Polio Impfung : Kampf gegen Kinderlähmung

Die Polio Impfung war rückblickend eine der wirkungsvollsten - vor allem in Industrieländern. Weltweit gesehen fehlen jedoch noch die letzten Meter zum Ziel.

Adelheid Müller-Lissner
In Pakistan ist Kinderlähmung noch immer eine weitverbreitete Krankheit. Mit der Polio Impfung soll die Verbreitung gestoppt werden.
In Pakistan ist Kinderlähmung noch immer eine weitverbreitete Krankheit. Mit der Polio Impfung soll die Verbreitung gestoppt...Foto: AFP

Selbst große Errungenschaften werden schnell selbstverständlich. Der Sieg über Krankheiten ist da ein gutes Beispiel. „Die Bedeutung großer Mediziner kann man gut daran messen, wie vollständig sie uns vergessen lassen, was wir ihnen verdanken“, war nach dem Tod des Arztes Jonas Salk (1914–1995) im US-Magazin „Time“ zu lesen. Salk ist einer, dem die Welt viel verdankt: Er hat maßgeblichen Anteil daran, dass die Kinderlähmung in fast allen Ländern der Erde ausgerottet werden konnte. Ganz vergessen ist der Mann, der die Polio Impfung gegen das Virus entwickelte, im Übrigen nicht: Jedes Jahr wird an seinem Geburtstag, dem 28. Oktober, der Weltpoliotag begangen. Denn auch die Krankheit Polio (Poliomyelitis) selbst kann noch nicht ganz vergessen werden. Zwar wurden die meisten Regionen der Erde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als poliofrei erklärt. Doch in einigen Ländern wie in Nigeria, Indien und im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan, kann noch keine Entwarnung gegeben werden.

WHO kämpft gegen Poliomyelitis

Dabei haben 166 Mitgliedstaaten der WHO sich in einer ehrgeizigen Resolution im Jahr 1988 das Ziel gesetzt, den Erreger der Poliomyelitis (wörtlich: Entzündung der grauen Rückenmarkssubstanz) ganz von unserem Planeten zu verbannen. Machbar erscheint das, weil die Viren der Polio zu ihrer Vermehrung auf Menschen angewiesen sind. Und die können durch Polio Impfungen vor der Krankheit geschützt werden.

Man geht heute davon aus, dass 90 bis 95 Prozent der Menschen, die sich durch Aufnahme des Erregers in den Mund angesteckt haben, keine Symptome zeigen, dennoch das Virus aber mit dem Stuhl weiter übertragen können. Trotz fehlender Krankheitszeichen entwickeln diese Infizierten einen Immunschutz, der „stille Feiung“ genannt wird. Im schlimmsten Fall befällt der Erreger aber Zellen des Rückenmarks, die Muskelbewegungen steuern. Diese Vorderhornzellen werden zerstört oder zumindest schwer geschädigt, es kommt zu der gefürchteten Kinderlähmung. Einer von 200 Infizierten hat unter solchen Lähmungen zu leiden, im Extremfall ist sogar die Atemmuskulatur betroffen. In besonders schweren Fällen kamen Erkrankte zur Unterstützung der Atmung früher in die „Eiserne Lunge“, ein Gerät, das die Atmung mechanisch unterstützte. Krücken, Beinschienen und Rollstuhl sind unentbehrliche Hilfsmittel. Viele kennen die Fotos des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt (1882–1945), der 1921 als Erwachsener an Polio erkrankte und seitdem auf den Rollstuhl angewiesen war.

Polio Impfung rettet Leben

Nach dem zweiten Weltkrieg kam es in Westeuropa und den USA zu echten Epidemien. Allein im Jahr 1952 waren in Deutschland fast 10 000 Menschen neu an Kinderlähmung erkrankt. Dann kam der Impfstoff gegen Kinderlähmung: 1955 zunächst der von Salk entwickelte, für den tote Viren eingesetzt werden und der gespritzt werden muss. Ein paar Jahre später entwickelte Salks Kollege Albert Sabin (1906–1993) eine Polio Impfung aus abgeschwächten, lebenden Viren. Sie wurde 1960 in der DDR, 1962 in der Bundesrepublik eingeführt und konnte ganz einfach auf einem Stückchen Zucker eingenommen werden. „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“, so der einprägsame Werbeslogan.

Der Erfolg war durchschlagend: Hatte es 1961 in der Bundesrepublik 4670 Neuerkrankungen gegeben, so waren es im Jahr 1965 noch 48. Als kleiner Wermutstropfen wirkten jedoch die Nachrichten über die sogenannte Impf-Poliomyelitis: Ganz selten führten die abgeschwächten, aber vermehrungsfähigen Viren bei Impflingen und ihren Kontaktpersonen ausgerechnet zu den Lähmungserscheinungen, die der Impfstoff verhüten sollte. „Die Impfviren können sich genetisch so verändern, dass sie im Ausnahmefall Nervenzellen infizieren können“, erklärt der Charité-Virologe Heinz Zeichhardt. Auch wenn das nur nach ungefähr einer von 2,5 Million Impfungen vorkam, war es Wasser auf die Mühlen von Impfskeptikern und Impfgegnern. Gerade weil die Massen-Impfung so wirksam war, dass kaum einer mehr die Polio als natürliche Bedrohung kannte, war man besonders sensibel bei den wenigen Ausnahmen.

Seit 1998 empfiehlt die am Berliner Robert-Koch-Institut angesiedelte Ständige Impfkommission (STIKO) wieder eine Impfung, die eine Impf-Poliomyelitis vollständig ausschließt, da bei seiner Herstellung nicht vermehrungsfähige Viren verwendet werden. Das bedeutete das Ende der Schluckimpfung, denn der neue Impfstoff muss gespritzt werden. Doch da Babys mit derselben Injektion auch gegen Tetanus und Diphtherie geschützt werden können, geht sozusagen alles in einem Aufwasch.

Impfstoff zum Schlucken unentbehrlich

In anderen Teilen der Erde aber ist die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung, da sie günstiger ist, weiterhin unentbehrlich, wenn alle Kinder erreicht werden sollen. Um dieses Ziel hat sich Rotary International besonders verdient gemacht, eine 1905 in den USA gegründete internationale Organisation von führenden Vertretern aller Berufe, die sich humanitäre Projekte auf die Fahnen geschrieben haben. Ihr Name leitet sich übrigens aus der anfänglichen Sitte ab, sich im Rotationssystem in den verschiedenen Büros der Mitglieder zu treffen. Schon 1979 brachte die Organisation das Geld dafür auf, dass sechs Millionen Kinder auf den Philippinen den Impfstoff gegen Kinderlähmung als Schluckimpfung bekamen. 1985 haben sich die Rotarier, zusammen mit der WHO, den staatlichen Gesundheitsbehörden der USA und dem Kinderhilfswerk UNICEF, das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2005 alle Kinder überall auf der Erde gegen Polio bzw. Kinderlähmung zu impfen. „So lange ein einziges Kind infiziert ist, bleibt das Risiko für Kinder in aller Welt“, warnt die WHO. Das Risiko an Kinderlähmung zu erkranken, besteht allerdings noch heute.

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