Sucht : "Kinder sind Opfer der Umstände"

Wenn Eltern alkoholsüchtig sind, drehen sich die Verantwortlichkeiten in der Familie um. Der Autor Moritz Honert will betroffenen Kindern helfen - mit einem Bilderbuch .

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Illustration: Moritz Honert

Herr Honert, Ihr Kinderbuch »Die Geschichte von Nepomuk und Herrn Heinz« erzählt von einem Hund und seinem Herrchen...

Die beiden leben zusammen, aber immer häufiger ist Nepomuk auf sich allein gestellt, weil Herr Heinz in die Kneipe geht und trinkt. Oder zu Hause seinen Rausch ausschläft. Dabei ist Nepomuk von seinem Herrchen abhängig: Der Hund kann sich nicht allein um sich kümmern, sich Futter holen oder draußen im Park Gassi gehen. Er braucht Herrn Heinz. Das ist in einer Familie ganz ähnlich: Kinder brauchen ihre Eltern. Und wenn die sich nicht kümmern, weil sie alkoholkrank sind, dann ist das ein großes Problem.

Ein Bilderbuch über Alkoholismus - wie kamen Sie auf diese Idee?

Weil ich Kindern, die dieses Problem kennen, damit eine Hilfe an die Hand geben wollte. Soweit ich weiß, gibt es bisher wenig Vergleichbares: Die Bücher zu dem Thema, die sich an Kinder und Jugendliche richten, sind häufig sehr didaktisch oder medizinisch. Ich wollte aber eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die auch kleineren Kindern eine Identifikationsfigur bietet, an der sie sich orientieren können. Auch wenn dieses Buch nicht rein autobiografisch ist: Mein Vater war Alkoholiker. Ich kenne also die Probleme, habe zumindest Ähnliches erlebt. Vielleicht hätte mir damals so ein Buch geholfen, besser mit dieser Situation zurechtzukommen.

Was bedeutet es für ein Kind, wenn ein Elternteil zu viel trinkt?

Als Kind ist man vor allem erst einmal hilflos und ein Opfer der Umstände: Kinder lieben ihre Eltern - auch wenn sie trinken. Sie sind mit der Sucht und all dem, was sie mit sich bringt, aber auch völlig überfordert. Denn meist kehren sich dadurch auch die Verantwortlichkeiten in der Familie um: Anstatt dass die Eltern sich sorgen und kümmern, sind es die Kinder, die diese Aufgabe übernehmen. Dabei können sie dies eigentlich noch gar nicht - und sollten es auch nicht. Hinzu kommt, dass Kinder das Problem ihrer trinkenden Eltern häufig auf sich beziehen, denken, sie wären schuld und der andere habe sie nicht mehr lieb. Das sind natürlich sehr belastende Gedanken.

Illustration: Moritz Honert

Herr Heinz lässt Nepomuk allein, vernachlässigt ihn - ist also ein ziemliches schlechtes Herrchen. Trotzdem kommt er in Ihrer Geschichte nicht als der Böse oder Schuldige weg.

Das ist ja auch in der Realität meist nicht so. Es ist ja nicht so, dass es alkoholkranken Eltern egal ist, wenn es ihren Kindern schlecht geht, dass sie sie gerne und mit Absicht vernachlässigen. Im Gegenteil: Meist fühlen sie sich extrem schuldig, schämen sich sehr für ihr Verhalten - und kommen eben doch nicht aus sich raus. Alkoholismus und Sucht sind sehr komplexe Probleme. Ich denke aber, dass auch kleinere Kinder sie verstehen können, wenn man sie ihnen behutsam erklärt.

Herr Heinz verspricht, mit dem Trinken aufzuhören. Dann geht er doch immer wieder in die Kneipe.

Dieser Wechsel zwischen Hoffnung und Enttäuschung ist typisch in der Beziehung mit Alkoholkranken. Immer wieder glaubt man, sie würden es schaffen - und immer wieder gibt es einen Rückfall, eine neue und vielleicht noch tiefere Enttäuschung. Trotzdem die Hoffnung nie ganz aufzugeben, ist schwierig. Aber es kann sich lohnen.

Moritz Honert ist Redakteur des Tagesspiegels und Vater von zwei Kindern. »Die Geschichte von Nepomuk und Herrn Heinz« ist sein erstes Kinderbuch.
Moritz Honert ist Redakteur des Tagesspiegels und Vater von zwei Kindern. »Die Geschichte von Nepomuk und Herrn Heinz« ist sein...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Gibt es denn etwas, was die betroffenen Kinder selbst tun können?

Nein - zumindest nichts für die Eltern. Die müssen selber merken, dass sie ein Problem haben und es dann auch angehen. Es kann und darf nicht die Aufgabe eines Kindes sein, seine Eltern zu retten. Und das ist ja auch schlicht nicht möglich. Was betroffene Kinder aber dennoch tun können und auch sollten, ist, sich Hilfe zu suchen: von Freunden, anderen Familienmitgliedern oder auch Lehrern. Sie brauchen jemanden, mit dem sie über ihre Situation, über ihre Gefühle und Ängste reden können. Deshalb sollten auch Erwachsene, die um die familiäre Situation wissen, auf ein betroffenes Kind zugehen, ihm Hilfe anbieten und ihm zu verstehen geben: Du bist nicht allein. Deshalb ist mein Buch auch nicht dafür gedacht, dass man es einem Kind in die Hand drückt und es damit alleine lässt. Es ist vielmehr als Gesprächsangebot gemeint, als Vorlesebuch, das Platz lässt, nachzufragen und zu erklären. Meine Motivation war es, dass Kinder durch die Geschichte ein Stück weit lernen, sich von der Verantwortung, die sie für ihre kranken Eltern empfinden, loszumachen. Denn diese Verantwortung lastet viel zu schwer auf einem Kind. Ohne sie ist das Leben leichter.

Ein kleiner Hund und sein alkoholkrankes Herrchen - dieses Bilderbuch fängt ein schwieriges Thema einfühlsam auf. Die Geschichte von Nepomuk und Herrn Heinz. Blaukreuz-Verlag, 52 Seiten, 8,95 Euro

Mehr zum Thema lesen Sie im Magazin für Medizin und Gesundheit in Berlin "Tagesspiegel Gesund".

Weitere Themen der Ausgabe: Faktencheck. Spannende Infos über Geist und Seele; Du hast doch `ne Meise. Ab wann ist die Psyche wirklich krank?; Hirnforschung. Was die Neurowissenschaft kann und was nicht; Psychosomatik. Körper und Geist sind eine untrennbare Einheit; Der Weg zur Heilung. Ambulant, stationär, Reha? Der Navigator weist den Behandlungsweg; Hilfe in der Lebenskrise. Berliner Adressen für den Notfall. Medikamente. Wirkung, Nutzen und Risiken von Psychopharmaka; DEPRESSIONEN: Raus aus der Blase. Der Rückweg ins Leben kann gelingen; Trotzdem gut leben! Eine Betroffene berichtet aus ihrem Alltag; Winterdepression. Wie künstliches Licht gegen saisonale Stimmungstiefs hilft; BURNOUT: Krankheit mit chic? Warum Burnout für manche nur eine Modeerscheinung ist; Abgeschaltet. Eine Skisprunglegende spricht über Sport und Krankheit; Ausgebrannt. Ein Comedian erzählt über die dunkle Seiten des Erfolgs; SUCHT: Leben ohne Drogen. Eine Entwöhnung ist harte Arbeit; Rauschgift. Welche Drogen es gibt und wie sie wirken; SCHIZOPHRENIE: Reizflut. Wenn der Dopaminhaushalt im Hirn aus den Fugen ist; Familienangelegenheit. Autorin Janine Berg-Peer über das Leben mit einer schizophrenen Tochter; PSYCHISCHE STÖRUNGEN: Angstfrei leben. Eine krankhafte Furcht ist heilbar; Arztbrief. Wie Zwangsstörungen therapiert werden; Essstörungen. Wenn der Genuss verloren geht; SCHLAFSTÖRUNGEN: Selbstversuch. Schlummern im Labor; Traumforschung. Was unser nächtliches Kopfkino verrät; SERVICE: Kliniken und Ärzte im Vergleich; Kolumne. Helmut Schümann rät, die Psyche ernst zu nehmen

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