Rustawi in Georgien : Stalins Stahlwerk – vom Winde verweht

Die Industriestadt Rustawi war einst der Stolz Georgiens. Mit der Unabhängigkeit Anfang der 1990er Jahre kamen aber auch Massenarbeitslosigkeit und der Verfall.

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Das Hauptverwaltungsgebäude des Metallurgischen Stahlwerkes in der ehemaligen Industriestadt Rustawi.
Das Hauptverwaltungsgebäude des Metallurgischen Stahlwerkes in der ehemaligen Industriestadt Rustawi.Foto: Jana Demnitz

Stalin, selbst Georgier, ließ das erste und einzige Stahlwerk in Georgien zwischen 1944 und 1948 aus dem Boden stampfen und die dazugehörige Stadt gleich mit. Nur eine halbe Stunde Autofahrt von der georgischen Hauptstadt Tiflis entfernt, entstand in der Sowjetära im staubigen Sand ein gewaltiger Industriekomplex.

In Spitzenzeiten waren dort mehr als 12.000 Menschen beschäftigt, die bis zu 100.000 Tonnen Stahl im Monat herstellten. Die Arbeiter fertigten im Schichtsystem Rohre für die Öl- und Gasindustrie. Produziert wurde für die ganze Welt, aber vorrangig für die Sowjetunion.

Stahlwerk Rustawi - historische Aufnahmen
Das Stahlwerk Rustawi Anfang der 1950er Jahre.Alle Bilder anzeigen
1 von 5Foto: Stahlwerk Rustawi, Archiv
17.12.2013 09:04Das Stahlwerk Rustawi Anfang der 1950er Jahre.

Mit Perestroika und Glasnost Ende der 1980er Jahre erfüllte sich für viele Arbeiter zwar die Hoffnung auf ein unabhängiges Georgien, aber zugleich erlebte das einstige Vorzeigekombinat auch den Absturz. Die landesweite Wirtschaftsblockade gegenüber der ehemaligen Besatzungsmacht, mit ausgerufen vom georgischen Oppositionsführer und späteren Präsidenten Gamsachurdia, hatte katastrophale Folgen. Die alten Absatzmärkte waren weg, neue gab es nicht und die Produktion kam fast vollständig zum Erliegen.

Altes Stahlwerk in Rustawi
Stahlstandort "Tuci-Werk XXI". 1993 wurden hier die Hochöfen komplett runter gefahren. Seit dem wird auf dem Gelände nicht mehr gearbeitet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 32Foto: Jana Demnitz
17.12.2013 13:56Stahlstandort: "Tuci-Hochofen-Werk XXI". 1993 wurden hier die Hochöfen komplett runter gefahren. Seit dem wird auf dem Gelände...

Mitte der 1990er Jahre waren die Hochöfen komplett aus, Rustawi erlebte einen Niedergang sondergleichen. Etliche Zulieferfirmen mussten dicht machen und Tausende Menschen wurden von heute auf morgen arbeitslos. Von mehr als 100.000 Einwohnern gingen Zehntausende fort, hauptsächlich in die USA, nach Deutschland, nach Asien. Viele Produktionsbereiche gammelten nur noch vor sich hin.

Wenn man heute an dem ehemaligen Industriekomplex entlang fährt, erscheinen einem die Stahlskelette und durchlöcherten Betonwände gespenstisch und faszinierend zugleich. Die Natur kricht voran und erobert sich langsam ihr angestammtes Terrain zurück.

Georgien-Karte
Georgien-KarteFoto: Tsp/Bartel

Aus den lodernden Schornsteinen, die einst vom Stolz der ganzen Region erzählten, sind graue, stumme Beton-Stelzen geworden. Stalins Vorzeige-Industriestadt bröckelt, zerfällt und wird jedes Jahr ein Stückchen mehr vom georgischen Wind in alle Himmelsrichtungen gepustet.

Mit der Privatisierung 2005 ging es wieder langsam aufwärts, dennoch erreichte das Unternehmen mit Machtkämpfen und wechselnden Eigentümern bisher mehr Aufmerksamkeit als mit wachsenden Produktionszahlen.

Mitglieder einer georgischen Oligarchen-Familie streiten seit Jahren gerichtlich um das Stahlwerk. Das Oberste Georgische Gericht soll ein Urteil darüber fällen. Ausgang offen.

Von mehr als 10.000 Mitarbeitern sind heute noch rund 2.000 Männer und Frauen im Werk beschäftigt.
Mehr als 10.000 Menschen arbeiteten einst im Werk. Heute sind dort wieder rund 2.000 Männer und Frauen beschäftigt.Foto: Jana Demnitz

Unterdessen arbeiten in den Hallen wieder 2.000 Menschen und stellen wie einst Rohre für die Gas- und Ölindustrie her. Die aktuellen Eigentümer, die Familie des verstorbenen Oligarchen Badri Patarkazischwili, sagen, sie wollen dem Stahlwerk wieder zu neuen Glanz verhelfen und suchen Investoren. Solange jedoch die Besitzverhältnisse nicht geklärt sind, werden ausländische Geldgeber wohl auch weiterhin einen großen Bogen um Rustawi machen, wo immer noch der georgische Wind um die Industriebrachen weht.

Lesen Sie auf den folgenden Seiten die persönlichen Erzählungen von ehemaligen und noch tätigen Arbeitern. Geschichten von Stolz, Verlust aber auch Hoffnung.

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