Nachschlag : Das große Streetfooddings

Kleckergefahr: Das gemeinsame Mahl ist die Wiege unserer Zivilisation. Sie wird vom Sandwich-Hype zu Grabe getragen – ein Plädoyer für mehr Esskultur

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Kai Röger leitet das "Tagesspiegel Genuss"-Magazin. Er isst gerne mit Messer und Gabel. Und auf Tellern. Am liebsten noch von schönen.
Kai Röger leitet das "Tagesspiegel Genuss"-Magazin. Er isst gerne mit Messer und Gabel. Und auf Tellern. Am liebsten noch von...Foto: Doris Spiekermann-Klass

Haben Sie schon einmal versucht, im Stehen mit der einen Hand ein riesiges Sandwich mit im Smoker gegarten Schweinefleisch, Apfelscheiben und reichlich Sauce zu essen, und dabei in der anderen Hand ein Craft Beer zu halten? Oder einen Naturwein zu probieren, während in der anderen Hand ein vegetarischer Udon-Burger lange BBQ-Saucenfäden zieht? Ehrlich gesagt: Ich auch nicht. Weil ich es nicht einmal geschafft habe, den Reuben- Sandwich von »Mogg & Melzer« während des „Streetfood Brunchs“ der „Berlin Food Week“ zu essen, ohne mich von Schuh bis Jackett einzukleckern. Aber ich habe unzählige „Foodies“, wie die neue Spezies kulinarisch Interessierter genannt wird, auf den Messen, Märkten und Festivals der vergangenen Wochen und Monate gesehen, die es versucht haben. Und scheiterten. Und es wieder versuchten. Und wieder scheiterten. Zwischendurch haben sie Fotos gemacht. Nicht von sich oder den anderen Klecksern, sondern vom Essen, das sie in den Händen hielten.

Bitte jetzt nicht falsch verstehen: Ich gehe gerne auf Streetfoodmarkets, um die neuesten Imbisstrends beim Entstehen zu erleben. Ich freue mich auf jedes Foodfestival, das mit Spezialevents spannende Köche, außergewöhnliche Produkte, Produzenten und Winzer in die Stadt bringt. Denn ich liebe es, kulinarisch überrascht und begeistert zu werden. Aber ein bisschen ist mir der Hype um das nächste Ding, das man jetzt unbedingt probiert haben muss (und das sich meist als etwas in ein Sandwich Gequetschtes entpuppt), suspekt. Weil, zivilisatorisch betrachtet, die Fresshysterie auf den Märkten wie ein Rückschritt anmutet in graue Vorzeiten, als das gejagte oder gesammelte Essen noch vom Finder an Ort und Stelle verzehrt wurde.

Noch bevor das Konzept »Mahlzeit« uns Primaten an der Feuerstelle zusammenbrachte und wir dort anfingen, so etwas wie Kultur und Gemeinschaft zu entwickeln: Nahrung und Arbeit teilen, dem Fresstrieb nicht sofort nachgeben, sondern Warten lernen, bis etwas zubereitet war, um es dann gemeinsam zu verspeisen. Das ist doch die Wiege unserer Zivilisation! Wir haben aufgehört auf den Bäumen zu sitzen, weil wir lieber zusammen am Feuer saßen und uns über andere Baumbewohner lustig machten, während ein Mammut auf dem Grill schmurgelte, bis es innen zart und außen knusprig war.
Der Streetfood–Hype degradiert uns zu vorzivilisatorischen Triebbefriedigern, die nicht mehr warten wollen. Was wir sehen, wird gegessen. Die Gemeinschaft zerfällt in Individuen, die wieder jagen und sammeln.
Jeder für sich. Und von Sauce gezeichnet.

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