Klinikalltag : Fast wie im Hotel

Kliniken bieten besseren Service für Zuzahler, deshalb schließen Kassenpatienten Zusatzpolicen ab, um sich ein Einzelzimmer leisten zu können.

Gwendolin Gurr, Laura Stelter
Knapp 70 Euro kostet bei Vivantes ein Einzelzimmer extra.
Knapp 70 Euro kostet bei Vivantes ein Einzelzimmer extra.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es gibt teure und billige Hotels, Bio-Essen und Fast Food, gute und schlechte Jobs. Folglich gibt es einfache und bessere Krankenzimmer. Und wer zahlungskräftige Patienten möchte, bietet ihnen die komfortablen Zimmer an - gegen entsprechendes Entgelt, versteht sich. Inzwischen werben Krankenhäuser fast aller Ausrichtungen um die Zusatzzahler unter den Kranken. Die Privatkliniken leben ohnehin von Privatversicherten oder behandlungsbedürftigen Gästen mit dem nötigen Geld. Doch auch die landeseigenen Häuser wollen solche Patienten. Und selbst gemeinnützige und christliche Einrichtungen haben Zimmer für diejenigen Kranken, die sich ihren Aufenthalt etwas kosten lassen können.

Die mittlerweile fünf Komfortstationen in den Kliniken von Vivantes bieten neben Zimmern im Hotelstil auf Wunsch auch Übersetzer, Wasch- und Bügeldienste, Internet und Satellitenfernsehen. Mittags stehen bis zu zehn Menüs zur Auswahl. Auf der Komfortstation des Vivantes Humboldt-Klinikums in Reinickendorf etwa arbeiten neben rund 100 Schwestern und Pflegern deshalb auch 25 Serviceangestellte.

Zuzahlen für die Komfortzimmer müssen die gesetzlich Versicherten, rund 90 Prozent der Berliner. Knapp 70 Euro pro Tag kostet bei Vivantes ein Einzelzimmer extra, höchstens 52 Euro fallen für ein Zweibettzimmer an. Über mehrere Tage kommt da einiges zusammen. Die Versicherungen stellen fest, dass immer mehr Kassenpatienten eine Zusatzpolice abschließen, um diesen Komfort für Privatheit und möglichst wenig gestörte Nacht ohne Extrakosten wählen zu können. Viele gesetzliche Krankenkassen kooperieren mit privaten Anbietern, um ihren Versicherten solche Zusatzangebote quasi aus einer Hand anzubieten. Aber viele Versicherungskonzerne haben solche Zusatzpolicen auch ohne Kassenkooperation im Programm.

Auch der private Klinikkonzern Helios betreibt in seinen beiden Berliner Häusern eine Komfortabteilung, die im Versicherungsdeutsch oft Wahlleistungsstation genannt wird. Patienten werden mit Flachbildfernsehern, Tageszeitungen, Internet und Mittagsmenü gelockt. Die Preise sind wie in anderen Kliniken mit dem Verband der privaten Krankenversicherung abgestimmt und betragen bei Helios derzeit 100 Euro im Klinikum Emil von Behring und 128 Euro in Buch für ein Einbettzimmer und 50 beziehungsweise 60 Euro für einen Platz im Zweibettzimmer pro Tag.

Nicht alle wollen dabei dem gern genutzten Argument folgen, dass die Angebote von Hotelstandards für zahlungskräftige Patienten ein Segen für die normale Krankenversorgung sei. „Die Komfortstationen profitieren eher von den Kassenpatienten, nicht umgekehrt“, sagt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Die gesetzlich Versicherten bezahlen mit ihren Beiträgen maßgeblich die Infrastruktur der Kliniken. Nur so seien die Ressourcen zu schaffen, mit denen Krankenhäuser ein Segment für zahlungskräftige Kundschaft ausgliedern können. „Reine Privatkliniken haben sich hierzulande bislang nämlich kaum rentiert“, sagte Lauterbach. Und obwohl die Masse an Kassenpatienten die Komfortstationen erst ermögliche, sei die Wahrscheinlichkeit, von einem Spezialisten versorgt zu werden, für zahlungskräftige Patienten größer. Davor warnt auch Berlins Patientenbeauftragte Karin Stötzner: „Solche Stationen dürfen nicht von denjenigen mitfinanziert werden, die ein Bett dort gar nicht bezahlen könnten.“ Bei der landeseigenen Klinikkette Vivantes weiß man, dass sich 90 Prozent der Kassenpatienten die Komfortbetten wohl nicht leisten können. Dennoch müssten sie keine schlechtere Behandlung fürchten, hieß es. Von der in der Komfortstation üblichen Chefarztbehandlung abgesehen sei die Versorgung klinikweit auf gleichem Niveau.

Anfang 2016 wird auch in der Charité am Campus Mitte eine Komfortstation eröffnet. Dort können zukünftig bis zu 34 Patienten versorgt werden. Der Unterschied zur normalen Station bestehe hauptsächlich im Komfort der Unterbringung, „verbunden mit hotelähnlichen Dienstleistungen, die durch separates Servicepersonal erbracht werden“, sagt eine Sprecherin. Die Zimmer sollen Hotel- und Appartementzimmern ähneln, größer und mit zusätzlichen Möbeln ausgestattet sein: Arbeitsplatz, Sessel und Teeküche. Zusätzlich zu den Leistungen, die das eigene Servicepersonal erbringt, könnten die Komfortpatienten in der 20. Etage des neu gestalteten Bettenhauses einen Panoramablick über Berlin genießen, wenn sie im Patientenrestaurant speisen. Die Charité reagiere mit der Einrichtung der Komfortstation auf die seit einigen Jahren unverändert hohe Nachfrage nach Komfort in der Krankenhausbehandlung, besonders vonseiten ausländischer Patienten. Kassenpatienten, die nicht über eine Zusatzversicherung verfügten, müssten für diese Leistungen zwischen 80 und 150 Euro pro Tag zusätzlich zahlen. Die medizinische Behandlung in der Komfortstation unterscheide sich jedoch nicht von anderen Stationen. Die Patienten können sich auf Wunsch chefärztlich behandeln lassen. Das sei in allen anderen Stationen auch möglich.

In der Schwesternschaft des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) will man sich nicht auf das Komfortgeschäft konzentrieren. Doch auch dieser gemeinnützige Krankenhausbetreiber hat in einem seiner vier Häuser in Berlin eine Komfortstation eingerichtet. In den DRK Kliniken Berlin-Köpenick könnten sich Patienten in 28 Betten in „stilvoller Atmosphäre“ gesund pflegen lassen - inklusive Echtholzparkett und Fußbodenheizung im Badezimmer, teilt die Schwesternschaft mit. Auch dort zahlen gesetzlich Versicherte, wie in den anderen Kliniken üblich, einen Komfortaufschlag.

Krankheiten und Behandlungen

Die Redaktion des Magazins "Tagesspiegel Kliniken Berlin 2016" hat die Berliner Kliniken verglichen. Dazu wurden die Behandlungszahlen, die Krankenhausempfehlungen der ambulanten Ärzte und die Patientenzufriedenheit in übersichtlichen Tabellen zusammengestellt, um den Patienten die Klinikwahl zu erleichtern. Das Magazin kostet 12,80 Euro und ist erhältlich im Tagesspiegel Shop.

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