganz neues Fass aufmachen. Aber lassen Sie uns bei den Antidepressiva bleiben. Es ist ja nicht so, dass diese nicht wirksam wären. Seit 2008, als eine große Metaanalyse zur Wirksamkeit der Antidepressiva erschien, ist allerdings klar, dass bis zu 80 Prozent der Wirkung auch mit Placebotabletten erreicht werden kann. Nur bei schweren und schwersten Depressionsverläufen scheint ein echter pharmakologischer Effekt vorhanden zu sein. Überhaupt ist es interessant, dass man bei Depressionen immer etwa bei 40 bis 60 Prozent der Patienten eine deutliche Besserung erzielen kann - und zwar ziemlich egal, was man macht. Psychoanalyse und Verhaltenstherapie, Ausdauersport, Achtsamkeitstraining, Johanniskrautpräparate oder Psychopharmaka. Selbst scheinbar abstruse Methoden wie die Hautinjektion des Faltenglätters Botox zeigen bei etwa der Hälfte der depressiven Patienten eine erstaunliche Wirkung. Zu diesem Phänomen gibt es die Metapher mit der Nadel, die auf der Schallplatte in einer Endlosschlaufe festhängt. In eine solche Rille hineinzugelangen, ist ganz normal - wir alle kennen Phasen von Traurigkeit und Energielosigkeit. Eine Depression wird es erst dann, wenn man aus dieser Rille partout nicht mehr herauskommt. Und eine ganze Reihe verschiedener Maßnahmen scheint genau diesen Schubser zu bewirken, damit die Platte wieder normal weiterläuft. In Anbetracht von Nebenwirkungen und Absetzproblemen scheinen mir Antidepressiva die schlechteste unter all den möglichen Optionen zu sein.

Worauf sollte sich die Psychiatrieforschung in Zukunft konzentrieren?

Es wäre viel gewonnen, wenn die gegenwärtige Einseitigkeit der biologischen Forschung aufgegeben und wieder mehr sozialpsychiatrische und psychotherapeutische Forschung gemacht würden. Damit wird auch nicht alles Leiden aus der Welt zu schaffen sein. Aber immerhin ist man schon mal ganz nahe am Patienten und seiner Lebenswelt dran. Es gibt akademische Überlegungen, das bestehende Diagnosesystem psychischer Krankheiten aufzugeben und mit der biologischen Psychiatrieforschung unter realistischeren Vorannahmen quasi neu zu beginnen. Das wäre ein Ansatz. Vielversprechend wäre auch, mehr Ressourcen in die Resilienzforschung zu stecken. Also zu untersuchen, warum einige Menschen auch nach schwer traumatisierenden Erfahrungen - missbräuchliche Familie, eine Jugend in Kriegsgebieten - später ein gelingendes Leben führen können und andere an solchen Lebensumständen zerbrechen. Davon ließen sich viel eher echte Fortschritte für die Prävention und Therapie psychischer Störungen erwarten als von der Suche nach dubiosen Risikogenen für eine mehr oder weniger willkürlich definierte psychiatrische Diagnose.

Felix Hasler ist Psychopharmakologe und derzeit Gastwissenschaftler an der »Berlin School of Mind and Brain« der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist Autor des Buches "Neuromythologie: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung" (2012).

Mehr zum Thema lesen Sie im Magazin für Medizin und Gesundheit in Berlin "Tagesspiegel Gesund".

Weitere Themen der Ausgabe: Faktencheck. Spannende Infos über Geist und Seele; Du hast doch `ne Meise. Ab wann ist die Psyche wirklich krank?; Psychosomatik. Körper und Geist sind eine untrennbare Einheit; Der Weg zur Heilung. Ambulant, stationär, Reha? Der Navigator weist den Behandlungsweg; Hilfe in der Lebenskrise. Berliner Adressen für den Notfall. Medikamente. Wirkung, Nutzen und Risiken von Psychopharmaka; DEPRESSIONEN: Raus aus der Blase. Der Rückweg ins Leben kann gelingen; Trotzdem gut leben! Eine Betroffene berichtet aus ihrem Alltag; Winterdepression. Wie künstliches Licht gegen saisonale Stimmungstiefs hilft; BURNOUT: Krankheit mit chic? Warum Burnout für manche nur eine Modeerscheinung ist; Abgeschaltet. Eine Skisprunglegende spricht über Sport und Krankheit; Ausgebrannt. Ein Comedian erzählt über die dunkle Seiten des Erfolgs; SUCHT: Leben ohne Drogen. Eine Entwöhnung ist harte Arbeit; Kinder von Süchtigen. Ein Bilderbuch thematisiert die Wirkung der Alkoholsucht auf die Familie; Rauschgift. Welche Drogen es gibt und wie sie wirken; SCHIZOPHRENIE: Reizflut. Wenn der Dopaminhaushalt im Hirn aus den Fugen ist; Familienangelegenheit. Autorin Janine Berg-Peer über das Leben mit einer schizophrenen Tochter; PSYCHISCHE STÖRUNGEN: Angstfrei leben. Eine krankhafte Furcht ist heilbar; Arztbrief. Wie Zwangsstörungen therapiert werden; Essstörungen. Wenn der Genuss verloren geht; SCHLAFSTÖRUNGEN: Selbstversuch. Schlummern im Labor; Traumforschung. Was unser nächtliches Kopfkino verrät; SERVICE: Kliniken und Ärzte im Vergleich; Kolumne. Helmut Schümann rät, die Psyche ernst zu nehmen

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